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Alwin Renker / Elisabeth Weidinger

Der 93. Deutsche Katholikentag in Mainz

vom 10.—14. Juni 1998

unter dem Leitwort: „Gebt Zeugnis von eurer Hoffnung“ (nach 1 Petr 3,15)

  
Hans Joachim Meyer und Roman Herzog

Bundespräsident Roman Herzog (r.) und ZdK-
Präsident Hans Joachim Meyer beim Festakt in der
Paulskirche.   Foto: dpa

Die zentrale Botschaft der Eröffnungsveranstaltung war: Katholische Christen sollen sich in die Gesellschaft einmischen. Der Präsident des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken (ZdK), Prof. Dr. Hans Joachim Meyer, Dresden, eröffnete (10.6.) auf dem Markt vor dem Mainzer Dom die Reihe der 1200 Veranstaltungen, die mit knapp 26 000 Dauerteilnehmern und fast ebenso vielen Tagesteilnehmern und mit einem Angebot von mehr als 200 Gottesdiensten eine wahrhaftig imposante Repräsentation des Lebenswillens der katholischen Verbände und ihrer Aktivitäten war. Es kann keine Rede davon sein, daß, wie eine führende Tageszeitung Deutschlands meinte, sich die Katholikentage überlebt hätten. Auch wenn es 150 Jahre (1848) her waren seit dem ersten Katholikentag und 50 Jahre (1948) seit dem Zusammenbruch im Zweiten Weltkrieg. Das größte deutsche Laientreffen mit etwa der Hälfte Jugendlicher hatte zwar nicht die Superzahlen früherer Katholikentage erreicht, doch tat dies der bestens organisierten Veranstaltung keinen Abtrag und war keineswegs eine Pflichtübung in Jubiläen.

Im Rundgespräch kamen der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, und ebenso der Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Jens Beutel, zu Wort. Die Evangelische Kirche war mit ihrem Kirchenpräsidenten in Hessen und Nassau, Prof. Dr. Peter Steinacker, Darmstadt, vertreten, dazu kam Dr. Rainer Meusel, Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel, Erfurt, sprach von „Feuerzeichen“, die die Christen herausfordern; u. a. sind Ehe und Familie zunehmend im Abseits, verantwortungslose Leute spielten die Menschen im Osten und Westen gegeneinander aus ... Vogel rief die Menschen auf, die Zukunft mit mehr Mut und Entschlossenheit zu gestalten. In den vergangenen Jahren sei viel Hoffnung enttäuscht worden; es gebe einen Grund zur Hoffnung; diese sei nicht utopisch oder visionär, sondern werde als Gabe Gottes lebendig. Das Geistliche Wort und den Segen sprach der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und Bischof von Mainz, DDr. Karl Lehmann.

Großveranstaltungen

Den Fronleichnamstag (11.6.) eröffneten drei Großveranstaltungen: 1) Der Gottesdienst mit dem Hauptzelebranten und Prediger Bischof Karl Lehmann auf dem Markt mit anschließender Prozession durch die Innenstadt, an der etwa 13 000 Gläubige teilnahmen. 2) Jugendbischof Dr. Franz-Josef Bode, Osnabrück, forderte am Fort Gonsenheim die etwa 6000 dort versammelten Jugendlichen auf, nicht nur privat, sondern auch öffentlich für Arme, für Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft einzutreten. 3) Der Gottesdienst mit Erzbischof Laurent Monsengwo Pasinya, Kisangani/Republik Kongo, repräsentierte die Präsenz der Weltkirche, besonders die Liturgie in der afrikanischen Kultur.

Der Festakt in der Paulskirche

Der Festakt zum 150jährigen Jubiläum der Katholikentage am Donnerstag nachmittag (11.6.) in der Paulskirche zu Frankfurt a.M. war durch die Rede des Bundespräsidenten Prof. Dr. Roman Herzog herausgehoben. In seiner von vielem Beifall unterbrochenen Ansprache würdigte der Bundespräsident die „Erfolgsgeschichte“ der Katholikentage. Er lobte die beharrliche und vermittelnde Rolle des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, und bat die deutschen Bischöfe, sich nicht aus der staatlichen Schwangerschaftsberatung zurückzuziehen. Es gebe wohl keine ideale, sondern nur eine bestmögliche Lösung des Problems. Bischof Lehmann betonte, Staat und Kirche seien aufeinander angewiesen. Dennoch unterstrich er, es gehe um eine Nachbarschaft zwischen Staat und Kirche ohne falsche Verbrüderung.

