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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 5/1998 Heft 4

Unter den Ansprachen von Johannes Paul II. während seiner Österreich-Reise (19.-21. Juni 1998) war die sogenannte „Europarede“ an die Politiker und das Diplomatische Korps in der Wiener Hofburg am 20. Juni von besonderer Bedeutung. Mit Bezug auf die Schoa und die Bemühungen um Aussöhnung betonte der Papst: „Wir dürfen auch nicht vergessen, daß europäische Geschichte eng mit der Geschichte jenes Volkes verflochten ist, aus dem Jesus Christus hervorgegangen war. In Europa wurde dem jüdischen Volk unaussprechliches Leid zugefügt. Wir können nicht unbedingt davon ausgehen, daß alle Wurzeln dieses Unrechts unwiederbringlich ausgerissen sind. Aussöhnung mit den Juden gehört also zu den Grundpflichten für die Christen Europas.“
Oberrabbiner Israel Meir Lau, Jerusalem, sagte in Wien, der Papst sei, wie kein anderer Christ, ein Freund des jüdischen Volkes. Dies sei ein Ergebnis seines persönlichen Miterlebens der Tragödie in Polen. Johannes Paul II. hatte den Großvater des Oberrabbiners, von dessen 47 Enkelkindern nur fünf die Schoa überlebten, persönlich gekannt.

Rund fünfzig evangelikale Gruppen wollen ihre missionarischen Aktivitäten in Israel einstellen. Angesichts der Ereignisse, die der Gründung des Staates Israel vorausgegangen seien, sei man besonders sensibel gegenüber den Gefühlen, die daraus resultieren. Man wolle auch alles vermeiden, was Juden ihrer Tradition und ihrer Gemeinschaft entfremden könnte. Mit der Erklärung vom 31. März 1998 in Jerusalem wollten die Gruppen einer Gesetzesinitiative ultraorthodoxer Juden gegen Proselytismus in Israel zuvorkommen. Die Novelle sah unter anderem bis zu ein Jahr Gefängnis vor für Personen, die „illegales Material mit proselytischem Inhalt“ einführen oder verbreiten. Nissim Zvili, Abgeordneter der Arbeiterpartei, zog nach der Veröffentlichung der Erklärung seine Unterstützung der Gesetzesvorlage zurück. Ultra-orthodoxe Abgeordnete wollen weiter dafür eintreten.

Anläßlich eines Besuches von Bundeskanzler Kohl in Polen (Juni 1998) machte der Vorsitzende der Stiftung „Deutsch-Polnische Versöhnung“, Turczynski, auf das Recht polnischer Zwangsarbeiter auf Entschädigungszahlungen aufmerksam. Die Stiftung strebt eine einmalige Zahlung von 10 000 DM für jedes der 730 000 registrierten Opfer an. Die Bundesregierung hatte der Stiftung 500 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. VW will zur Entschädigung von 30 ehemaligen jüdischen Zwangsarbeitern einen privaten Hilfsfonds einrichten. Ähnliche Lösungen werden von den Firmen Hochtief (Essen) und Varta (Hannover) zugunsten von hundert dänischen KZ-Häftlingen angestrebt. Anlaß des Besuches war die Eröffnung einer Jugendbegegnungsstätte in Kreisau bei Schweidnitz am 11. Juni 1998 durch Bundeskanzler Kohl und den polnischen Ministerpräsidenten Buzek.

An der Universität Basel wurde am 24. Juni 1998 vom Stiftungsrat der „Stiftung für Jüdische Studien“ das „Institut für Jüdische Studien der Universität Basel“ von Regierungsratspräsident Peter Schmid präsentiert. Die Initianten und künftigen Leiter des Instituts sind die Professoren Heiko Haumann und Ekkehard Stegemann. Am Institut sollen der Beitrag des Judentums zur „allgemeinen“ Geschichte und Kultur sowie jüdische Geschichte und Kultur selbst gelehrt werden. Das Institut wird Lehre und Forschung sowie Publikationen auf diesem Gebiet ermöglichen und vorhandene universitäre Aktivitäten koordinieren. Neben Wissensvermittlung und Aufklärung über das Judentum, auch im außeruniversitären Bereich, soll der interreligiöse Dialog besonders entfaltet werden.

