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Hertel, Peter (Hg.)

Mit dem Gesicht zur Welt

Echter Verlag, Würzburg 1996. 180 Seiten.

Der katholische Journalist Peter Hertel legt in diesem Buch eine Reihe von Interviews vor, die er in den Jahren 1992-1995 mit — wie es im Einführungstext heißt — „glaubwürdigen Persönlichkeiten“ geführt hat, die in ihrem jeweiligen religiösen Umfeld jedoch eine besondere Stellung einnehmen oder als „Außenseiter“ gelten dürften. Es geht ihm dabei um „die Verbindung zwischen einem offenen Glauben und dem Bemühen um eine menschenwürdige Gesellschaft“.

Die Reihe der ursprünglich im NDR gesendeten Interviews beginnt mit dem katholischen Theologen Johann Baptist Metz, der als Vertreter der neuen „Politischen Theologie“ gilt. Kern seiner Gedanken ist es, „in einer Zeit der religionsfreundlichen Gottlosigkeit“ die in der jüdisch-christlichen Tradition wurzelnde Gottesthematik anzusprechen. Im Interview „Das Kreuz im Rücken“ mit Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, geht es um die „politische Verantwortung protestantischer Existenz“ und um die Zukunft der Kirche angesichts von Orientierungsverlust und weitgehender Entchristlichung im Osten Deutschlands. Mit der niederländischen Katholikin Catharina J. M. Halkes wird eine der bedeutendsten Vertreterinnen der feministischen Theologie vorgestellt. Das Interview trägt den provokanten Titel „Überwindet die römische Ketzerei!“. Diese sieht sie in der „Behauptung, daß eine Frau Christus nicht ,in persona Christi‘ repräsentieren kann“. Hans Küng konstatiert in der globalen Perspektive der Weltreligionen einen ihnen allen gemeinsamen „minimalen Grundkonsens bezüglich verbindender Werte, unverrückbarer Maßstäbe und moralischer Grundhaltungen“. In „Auschwitz ist nicht das letzte Wort“ werden von Schalom Ben-Chorin mit zuweilen anekdotischer Leichtigkeit die Tiefen der miterlebten Geschichte ausgelotet. Der Beitrag „Vater vergib!“ von Paul Oestreicher, anglikanischer Domkapitular von Coventry, trägt ebenfalls biographische Züge. Der deutsche und zugleich britische Staatsbürger setzt den Hauptakzent auf die Überwindung von Feindschaft und Konflikten. Sehr persönlich gefärbt ist das Gespräch mit Maria Jepsen, der Hamburger evangelisch-lutherischen Bischöfin. Ihr kirchliches Amt, die feministische Theologie, ihre besondere Beziehung zum Judentum und das Sich-Einbringen in das soziale und politische Geschehen der Welt bilden die Schwerpunkte. Eugen Drewermann bekundet in „Durch die Angst hindurchgehen“, daß die Denkungsart des Existentialismus bis heute sein „geistiges Terrain“ geblieben ist. Johannes Rau, der damalige Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, bekennt in „Der steinige Weg der Befreiung“, wie sich Politik und Glaube für ihn verbindet. Es sei zu lernen, „daß das Evangelium als befreiende Botschaft uns auch in den kalten Wind der Welt stellt“. Annemarie Schönherr sucht ihren Weg als Theologin und den der Kirche in der ehemaligen DDR differenziert zu beurteilen. Einst vom Idealismus der Sozialisten beeindruckt, sehnt sie sich nicht nach dem existierenden Sozialismus, wohl aber danach, „daß die alten Ideale weiterleben, nach denen die Väter des Sozialismus angetreten sind“, welche sie in Gerechtigkeit, Frieden und Naturbewahrung sieht. Den Abschluß bildet der aus der Schweiz stammende Soziologe Franz-Xaver Kaufmann mit einer kritischen religionssoziologischen Betrachtung der gesellschaftlichen Situation in Deutschland unter dem Titel „Askese ist die Chance“. Den einzelnen Interviews ist jeweils eine kurze, prägnante Charakterisierung des Gesprächspartners vorangestellt. Ein Register der wichtigsten Begriffe und Namen, die in den Gesprächen vorkommen, beschließt das Buch.

Gottfried Mehnert


Jahrgang 5/1998 Seite 302



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