Zentrale Veranstaltungen

Donnerstag nachmittag und abend wurden bei Vorträgen und auf Foren zwei der sechs zentralen Themenkreise des Katholikentags behandelt: „Bewahrung der Schöpfung“ und „Völkergemeinschaft-Europa-Eine Welt“. Auf dem Forum „Profit zum Nutzen der Schöpfung?“ kamen vor zahlreichen Teilnehmern die Kontrahenten Joschka Fischer, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, und Dr. Angela Merkel, Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, zu Wort. Die Diskussion ging über einen weltweiten dramatischen Verteilungskampf um die Ressourcen, um Öko-Steuern und das Katz-und-Maus-Spiel mit der Industrie, wozu die jüngsten Vorfälle atomarer Verseuchung bei den Gastor-Transporten den aktuellen Anlaß lieferten.

Innerhalb des Themenkreises „Völkergemeinschaft-Europa-Eine Welt“ wurde eine international ausgerichtete Veranstaltung zur menschlichen Herausforderung der Versöhnung angeboten. Es gab Berichte von Zeugen, die unendlich viel Leid gesehen haben. Weihbischof Leo Schwarz, Trier, der geistliche Assistent des ZdK, führte ins Thema ein. Maria-Christine Zauzich, Guatemala-Stadt, brachte, wie andere Berichterstatter aus Bosnien, Ruanda und Mittelamerika, die Morde an Zehntausenden und Millionen Menschen zur Sprache. Im Themenkreis „Politik-Staat-Demokratie“ sorgte am Freitag (12.6.) ein Deutsch-Tschechisches Forum im Hilton-Goldsaal u. a. mit Kardinal Vlk, Prag, für Aufsehen. Die Tatsache, daß sein Land, so der Kardinal, vierzig Jahre im Kommunismus leben mußte und keine Möglichkeit bestand, die Nazi-Zeit aufzuarbeiten, könne nicht in zwei bis drei Jahren bewältigt werden. Bischof Lehmann, dessen Teilnahme am Forum mit Beifall begrüßt wurde, sagte: „Ich bin nicht pessimistisch. Manche Dinge werden reif über Nacht. Das neue Europa zeigt den Weg, weiter aufeinander zuzugehen.“

Hauptthema des Freitags war die Einheit der katholischen und evangelischen Christen. Dazu hatten das ZdK und der DEKT (Deutscher Evangelischer Kirchentag) geladen. In der Ökumenischen Frage bezeichnete der katholische Theologe Prof. Dr. Harald Wagner, Münster, die Trennung der Christen bei der Eucharistie bzw. beim Abendmahl als — so wörtlich — Skandal. Der evangelische Theologe Prof. Dr. Eberhard Jüngel, Tübingen, war sich grundsätzlich mit Wagner einig, nannte freilich die tatsächlich bestehenden Kollisionspunkte: die wirkliche Gegenwart (Realpräsenz) Christi in der Eucharistie, den Opfercharakter der Messe, die unterschiedliche Auffassung von Amt und Sakrament (ohne den geweihten Priester gibt es katholischerseits kein Altarsakrament). Bischof Lehmann meinte, er sehe für eine gemeinsame Eucharistiefeier keine unüberwindlichen Hindernisse.

Bei der Veranstaltung in der Rheingoldhalle am Freitag morgen im Themenkreis „Politik-Staat-Demokratie“ fand ein Kurzvortrag von Dr. Wolfgang Schäuble, Fraktionsvorsitzender der CDU im Deutschen Bundestag, starke Beachtung. Beim Podiumsgespräch, an dem u. a. auch der Bundestagsabgeordnete Albert Schmidt (Bündnis 90/Die Grünen), der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz P. Dr. Hans Langendörfer und der SPD-Fraktionsvorsitzende im Deutschen Bundestag, Rudolf Scharping, beteiligt waren, bemängelte Scharping die aktuelle Beschädigung christlicher Werte in der Politik: der Zugang zu den Lebenschancen sei sehr ungleich verteilt, die Familie diene immer noch als Lastesel der Nation. Langendörfer sagte, den Einfluß der Kirche auf politische und gesellschaftliche Entscheidungen soll man nicht überschätzen. Polizei und Umweltorganisationen, wie z. B. Greenpeace, hätten eine weit größere Einflußmöglichkeit. Dennoch sei das Engagement von Christinnen und Christen in Politik und Gesellschaft dringend notwendig.