Die Bombenanschläge auf die Marina Roscha und die Darchei Schalom Synagogen in Moskau am 13. Juni 1998 sind sowohl von Präsident Boris Jelzin als auch vom russisch-orthodoxen Patriarchen Alexei II. und von islamischen Führern Rußlands verurteilt worden. Die Explosion in der dreistöckigen Synagoge Marina Roscha geschah nur Minuten, nachdem eine Gruppe von 70 Kindern das Gebäude verlassen hatte. Zwei Stockwerke wurden völlig zerstört und ein Schaden von 100 000 Dollar verursacht. Die Darchei Schalom Synagoge war erst vor drei Monaten eingeweiht worden. Nach Ansicht einiger Politiker seien die Anschläge als Reaktion gegen die starke Beteiligung von Juden an der Regierung zu werten. Auf die Marina Roscha Synagoge waren schon 1993 und 1996 Anschläge verübt worden.

Jüdisch orthodoxe Feministinnen hielten am 15. und 16. Februar 1998 ihre zweite Internationale Konferenz zum Thema Feminismus und Orthodoxie in Manhattan ab. Während an der ersten Konferenz etwa 1000 Frauen teilgenommen hatten, zählte die zweite schon doppelt so viele Teilnehmerinnen. Es geht den orthodoxen Frauen in erster Linie um das Tora Studium sowie um die Erweiterung ihrer Rolle in der religiösen Führung der Gemeinden. Keine der bestehenden orthodoxen Frauenorganisationen war jedoch bereit, die Konferenz offiziell zu unterstützen — ein Zeichen dafür, daß die neue Bewegung noch keineswegs vom orthodoxen Establishment anerkannt wird. Auch Rabbiner und Leiter jüdischer Einrichtungen nahmen teil.

Das Argentinien-Haus in New York, eine regierungsunabhängige Organisation, wird im Rahmen seines Programms „Die Gerechten“ die Gründung des internationalen Raoul-Wallenberg-Ausschusses unterstützen, um die Arbeit des früheren schwedischen Diplomaten zu würdigen. Wallenberg, der 1944 im von den Deutschen besetzten Ungarn die schwedische Krone vertrat, rettete Tausenden von Juden das Leben. Nach dem Krieg wurde er von den Sowjets verhaftet und ist seitdem verschwunden. Ehrenpräsident des Ausschusses ist der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Das Programm wird von Frau Nane Annan, der Nichte Raoul Wallenbergs und Ehefrau des gegenwärtigen Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Kofi Annan, unterstützt.

Bundespräsident Roman Herzog wurde am 10. Juni 1998 für seine Verdienste um Aussöhnung zwischen Christen und Juden sowie zwischen Deutschland und Israel der Leo-Baeck-Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland überreicht. Der Vorsitzende des Zentralrates, Ignatz Bubis, würdigte Herzogs Gesinnung und Glaubwürdigkeit, die dieser in Wort und Tat verkörpere. In seiner Dankesrede nannte Herzog die Vertreibung und Ermordung der deutschen Juden eine „Selbstverstümmelung unseres Volkes“. Er erinnerte, daß jüdische Gemeinden an Rhein, Main und Donau schon lange vor der Christianisierung des Gebietes bestanden hätten.

Geehrt und ausgezeichnet wurden:

— Bundeskanzler Helmut Kohl mit der Ehrendoktorwürde der 1948 von amerikanischen Juden gegründeten Brandeis Universität in Boston (Mai 1998) für seine Verdienste, „aus dem Deutschland des Holocaust ein Deutschland zu gestalten, das nach den Vereinigten Staaten der engste und treueste Freund Israels ist“;

— am 26. Mai 1998 Prof. Dr. Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Bundestags, mit der Ehrendoktorwürde der Ben-Gurion-Universität;

— Prof. Dr. Ekkehard Stegemann am 29.3.1998 von der Israelitischen Gemeinde in Basel und dem kontinental-europäischen B‘nai B‘rith für seine Bemühungen um die jüdisch-christliche Begegnung, die Förderung der Judaistik an den Universitäten mit der Goldmedaille „For distinguished Leadership and Service for Humanity“;

— als vierte Preisträgerin jüdischer Herkunft die Freiburger Schriftstellerin Lotte Paepcke mit dem Hebel-Preis des Landes Baden-Württemberg am 10.5.1998 in Hausen, dem Heimatort Johann Peter Hebels;

Joel Berger, Landesrabbiner von Württemberg, mit der Ehrendoktorwürde der Universität Tübingen (4. Mai 1998) für seine wissenschaftlichen Leistungen;

Othmar Keel, Professor für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz), am 14. Mai 1998 von der Ben-Gurion-Universität mit dem „Irene-Levi-Sala-Preis in the Archeology of Israel“;

die Musikpädagogin Gisela Ludwig, Bruchsal, am 18. Mai 1998 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für ihren Einsatz zur Rettung Gießener Juden.


Jahrgang 5/1998 Seite 315



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