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Baudler, Georg

El Jahwe Abba

Wie die Bibel Gott versteht. Patmos-Verlag, Düsseldorf 1996. 264 Seiten.

Drei Motivschichten, wie Georg Baudler, Professor für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Technischen Hochschule in Aachen, sie nennt, strukturieren die Gotteserfahrung des Ersten und auch des Zweiten (Neuen) Testaments. 1) Der Befund verweist zuerst auf den todgewaltigen Gott El und Abkömmlinge (Baal), der in der religiösen Erfahrung der Menschen von Urzeit an in den sog. traditionellen (primitiven) Religionen wie auch in den Hochreligionen als Sieger über seine Feinde triumphiert. Eine Gottesauffassung, die zeitlich vor dieser männlich-gewalttätigen Entwicklung lag, war nach Baudler und Gewährsleuten eine friedliche matrizentrische Kultur, die von der erstgenannten abgelöst wurde. 2) JHWH hingegen wird in der zweiten Motivschicht der Gottesauffassung der Menschheitsgeschichte besonders in den Befreiungstexten der Bibel greifbar. Israel erlebt diesen Gott JHWH als schützende, bergend-helfende Kraft, sogar mit mütterlich-umsorgenden Zügen (Hosea, Deutero-Jesaja, Psalmen). 3) Das Abba-Angesicht Gottes wird durchaus nicht erst, wie neutestamentlich-fixierte Theologie meint, in der Verkündigung Jesu greifbar, sondern bereits rund 600 Jahre vor der Zeitwende, vor allem im Schicksal des Ebed JHWH, des Gottesknechts. Gott erscheint hier nicht mehr als todgewaltig, auch nicht allein als beschützend-helfend, sondern „als gewaltloser Gottesglanz auf dem Antlitz des Ausgelieferten“ (196). Alle Gewalt läuft sich tot an diesem todüberwindenden Ereignis, — von den Christen als Auferstehung Jesu erfahren. Und hier weitet sich der Blick über das biblische Zeugnis hinaus auf jedes geschundene, leidende Individuum in dieser Welt. Auf seinem Antlitz leuchtet der gewaltfreie Gottesglanz der rettenden, schützenden und bergenden Gottesmacht. „Gott identifiziert sich mit ihm“ Jes 53,10, 197).

Das Buch von Baudler hat einen theologisch legitimierten Ansatz (50, 198): Alle Aussagen über Gott sind „Gotteswort in Menschenwort“ (Vat. II über die göttliche Offenbarung Nr. 12). Deswegen darf mit einer aufsteigenden Offenbarungslinie bei gleichzeitiger inhaltlicher (d. h. intendierter) Offenbarungshöhe („Gottes-Erfahrung“) gerechnet werden (vgl. 126 f.). Der Rahnersche Ansatz einer „Wende (der Theologie) zur Anthropologie“ (53) ist grundsätzlich von der Kirche im Zweiten Vaticanum übernommen worden (vgl. Nostra aetate). Daher ist dieses Buch beste bibeltheologische, d. h. geschichtliche Betrachtung unseres Glaubens unter Einbeziehung religionsgeschichtlicher/religionssoziologischer Daten. Baudlers Arbeiten müssen — bei aller berechtigten Fachkritik — im Verein z. B. mit Publikationen von N. Lohfink (Altes Testament. Die Entlarvung der Gewalt, 1978), M. Görg (Der un-heile Gott. Die Bibel im Bann der Gewalt, 1995) und auch von E. Drewermann gesehen werden. Veröffentlichungen wie z. B. die des Freiburger Psychologieprofessors Franz Buggle, Denn sie wissen nicht, was sie glauben, 1992, von Baudler als ungeschichtliche, interpretationsbedürftige Darstellung der Gewalt in der Bibel zurückgewiesen, können nur so verständlich werden. Wenn wir die biblischen Zeugnisse über den Gottesglauben und die Kirchengeschichte in der distinkten Betrachtung von Motiv-Überlagerungen sehen, brauchen wir uns nicht über anklingende und doch auch überholte Gottesauffassungen zu entsetzen. Alles ist sozusagen „in Schach gehalten“ durch das in der dritten Schicht zutage gekommene Antlitz des gewaltlosen Gottes.

Im Anhang seines Buchs setzt sich Baudler mit den Publikationen von Görg, Groß/Kuschel und deren Auffassung der Theodizee-Frage auseinander (s. u. 299 ff.). Ein Beitrag zur Gottesauffassung im Koran beschließt das Buch.

Alwin Renker


Jahrgang 5/1998 Seite 291



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