Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1998 > 629  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Bail, Ulrike / Jost, Renate (Hg.)

Gott an den Rändern

Sozialgeschichtliche Perspektiven auf die Bibel. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1996. 168 Seiten.

17 Autorinnen und Autoren haben in diesem Band sozialgeschichtlich und feministisch orientierte Bibelauslegungen vorgelegt. Sie ehren damit die wissenschaftliche Lebensarbeit des jüngst verstorbenen (1997) engagierten Bibelwissenschaftlers Willy Schottroff. Das Buch kann als Fortsetżung des Buches „Der Gott der kleinen Leute“ gesehen werden.

Das Anordnungsprinzip der Beiträge gehorcht dem Bild aus Jes 61,10, d. h. sie sollen zu einem „Mantel der Gerechtigkeit“ verwoben werden. Dorothee Sölle interpretiert Gen 8,1-12 als befreiende Nachricht, weil Gott das tut, was der Mensch gemeinhin nicht erwartet, nämlich umkehren. Weil Gott umkehrt und auch Menschen zu Umkehr und radikalem Neuanfang fähig sind, kann die Bewahrung der Schöpfung gelingen. Die Bilderkritik in Renate Josts Auslegung von Ri 17,1-6 wird als Kritik an einem menschenverachtenden Kult gelesen. Ein solidarisches Rechtsbewußtsein entstehe dort, wo Menschen sich auf Gott und nicht auf Baal einlassen, so Michael Rastre. Der Betheler Exeget Frank Crüsemann untersucht die Armentheologie in Ps 14 und arbeitet den Riß heraus, der durch das Gottesvolk geht: Armut als strukturelle Gewalt entsolidarisiert und trennt. Seine Frage: Kann in einer Gesellschaft, die für strukturelle Gewalt verantwortlich ist, von Gott noch angemessen geredet werden? Jürgen Ebach fragt in seiner Auslegung von Ps 85,11 nach dem Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden, Liebe und Wahrheit. Eine gerechte und menschenfreundliche Gesellschaft könne es nur dann geben, wenn der Zusammenhang von Gerechtigkeit und Frieden gelinge. Den sehr schwierigen masoretischen Text von Spr 30,1-4 untersucht Dieter Georgi. Weisheit und Einsicht sind nicht machbar. Als Geschenke Gottes entziehen sie sich menschlicher Verfügungsgewalt. Die Prophetin Miriam steht im Mittelpunkt des Beitrages von Rainer Kessler, der an Mi 6,1-8 die Spannung zwischen Tora, Kult und Prophetie und den dazugehörigen biblischen Traditionen herausarbeitet. Er sieht im Zurückdrängen der Prophetinnen einen ähnlichen männlichen Prozeß wie später bei den neutestamentlichen Zeuginnen der Auferstehung. Die persische Zwischenzeit und vor allem einen Abschnitt aus Esra 6 behandelt Jürgen Kegler. Er interpretiert die Fürbitte als Instrument zur Durchsetzung imperialer Interessen und Herrschaft. Weisheitliche Ethik sei eine „ausgesprochene Ethik der Solidarität“, so Franz Josef Stendebach, deren Tradition bis ins Neue Testament hineinreiche (Röm 13,8-10). Dan 13, die Erzählung der versuchten Vergewaltigung von Susanna, wird von Ulrike Bail in den Kontext heutiger männlicher Sexualphantasien gestellt. Der Schritt vom männlichen Begehren zur realen Gewaltanwendung sei nur ein kleiner. Luise Schottroff analysiert in ihrer Auslegung von Lk 7,36-50 die kirchlich-sexistische und kirchlich-antisemitische Rezeption des Textes und arbeitet demgegenüber eine Sexualkritik an der heutigen christlichen Doppelmoral von Prostitution heraus. Sir 34, ein Kapitel, das Bartholomé de Las Casas zum Anlaß seiner Umkehr nahm, wird von Fulbert Steffensky befragt und die Bekehrung Las Casas‘ gewürdigt. Den staatskirchenpolitisch brisanten Paulustext Röm 13,8 exegesiert Michael Bunker und bestätigt die These Willy Schottroffs, „daß die Bibel nicht zwischen einer theologischen und einer materiellen Ebene trennt: Schuld vor Gott liegt auf derselben Ebene wie konkrete Schulden; Sündenvergebung und Schuldnachlaß fallen ineinander ...“ (113). Ebenfalls einem Abschnitt aus dem Römerbrief wendet sich Martin Leutzsch zu (Röm 16,13) und unterstreicht die wichtige Beziehung zwischen Paulus und der Mutter Rufus‘, die Paulus mit seinem Schlußgruß ehrt. Gegen Luthers Einwand hebt Martin Stöhr die innertestamentliche Wichtigkeit des Jakobusbriefes hervor und geht dem Begriff der „Tora der Freiheit“ (Jak 2,12) nach! Einen kirchengeschichtlichen Schwerpunkt setzt die Historikerin Leonore Siegele-Wenschkewitz, die sich mit dem Verhältnis von Gewalt und Sündenbock-Modellen beschäftigt und dabei Adolf Schlatters Theologie als Resakralisierung von Gewalt und Antisemitismus kritisiert. Der Aufsatz von Renate Wind über gegenwärtige Spuren eines subversiven Dietrich Bonhoeffer reißt Bonhoeffer aus seiner kirchlichen Vereinnahmung.

Das Buch stellt eine Anregung für sozialgeschichtlich und befreiungstheologisch orientierte Exegese dar, die den westlich-kapitalistischen Kontext auf den Prüfstand stellt.

Wilhelm Schwendemann


Jahrgang 5/1998 Seite 289



top