Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1998 > 644  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Berichte Heft 4 Jahrgang 5/1998

Slowakische Bischöfe bitten um Vergebung für Judenverfolgung

Im Anschluß an das Vatikan-Dokument zur Schoa haben die katholischen Bischöfe der Slowakei die „jüdischen Schwestern und Brüder“ um Vergebung für alle Verfolgungen gebeten, die Juden auf dem Gebiet der Slowakei erleiden mußten. In einer Erklärung der Bischofskonferenz wird vor allem der Judendeportation während des Zweiten Weltkriegs gedacht. Einige Mitglieder der slowakischen Nation hätten aktiv an diesen Deportationen mitgewirkt, „viele sahen schweigend zu“, bedauern die Bischöfe. Die katholischen Bischöfe fordern eine „unvoreingenommene Untersuchung“ der Geschichte der Juden und der Judenverfolgung in der Slowakei. Mit der jetzt ausgesprochenen Entschuldigung wolle man „einen ersten Schritt tun“. Der Episkopat appelliert an alle Gläubigen und Bürger, sich diesem Akt des Gedenkens und der Buße anzuschließen und alle Vorurteile gegenüber dem jüdischen Volk zu überwinden. Wer sich mit der Geschichte des Judentums in der Slowakei auseinandersetze, rühre an eine „schmerzende Wunde“, betonten die Bischöfe. Vor dem Zweiten Weltkrieg hätten in der Slowakei Tausende von Juden gelebt. Noch heute seien Straßen und ganze Stadtviertel nach ihnen benannt. In nahezu allen Städten stünden noch Synagogen. „Viele Gebäude blieben, die Menschen sind jedoch verschwunden“, wird in der Erklärung bedauert. Der heute unabhängige slowakische Staat und auch die katholische Kirche des Landes müßten auf „festen Grundmauern“ gebaut werden. Dazu gehöre auch eine unvoreingenommene Untersuchung des historischen Schicksals der jüdischen Bevölkerung im Land.

Besonders umstritten auch unter Katholiken ist nach wie vor die Rolle und die Mitschuld des katholischen Priesters und Staatspräsidenten Jozef Tiso, der von 1939 bis 1945 an der Spitze des von Hitlers Gnaden errichteten ersten slowakischen Nationalstaates gestanden hatte. Im Jahre 1939 lebten in der Slowakei 89 000 Juden (vier Prozent der Gesamtbevölkerung). Ab 1939 wurden sie nach und nach aus dem gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben verdrängt. Dann kam es zu den strengen Judengesetzen und zu den Deportationen des Jahres 1942, in deren Verlauf ein Großteil der jüdischen Gemeinschaft in Konzentrationslager verschleppt wurde. Nur wenige überlebten. Nach dem Krieg zählte die jüdische Gemeinschaft in der gesamten Tschechoslowakei nur noch 3000 Mitglieder. Die Judendeportationen waren zwar unter dem Druck aus Berlin erfolgt, aber ohne unmittelbare Mitwirkung der Deutschen, denn die Slowakei war nicht besetzt. Historiker verweisen darauf, daß sich die Regierung und das Parlament der damaligen Slowakei offen und programmatisch zu christlichen Grundsätzen bekannten. Von den 63 Abgeordneten des slowakischen Parlaments waren etwa ein Viertel Priester. Der Vatikan intervenierte über seinen Nuntius in Preßburg mehrmals für einen Stopp der Auslieferung der slowakischen Juden an die Deutschen. Tiso sagte daraufhin in einem Brief an den Papst den Juden seinen Schutz zu, doch die Abtransporte liefen dennoch weiter. Auch nach dem Krieg, unter dem stalinistischen Regime zu Beginn der fünfziger Jahre, kam es zu antisemitischen Schauprozessen. Wieder wurden Juden unschuldig verurteilt und hingerichtet.

Die Erinnerung an diese traurigen Kapitel der slowakischen Geschichte begann schon vor der politischen Wende von 1989. Im Herbst 1987 verfaßte eine Gruppe slowakischer Schriftsteller, Publizisten, Künstler, Historiker, Wissenschaftler und kirchlicher Aktivisten im Untergrund eine Stellungnahme. Darin wurden die Judendeportationen beklagt und die Verwandten und Nachkommen der Opfer um Vergebung gebeten. Diese Erklärung konnte damals nur illegal verbreitet und nur im Ausland veröffentlicht werden. Einer der Unterzeichner war der damalige „Geheimbischof“ und heutige Bischof von Nitra, Kardinal Jan Korec. 1990 veröffentlichte die damalige Tschechoslowakische Bischofskonferenz zwei Stellungnahmen, in denen sie Bedauern über Judenverfolgungen äußerte, die Auseinandersetzung mit diesen Kapiteln der slowakischen Geschichte forderte und zur Überwindung aller Formen des Antisemitismus aufrief. 1991 entschuldigten sich Nationalrat und Regierung der — damals noch nicht unabhängigen — Slowakei für die an den Juden während des Zweiten Weltkriegs begangenen Verbrechen. (KIPA)

