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Frister, Roman

Die Mütze oder Der Preis des Lebens

Ein Lebensbericht. Aus dem Hebräischen von Eva und Georges Basnizki. Siedler Verlag, Berlin 1997. 478 Seiten.

Wollte Roman Frister (1928) mit seiner Biographie die traurige Überzeugung Primo Levis bestätigen, daß die Besten in der Schoa untergegangen sind und nur die Skrupellosen überlebt haben? Dann ist ihm dies mit seinem provozierenden, „Scham-losen“ und den Sinn der Ehrlichkeit usurpierenden Buch bestens gelungen. Es ist ein Beweis dafür, daß Ethik und Moral bei Juden und Christen gleicherweise Mangelware sind und daß ohne sie das Leben profitabler gestaltet werden kann. Im Klappentext, vom Autor selbst verfaßt, ist zu lesen, daß Auschwitz „die Seele versehrt“ habe. Auschwitz ist unvorstellbar schrecklich, es darf keinesfalls banalisierend als Entschuldigungsgrund für Amoralität mißbraucht werden, die ihren Grund in den Charakteranlagen oder der Erziehung des Individuums hat.

Roman Frister beschreibt seine Jugend in einem assimilierten Elternhaus im Vorkriegspolen. Schon als Kind stiehlt und lügt er, betrügt seine Eltern, halbgebildete Neureiche. Der auf seine Chuzpe stolze Dreizehnjährige verursacht die Verhaftung der Familie. Seine Mutter wird vor seinen Augen von einem SS-Offizier erschlagen; aber das berührt ihn nicht. Der Vater stirbt im KZ an Typhus, und die einzige Sorge des Sohnes ist, das Brot des Vaters zu bekommen. Die Episode, die dem Buch den Titel gibt, ist nicht nur wegen der Tatsache, sondern auch der detaillierten Beschreibung des Vorgangs wegen abscheulich. Frister wird von einem privilegierten homosexuellen Mithäftling mißbraucht, von dem er selbst profitiert hatte. Die Beschreibung des grausigen Vorgangs ist eine widerliche Zumutung. Um sich seines Opfers zu enledigen, raubt der Vergewaltiger Fristers Mütze. Die Mütze aber muß der Häftling tragen, ohne sie wird er erschossen. Um sein Leben zu retten, stiehlt Frister in der Nacht die Mütze eines Barackengenossen. Beim Morgenappell hört er den Schuß unbeteiligt, denn er lebt ja. Der Überlebenswille ist bei allen Menschen übermächtig, nur daß er sich seiner Gewissenlosigkeit rühmt und auch später keine Reue empfindet, das ist wohl einmalig. Scham- und Gewissenlosigkeit durchziehen die Biographie. Mit dieser Einstellung kommt Frister durch alle KZ und Lager. Nach der Befreiung geht sein Leben ebenso egoistisch und rücksichtslos weiter. Ein Verdienst allerdings hat das Buch. Es zeigt den polnischen Antisemitismus auf und die verheerende Vetternwirtschaft der kommunistischen Machthaber, deren Nutznießer Frister war. Auch Israel kommt nicht ungeschoren weg. Verständlicherweise wurde die „Mütze“ in Polen und Israel zum Skandal. Ehrlichkeit ist notwendig, muß sie jedoch so schamlos und selbstgefällig sein? Elie Wiesel, Imre Kertész, Richard Glazar, Primo Levi und viele andere haben ehrliches Zeugnis abgelegt und nicht beschönigt, doch schamlos waren sie nicht.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 5/1998 Seite 293



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