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Ernst Ludwig Ehrlich

Edith Stein und das Judentum

Edith Steins Kenntnis des Judentums war nur sehr oberflächlich. Sie beging zwar mit ihrer Familie den Sabbath und die jüdischen Festtage. Daß sie ein vertieftes Wissen gehabt hat, geht aus ihrer Selbstbiographie jedoch nicht hervor. Vor allem scheint auch die emotionale Dimension, die für sie sehr wichtig war, gefehlt zu haben. Dazu kommt, daß zu Edith Steins Zeit Frauen in der Synagoge in Breslau eine passive Rolle in der Ausübung des Kultes spielten. In konservativen und Reformsynagogen ist das heute anders. Damals saßen die Frauen mehr oder weniger isoliert auf der Empore. Das konnte Edith Stein nicht befriedigen.

Die Konversion Edith Steins zum Christentum ist im Zeitalter der Religionsfreiheit genauso legitim wie heute die Konversion von Tausenden von Christen zum Judentum. Allein diejenigen, die ihre Religion wechseln, entscheiden darüber, eine Kritik steht anderen nicht zu.

Es ist wahrscheinlich richtig, daß Edith Stein erst durch ihre Lektüre der Bibel die jüdische Religion wirklich kennengelernt hat. Es gibt auch heute viele Juden, die von ihrer Tradition wenig wissen; gleiches gilt für viele getaufte Christen, die vielleicht konfirmiert werden und deren Christentum dann erst bei der Beerdigung wieder aufscheint. Edith Stein hat durch die Lektüre der Bibel Jesus als einen Juden erkannt, der er war. Heute gibt es nicht wenige Christen, die nach der vertieften Kenntnisnahme der jüdischen Quellen sich ein Verständnis des Judentums angeeignet haben.

Der Vatikan hat sich vor und nach Kriegsausbruch für die Juden sowenig interessiert wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Dem Schicksal der Juden gegenüber herrschte eine gewisse Gleichgültigkeit. Der eigentliche Feind war nicht der Nazismus, sondern der Bolschewismus; das geht jetzt aus den vorliegenden Quellen hervor.

Der Weg Edith Steins ins Kloster und ihre damit verbundene Solidarität mit dem jüdischen Volk ist ein individueller Vorgang, der für andere nicht nachvollziehbar ist, wie überhaupt die ganze Haltung und Biographie Edith Steins ihr persönliches Gut ist und für andere in der Tiefe ihrer Entscheidung und ihres Wesens nicht zu verstehen ist. Wir können es nur als ihr Leben akzeptieren, ein Leben, zu dem sie sich in Freiheit entschieden hat. Ihre katholische Kreuzes-Spiritualität hat natürlich mit dem Judentum gar nichts zu tun, und man sollte hier keinen Synkretismus versuchen. Das bedeutet aber nicht, daß man ihr nicht das Recht gäbe, so zu denken und vor allem so zu fühlen.

Die jüdische Religion ist ohne Hoffnung nicht denkbar. Durch sie zieht sich in Jahrtausenden der Glaube an die zukünftige Erlösung, an das Reich Gottes. Gleichzeitig jedoch steht im Mittelpunkt des Judentums das ethische Handeln des Menschen, diese Welt gerechter, nach Gottes Willen, zu gestalten. Dem Liebesgebot im 3. Buch Mose, Kap. 19, Vers 18, folgt unmittelbar die Tatsache, daß es sich hier um eine Forderung Gottes handelt. Wir leben in dieser Welt, und uns ist es aufgegeben, in ihr zu wirken und sie so zu gestalten, damit Unmenschlichkeit in keiner einzigen Form mehr geschieht. Uns allen ist diese Aufgabe gestellt; auf uns alle kommt es an, und die Religionen können dazu einen ganz entscheidenden Beitrag leisten. Tun sie es nicht, so sind sie auch als Religion gescheitert, und das war leider mit dem Christentum der Fall, als Christen es zuließen, daß sechs Millionen Juden ermordet wurden. Der Tod in der Schoa ist ohne Sinn. Er zeugt nur dafür, wie Menschen durch ihre Bosheit und Gleichgültigkeit gegenüber den Juden an ihrem eigentlichen Menschsein gescheitert sind.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Kirchen — keineswegs nur die katholische — gegenüber dem Versagen bei der Verhinderung des Mordes an den Juden ein schlechtes Gewissen haben. Die Judenverfolgungen, an denen die Kirchen früher führend beteiligt waren, beginnen bereits im Mittelalter. An Edith Stein soll wohl gezeigt werden, wie sich endlich eine Kirche mit einer Frau jüdischer Abstammung solidarisiert, eine Solidarität, die eben vorher mit Frauen jüdischer Abstammung nicht stattgefunden hat. Es handelt sich hier also um einen spirituellen Nachholbedarf. Ein Vorbild für die Juden kann damit freilich nicht erstellt werden, denn Edith Stein ist ihren ganz individuellen und für andere nicht wiederholbaren Weg gegangen.