Italien: Mitschuld der Kirche an der Schoa

Die katholische Kirche in Italien hat gegenüber Vertretern der jüdischen Gemeinden erstmals ein Schuldbekenntnis zu ihrer Rolle bei der Schoa abgelegt. Das Dokument, in Form eines Briefes vom 16. März 1998, war unter anderem vom Leiter des Sekretariats der Bischofskonferenz, Erzbischof Giuseppe Chiaretti, und dem für Ökumene und interreligiösen Dialog zuständigen Bischof Alberto Ablondi unterzeichnet worden. In dem Brief sprechen die Bischöfe vom Antisemitismus als einer „dunklen Seite in der jüngeren Geschichte unseres Landes“. Zur Rolle der Kirche stellen sie fest: „Die kirchliche Gemeinschaft hat es nicht verstanden, die Energien zu mobilisieren, die ausreichend gewesen wären, das euch widerfahrene Unrecht zu denunzieren und mit der notwendigen Kraft zu bekämpfen.“ Dazu beigetragen habe „auch eine seit langem gepflegte unkritische Übernahme einer irrigen und ungerechten Auslegung der Heiligen Schrift“. Weiter heißt es in dem Dokument, die Bischöfe erinnerten mit tiefer und bewußter „Reue“ — im italienischen Wortlaut wird das hebräische Wort „Teshuva“ gebraucht — an diese Ereignisse. Gleichzeitig betonten sie, daß auch in Italien zahlreiche Priester und Ordensleute versucht hätten, mit tätiger christlicher Nächstenliebe das auszugleichen, was an prophetischem Mut gefehlt habe. Doch dies habe nicht ausgereicht, um der Katastrophe Einhalt zu gebieten. An einer anderen Stelle des Textes heißt es, die Kirche habe nicht die Absicht, sich der Verpflichtung zu entziehen, die oft schmerzliche Wahrheit der Fakten und der Verantwortung anzuerkennen. Es sei Aufgabe der Historiker, die Wahrheit über die Geschehnisse zu rekonstruieren.

Tullia Zevi, Vorsitzende der Vereinigung der jüdischen Gemeinden Italiens, wertete das Schreiben als ein „bewegendes und mutiges Dokument“ und nannte es „einen der besten Texte zu diesem Thema“. Der Brief ist auf jenen Tag datiert, an dem im Vatikan das Dokument „Wir erinnern uns: Nachdenken über die Schoa“ erschienen ist. Der in italienischer Sprache verfaßte Text wurde den jüdischen Vertretern in Rom, unter ihnen auch Oberrabbiner Elio Toaff, von einer Delegation der Bischofskonferenz überreicht. (KIPA)

Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück eröffnet (16. Juli 1998)

Das vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind gestaltete Museum zeigt die größte Sammlung von Werken des jüdischen Malers Felix Nussbaum. Das Œuvre des in Auschwitz ermordeten Künstlers wurde 1993 vom Bundesministerium des Innern als ein „Werk von nationaler Bedeutung“ qualifiziert und somit als nationales Kulturgut erklärt.

Felix Nussbaum

Felix Nussbaum: Selbstbildnis
mit Judenpaß (nach 1943).
Foto: Presse- und Informations-
amt der Stadt Osnabrück

Felix Nussbaum, 1904 in Osnabrück geboren, studierte in den zwanziger Jahren freie und angewandte Kunst in Hamburg und Berlin. Bereits gegen Ende des Jahrzehnts und in den frühen dreißiger Jahren feierte er große Ausstellungserfolge in Berliner Galerien. In seinen zu dieser Zeit entstandenen Familienporträts, Selbstbildnissen, Städte- und Landschaftsansichten setzte er sich mit den Werken Vincent van Goghs und Henri Rousseaus auseinander. In Anerkennung seines Werkes erhielt Nussbaum 1932 ein Villa-Massimo-Stipendium in Rom. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verhinderte seine Rückkehr nach Deutschland. Nussbaums Weg führte fortan, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau, der jüdisch-polnischen Malerin Felka Platek, über Italien in die Schweiz nach Frankreich und Belgien. Nussbaums Arbeiten aus dieser Zeit — darunter außergewöhnliche Selbstporträts — künden von zunehmender künstlerischer Isolation und persönlicher Angst vor Verfolgung und Ausweisung.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien wurde Felix Nussbaum 1940 verhaftet und im südfranzösischen Lager Saint Cyprien interniert. Ihm gelang jedoch die Flucht aus einer Kaserne in Bordeaux. 1942 tauchte er zusammen mit seiner Frau in Brüssel unter. 1944 wurden beide entdeckt, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nussbaums Werke setzten sich ab 1940 symbolhaft und in unvergleichlicher Weise mit dem Grauen des Holocaust auseinander.

Die Anfänge der Felix-Nussbaum-Sammlung in Osnabrück gehen auf das Jahr 1970 zuer achtziger Jahre wurden seine Arbeiten einem internationalen Publikum in Eirück. 1971 erfolgte die erste umfassende Ausstellung mit Werken des Künstlers in der Osnabrücker Dominikanerkirche. Mitte der achtziger Jahre wurden seine Arbeiten einem internationalen Publikum in Einzelausstellungen in New York, Jerusalem, Manchester und im französischen Angers vorgestellt. Mit 100 Werken fand 1990 die bis dahin größte Einzelausstellung Nussbaums im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück statt.

Informationen: Heiko Mitlewski, Amt für Kultur und Museen, Öffentlichkeitsarbeit,
Dominikanerkloster, 49076 Osnabrück, Tel. 0541/323-3045, Fax 0541/323-2707.


Jahrgang 5/1998 Seite 310



top