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In memoriam Hermann Levin Goldschmidt (1914-1998)
Rabbiner Roland Gradwohl (1931-1998)

Hermann Levin Goldschmidt (1914-1998)

Am 29. März 1998 verstarb in Zürich der Philosoph Dr. Hermann Levin Goldschmidt im 84. Lebensjahr. 1914 in Berlin geboren, emigrierte er 1938 in die Schweiz. Als einer der wenigen Überlebenden der liberalen deutsch-jüdischen Kultur studierte er Philosophie an der Universität Zürich, die bereits 1939 seine Arbeit „Der Geist der Erziehung bei Jeremias Gotthelf“ als Preisschrift auszeichnete. 1941 promovierte er bei Eberhard Griesebach mit dem Thema „Der Nihilismus im Lichte einer kritischen Philosophie“. In den folgenden Jahren befaßte er sich mit der modernen jüdischen Philosophie von Buber, Baeck, Rosenzweig und Hermann Cohen. An ihren Versuch, die Grundlehren des Judentums im Geiste der Neuzeit weiterzuentwickeln, knüpfte er mit dem von ihm erarbeiteten Denksystem der „Dialogik“ an, das er 1948 als „Philosophie als Dialogik“ veröffentlichte. 1952 erhielt er seine Einbürgerung und gründete noch im gleichen Jahr das „Freie Jüdische Lehrhaus Zürich“ (FrRu 6[1953/54]58; zur Zehn-Jahresfeier: FrRu 13[1960/61]74). Ziel des Lehrhauses war, in der Tradition von Franz Rosenzweig und Martin Buber, jüdisches Wissen und jüdische Kultur zu vermitteln und zu fördern. In diese Zeit fallen zahlreiche Aufsätze und Bücher Goldschmidts: Die Reich-Gottes-Botschaft des Judentums, in: Für ein jüdisches Lehrhaus, Zürich 1954 (FrRu 9[1956/57]70), Die Frage der jüdischen Zukunft, in: Deutsche Universitätszeitung 12 (28.6.1956) 8 f., Leo Baeck – Beispiel und Botschaft. Von Moses Mendelssohn zu Franz Rosenzweig, in: FrRu 12(1959/60)39-40, Das Vermächtnis des deutschen Judentums (FrRu 11[1958/59]108), Abschied von Martin Buber (FrRu 18[1966]127).

Als nach dem II. Vatikanischen Konzil der Dialog der katholischen Kirche mit dem Judentum einsetzte, war Hermann Levin Goldschmidt einer der ersten ernsthaften Gesprächspartner. Ihn interessierte jedoch nicht das Politische, sondern das echte Religionsgespräch, wie die Titel weiterer Publikationen belegen: Weil wir Brüder sind. Biblische Besinnung für Juden und Christen (FrRu 27[1975]137-138) und Heilvoller Verrat. Judas im Neuen Testament, Goldschmidt/Limbeck (FrRu 28[1976]82). Von seiner aufrichtigen Dialogbereitschaft zeugt auch seine Rede vom 14.9.1974 bei der 2. Podiumsdiskussion auf dem 84. Deutschen Katholikentag in Mönchengladbach zum Thema Die Erwartung der Herrschaft Gottes im Judentum und Christentum und die Konsequenz (FrRu 26[1974]73-74), in der er in einfacher, klarer Sprache Differenzen und Gemeinsamkeiten benannte und dennoch zu dem Schluß kam: „... es ermutigt, daß wir bei soviel Verschiedenheit dermaßen verbunden sind, und nicht bloß von außen, auch von innen.“

Hermann Levin Goldschmidt war ein äußerst empfindsamer Mensch und Denker. Er konnte es nicht ertragen, wenn Christen neutestamentliche Stellen antijüdisch interpretierten. Er trat diesen „blinden Christen“ mit eigenwillig-geistvollen Deutungen des Neuen Testaments entgegen. Berühmt geworden ist u. a. seine ökumenische Auslegung des Gleichnisses vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32). Die Christen — so drückte er sich aus — sollten mehr auf den daheim gebliebenen älteren Sohn (= das jüdische Volk) achten. Es sei bei ihnen ein zu festgefügter Brauch, daß sie den jüngeren Sohn, der ein Lasterleben geführt hatte, verherrlichten. Die Christenheit nördlich der Alpen hat Hermann Levin Goldschmidt viele geistvolle Auslegungen zu verdanken. Red.

Rabbiner Roland Gradwohl (1931-1998)

Aus Israel erreichte uns die Nachricht von dem am 14. Juni 1998 verstorbenen Rabbiner Roland Gradwohl. Mit ihm haben nicht nur die Schweiz (er war von 1965 bis 1979 Gemeinderabbiner in Bern) und Deutschland (er war jahrelang Fachberater des KoordinierungsRats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit) einen großen Verlust erlitten. Rabbiner Gradwohl war ein exakter Bibeldeuter, der sein Wissen auch präzise in die christlich-jüdische Gesprächssituation einzubringen verstand. Von bleibendem Wert ist hier vor allem sein vierbändiges Werk Bibelauslegung aus jüdischen Quellen (1986-1989). Mit 66 Jahren ist er viel zu früh gestorben. Vor allem ist er noch letzten Sommer aufgefallen durch seine nach wie vor brillante Argumentationsweise und durch seinen klaren Blick für israelische Verhältnisse und für das Verhältnis zwischen Christentum und Judentum. Der Freiburger Rundbrief betrauert seinen Tod. Red.


Jahrgang 5/1998 Seite 314



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