Parallel zu den anderen Freitagsveranstaltungen hatten die Initiatoren der Bewegung „Wir sind Kirche Bischof Jacques Gaillot, Paris, und Prof. DDr. Paul Zulehner, Wien, zum Thema „Guter Wein in neue Schläuche! Weitergabe des Glaubens in ein neues Jahrtausend“ gewonnen. Vor einer bunt durchmischten Zuhörerschaft von mehreren hundert diskutierten die beiden Redner im Konzertsaal des Eltzer Hofs. Die Position Gaillots war: „Der Glaube muß eine persönliche Angelegenheit werden. Er bedarf des sozialen Engagements für Randgruppen unserer Gesellschaft, damit das Zeugnis Glaubwürdigkeit erlangt.“

Die Veranstaltung im Volkspark, Forums-Zelt I im Themenkreis „Dialogfähige Kirche“ wurde mit einem Statement des Vizepräsidenten des ZdK, Walter Bayerlein, München, eröffnet. Die Podiumsteilnehmer waren u. a. die Vorsitzende des Diözesanrats Berlin, Dr. Hanna-Renate Laurien, Bischof Dr. Joachim Wanke, Erfurt, und Christian Weisner, Hannover, Mitinitiator des Kirchenvolksbegehrens und der Initiative „Wir sind Kirche“. Bischof Wanke bemängelte den Titel der Veranstaltung „Dialog ohne Folgen — wie kann es weitergehen in der Kirche?“ Er jedenfalls habe seit seiner Jugend etliche Veränderungen in der Kirche erlebt. Die übrigen Podiumsteilnehmer waren anderer Meinung. So kritisierte Frau Laurien den Umgangsstil mancher Bischöfe als Formen einer monarchischen Gesellschaft. Weisner bedauerte die restriktiven Maßnahmen in der Kirche durch Instruktionen aus Rom. Bayerlein verwies auf das schmerzhaft spürbare Praxisdefizit und auf den Reformstau in der Kirche, der zu Frust und Resignation führe. Die Vision einer neuen Gemeinsamen Synode (wie seinerzeit in Würzburg 1971-75) wurde beschworen. Einzelne vertrauensbildende Maßnahmen, auch „verbotsimmune“ Dinge genannt, sollten im Dialog vorkommen. Die Zukunft der Kirche hänge wesentlich davon ab, ob Frauen sich mit ihr identifizieren können, äußerte der Podiumsteilnehmer und Päpstliche Rat für die Laien, Dr. Manfred Lütz, Weilerswist.

Wie die Erwartungen der Gesellschaft an die Kirche aussehen, formulierte in der großen Sporthalle der Universität u. a. Dr. Johannes Ludewig, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bundesbahn. Auf dem Forum „Postmoderne Pluralität — Christliches Menschenbild. Zur kulturphilosophischen Diagnose unserer Epoche“ im Erbacher Hof, Ketteler-Saal, wurde das Dialog-Thema auch auf kulturphilosophisch hoher Warte diagnostiziert (Prof. Dr. Peter Hünermann, Rottenburg, Prof. Dr. Franz-Xaver Kaufmann, Bielefeld). Wie Christen vor dem Jahr 2000 aussehen und wes Geistes Kinder sie sind, war von Prof. DDr. Eugen Biser, München, und von Professorin Dr. Gesine Schwan, Berlin, zu erfahren (Eltzer Hof). Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, Hamburg, war mit auf dem Podium.

Das Kulturprogramm

Wie an den Abenden zuvor war am Freitagabend ein reichhaltiges Kulturprogramm geboten: Konzerte, offenes Singen, Musicals, Theater, Kabaretts, Kunstausstellungen, Konzertmessen, Orgelspiel, Filme und Lesungen (Theol. Reflexionen).