Oft ist gefragt worden, ob die katholische Kirche mit der Heiligsprechung Edith Steins eine irgendwie geartete Vereinnahmung des Judentums beabsichtigt. Dieser Vorwurf scheint mir unberechtigt zu sein, denn schließlich kann die katholische Kirche eine Frau, die zu ihr gehört und Märtyrerin wurde, auf diese Weise hervorheben. Juden fühlen sich hier nicht angesprochen, denn Edith Stein hat bewußt alles verlassen, was für Juden Judentum bedeutet. Daß sie schließlich in die Schicksalsgemeinschaft gewaltsam zurückgeholt wurde, bedeutet keine Heimkehr in den weiten Bereich des Judeseins, sondern beweist nur einmal mehr die Rastlosigkeit jener Barbaren, die alles, was mit dem Judentum zu tun hatte oder von jüdischer Abstammung war, zu vernichten suchten.

Natürlich spielt in der jüdischen Existenz auch das jüdische Volk eine wesentliche Rolle. Zu ihm wurde Edith Stein durch ihre Mörder zurückgeholt. Das aber hat mit einer geistigen Heimkehr in das Judentum nichts zu tun. Wenn sie in diesem Jahr heiliggesprochen wurde, hat das vor allem den einen Sinn, daß Katholiken in aller Welt sich einmal mehr vergegenwärtigen, was Juden und Jüdinnen unter den Augen, mit dem Wissen oder dem Ahnen vieler Christen angetan wurde. Einzelheiten mögen sie nicht gewußt haben; über das Verschwinden und damit über die an den Juden begangenen Verbrechen konnten sie wissen, wenn sie sich dafür interessiert hätten. Leider zogen sich die meisten von ihnen auf ihre eigenen Interessen zurück und besiegelten damit das Schicksal jener Menschen, aus deren Volk auch Edith Stein einst gekommen war.

Edith Stein ist für mich eine Frau, die früher als manche andere frauenemanzipatorische Einsichten gehabt hat. Sie war eine Philosophin von großem Format und in ihrer menschlichen und spirituellen Kraft zweifellos eine ungemein starke Persönlichkeit. Ich schätze sie als einen Menschen, der sich einen ganz eigenen Weg innerlich erkämpft hat. Sie war eine Frau, die dafür Zeugin ist, welches geistige Potential in Menschen jüdischer Abstammung vorhanden ist. Sie gehört nicht in das Judentum hinein, wohl aber in die jüdische Schicksalsgemeinschaft. Als Opfer dieser Gemeinschaft verneige ich mich vor ihr.


Der Publizist Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, Riehen bei Basel, ist Prof. em. für Judaistik an der Universität Bern und Generalsekretär der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft der Schweiz.


Anmerkung der Redaktion: Das Hirtenwort der Deutschen Bischöfe „Edith Stein zur Heiligsprechung am 11. Oktober 1998“, Arbeitsheft 144, ist zu beziehen vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Kaiserstraße 163, 53113 Bonn, Tel.: 0228/103-205, Fax: 0228/103-330 oder vom jeweiligen Ordinariat.


Jahrgang 6/1999 Seite 20



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