Bei den Veranstaltungen am Samstag (13.6.) zu den beiden letzten zentralen Themenkreisen „Wirtschaft-Gesellschaft-Sozialordnung“ und „Bildung-Erziehung-Wissenschaft“ gab es bemerkenswerte Reaktionen in der Rheingoldhalle auf die Statements von Dr. Wolfgang Schäuble, CDU-Fraktionsvorsitzender im Deutschen Bundestag, und des saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, des Parteivorsitzenden der SPD. Beide hatten die derzeitige Familienpolitik ins Visier genommen. Schäuble betonte die Bedeutung der Familie — auch für ihn persönlich. Er sei gerne Vater. Lafontaine mußte von seiten des Familienbunds der deutschen Katholiken Kritik einstecken, die Familie sei nicht nur als „Zusammenleben mit Kindern“ zu verstehen. Über die weiteren Veranstaltungen im 6. Themenkreis „Bildung-Erziehung-Wissenschaft“ wurde von den berichterstattenden Medien nicht so intensiv wie bei den übrigen Themenkreisen berichtet, obwohl renommierte Wissenschaftler, wie z. B. Prof. Dr. Volker Eid, Bamberg, Prof. DDr. Alexandre Ganoczy, Dauphin/Paris und Politiker wie Kultusministerin Dr. Annette Schavan, Stuttgart, Ministerpräsident Kurt Beck, Mainz, und Bischof Lehmann, Mainz, sich ein Stelldichein gaben.

Mit dem Thema „Erwartungen des Staates an den Religionsunterricht in den Schulen“ (Schavan) hatte der vorbereitende Deutsche Katecheten-Verein ein aktuelles Problem vorgeführt. Ob die Versicherungen des Bundespräsidenten und auch der SPD-Politiker, der Religionsunterricht bleibe in der Schule, die Frage nach dem Verbleib des Religionsunterrichts in der Schule wirklich beantworten können, erscheint zumindest ungeklärt.

Auf die Ausstellungen zum Katholikentag kann hier nur auszugsweise hingewiesen werden: Hildegard von Bingen, Ecclesia und Synagoge (s. u. 284), Kunst aus Afrika.

Jüdisch-christlicher Dialog

Zum Thema „Christlich jüdischer Dialog“ gab es vielfältige Angebote. Drei Foren unter der Mitwirkung von jeweils jüdischen und christlichen Theologen boten Gelegenheit zum Nachdenken über Grundfragen zum christlich-jüdischen Verhältnis. Im ersten Forum unter dem Leitwort des Katholikentags „Gebt Zeugnis von eurer Hoffnung hinterfragte Rabbiner Dr. Albert Friedlander, London, Hoffnung im Rückblick auf Auschwitz. Moderiert wurde die Diskussion von Hans Hermann Henrix, Aachen. Friedlander wies darauf hin, daß auch heute Juden in Deutschland, angesichts rechtsradikaler Ausschreitungen, nicht ohne Angst leben — aber dennoch auf ein friedvolles Miteinander in einer gemeinsamen Zukunft hoffen. Die geschichtlichen Hintergründe zur Schoa und die Frage nach den Hoffnungen des jüdischen Volkes kamen mit einem Referat von Michel Friedman, Frankfurt, im Forum „Angesichts der Pogrome von 1069 bis zur Schoa — eine Zukunft für Juden in Deutschland“ zur Sprache. Nach den Worten Friedmans gibt es entweder eine gemeinsame Zukunft für alle in Deutschland — auch für Juden — oder es gibt gar keine Zukunft. Diskussionspartner auf dem Podium waren Rabbiner Dr. h. c. Joel Berger, Stuttgart, und Prof. Dr. Verena Lenzen, Bonn. Eine aktuelle christlich-theologische Kontroverse wurde im dritten Forum, „Das Jüdische im Christentum – Verlust christlicher Identität“, von den Theologen Prof. Dr. Thomas Söding, Wuppertal, und Prof. Dr. Erich Zenger, Münster, aufgenommen.

Stand des FrRuDie Veranstaltungsserie „Lehrhaus Judentum für Christen“ vermittelte Einblicke in jüdische Geschichte und jüdisches Selbstverständnis. Auf den Ort des Katholikentags eingehend, zeichnete Prof. Dr. Herbert Immenkötter, Augsburg, die Geschichte der einst größten mittelalterlichen jüdischen Zentren, der sogenannten SchUM Gemeinden: Speyer, Worms und Mainz. Die „Probleme und Perspektiven jüdischer Gemeinden in Deutschland heute“ und ihre verschiedenen Richtungen, konservativ/reformiert/liberal, behandelten Esther Epstein, Mainz, und Dr. Susanna Keval, Frankfurt/M. Rabbiner Shlomo Appel, Mainz, führte in „Das Jüdische Gebet und Gebetbuch“ ein. Einen erweiterten Horizont erschloß Prof. Dr. Simon Lauer, Basel, in ,Judentum ist mehr als Bibel — Der Talmud“. Prof. Dr. Ernst Ludwig Ehrlich, Basel, der über jüdische Messiaserwartung sprach („Ich glaube ... an das dereinstige Kommen des Messias“), beobachtete, daß das zahlreich erschienene Publikum sehr wohl mit jüdischem Gedankengut vertraut war. Dem unmittelbaren Erfahrungsbereich wurde mit Besuchen der Spuren jüdischer Präsenz in Mainz Geltung getragen. Nicht weniger eindrucksvoll als das gesprochene Wort veranschaulichte die Ausstellung „Ecclesia und Synagoga“ von Dr. Herbert Jochum, Saarbrücken, die verhängnisvolle Einstellung der Kirche gegenüber dem Judentum.

Mit dem 93. Deutschen Katholikentag beging der Freiburger Rundbrief zugleich sein 50jähriges Jubiläum am Ort seiner Gründung (vgl. Heft 2, 1998, 4. Umschlagseite). In der Tradition von Dr. Gertrud Luckner war der Rundbrief, nach einer längeren Pause, auch wieder mit einem Informationsstand vertreten, und zwar diesmal gemeinsam mit dem Deutschen KoordinierungsRat der Gesellschaften für Christlich Jüdische Zusammenarbeit unter der Leitung von Dr. Ansgar Koschel.

Sonderveranstaltungen

Parallel zu den zentralen Veranstaltungen mit den sechs Themenkreisen bot der Katholikentag im Bibelzentrum ausgewählte biblische Themen mit jeweils Praxisbezug an. Auffallend war die Dominanz weiblicher Referentinnen. Beim Thema „Eine Welt-Weltkirche“ kam u. a. der Begründer der Befreiungstheologie, Prof. Dr. Gustavo Gutiérrez, Lima/Peru, zu Wort, aber auch die Kirche in Afrika, Indien und Lateinamerika. Nicht vergessen war Osteuropa (Konziliarer Prozeß in Europa). Weihbischof Leo Schwarz, Trier, und Bischof Dr. Alfons Nossol, Oppeln/Polen, können repräsentativ für diese Öffnung des Katholikentags für die Menschen in Mittel- und Osteuropa stehen. Schließlich war das Thema „Kirche und interreligiöser Dialog“ mit ausgewiesenen Fachleuten, wie z. B. Prof. DDr. Hans Waldenfels SJ, Bonn, und Dr. Reinhart Hummel, Stuttgart, besetzt. Die Friedensbewegung Pax Christi hatte zu ihrem 50jährigen Bestehen bekannte Politiker wie den Bürgermeister a. D. Hans Koschnick, Bremen/Mostar, und die grüne Bundestagsabgeordnete Christa Nickels aufs Podium im Haus der Jugend geladen. Beim Thema „Familie“, das mit breit gestreutem Angebot behandelt wurde, konnte Bundesministerin Claudia Nolte, CDU Bonn, mit eindrücklichen Leistungen aufwarten; vgl, allerdings die Kritik von MdB Rudolf Scharping (s. o.).

Beim Thema „Frauen“ waren, wie schon in der Bibelarbeit, die Frauen und die „Theologinnen der ersten Stunde“, z. B. Prof. Dr. Elisabeth Gössmann, München, und Dr. Elisabeth Moltmann-Wendel, Tübingen, vertreten. Überhaupt war — im Gegensatz zum asymmetrischen Gewicht, das die Frauen immer noch in der Kirche haben — auf diesem Katholikentag die Rolle der Frau in Politik und Gesellschaft bis hin zur „feministischen Liturgie“ ins Gleichgewicht gebracht. Weihbischof Dr. Franziskus Eisenbach, Mainz, und Bischöfin Maria Jepsen, Hamburg, waren immerhin als Dialogpartnerin und Dialogpartner der Amtskirche mit auf dem Podium. Ebenso wohlgelitten waren MdB Dr. Heiner Geißler, Bonn, und die Politikerinnen Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), Tutzing, und MdB Christa Nickels (Bündnis 90/Die Grünen). Natürlich fehlten nicht die engagierten Frauen: Dr. Hanna-Renate Laurien, Berlin, und sogar Alice Schwarzer, Köln. Das „Geistliche Zentrum“, eine Einrichtung seit dem Katholikentag 1980 in Berlin, war mit seinem vielschichtigen Angebot von Meditationen über Gesprächsmöglichkeiten bis hin zur Beichte zumeist überfüllt.

Die Jugend schaltete sich beim Thema „Jugend — Junge Erwachsene — Studierende“ kräftig ein. Bereits bei der Eröffnungsveranstaltung am Donnerstag war neben Bischof Jacques Gaillot Bundesarbeitsminister Dr. Norbert Blüm der Star der Jugend. Die eigenen Problemkreise nahm die Jugend gleichwohl ins Visier: Jugendarbeitslosigkeit, Jugend und Politik, Jugendarbeit in Ost und West sowie (neue) Lebensentwürfe. Das Singen und Beten für Kinder sowie das Erzählen und Erleben biblischer Geschichten waren vorzugsweise Gegenstand eigener Veranstaltungen. „Kirchenmusik und Liturgie“ fehlten natürlich nicht, auch nicht das Thema „Medien“.

Beim Themenkreis „Männer“ (Willigis-Gymnasium) war das provokative Diktum des bekannten Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner zu hören: „Was der Religion gesellschaftlich widerfährt, nämlich ins Private zurückgedrängt zu werden, passiert auch im Leben und Bewußtsein des Mannes.“ Die Veranstaltungen waren für Männer und nur für sie, in der Absicht, daß es zu einer guten Erfahrung würde, sich einmal nur auf Männer zu konzentrieren. In Workshops, Podiumsdiskussionen und Bibelarbeit versuchte man, den Problemen der Männer als Väter und Söhne gerecht zu werden. Nicht ausgespart waren die Themen Arbeitslosigkeit, Homosexualität und Kontemplation.

Beim Thema „Schutz des Lebens“ standen bekannte Fachleute wie der Moraltheologe Prof. Dr. Johannes Reiter (Universität Mainz) und der Pastoraltheologe Prof. Dr. Josef Müller (Universität Freiburg) zur Verfügung. Die angesprochenen Sachverhalte reichten von „Leben vor der Geburt“ bis zu „menschenwürdig sterben“. Bei der Thematik „Sekten und Heilslehren“ waren u. a. die Sektenbeauftragten der Diözese Freiburg, Dipl. Theol. Albert Lampe, und Dr. Wolfgang Rödl, Rottenburg, beteiligt neben den Experten Prof. Dr. Bernhard Grom, München, und Prof. Dr. Medard Kehl SJ, Frankfurt. Die Thematik „Sozialpolitische Arbeit und soziale Dienste“ schloß die lange Themenreihe ab.

Die Verbände, Institutionen und Orden führten eigene Veranstaltungen durch, worunter auch ein Soldatengottesdienst mit dem Militärbischof DDr. Johannes Dyba, Fulda, fiel. In einer Podiumsdiskussion des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) auf der Bühne des Schillerplatzes (13.6.) „Wir packen die Zukunft“ waren vier im Bundestag vertretene Parteien geladen: Renate Schmidt MdL, München (SPD), Gunda Röstel MdB (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Wolfgang Schäuble MdB (CDU) und Guido Westerwelle MdB (FDP).

In den vier sogenannten Kirchenmeilen hatte, über die Veranstaltungen in Häusern und Zelten hinaus, sich ein buntes Angebot von Ausstellungen, Info-Ständen, unter ihnen der Freiburger Rundbrief, u. ä. etabliert. Von Mittwoch bis Samstag waren diese Ausstellungsstände fast dauernd besucht, von vielen tausend Menschen. Ungezählte Gespräche, auch Glaubensgespräche, entzündeten sich. Eine kaum zu ordnende Vielfalt von Glaubensäußerungen und Wahrnehmungen bot sich dar, auch Musikanten und Straßenprediger waren zu sehen. Ihr Lärm war kaum verkraftbar. Aber auch diese Ausbrüche und Auswüchse von Religiosität gehören wohl zu jedem Treffen von so vielen Gläubigen. Das Gesicht des Katholikentags wurde freilich von anderem geprägt: dem ernsthaften Suchen und Streben nach Mündigem, nach der neuen „Freiheit eines Christenmenschen“ in der heutigen katholischen Kirche.

Der zur Randerscheinung gewordene „Katholikentag von unten“ (Kvu), ehemals noch stark gefragt, brachte im großen Zelt am Bruchwegstadion nur etwa 60 Interessierte zusammen, die dem Sozialethiker Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ, Frankfurt, und dem Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Reinhard Höppner (SPD), zuhörten. Hengsbach bemerkte den „Reformstau“ der Kirche, den die Amtskirche nicht bemerke. Eine vorgeblich christliche Politik kümmere sich in Wirklichkeit nicht um soziale Gerechtigkeit, äußerte der Theologe Prof. Dr. Kuno Fussel, Münster.

Mit dem Hauptgottesdienst am Sonntag (14.6.) im Volkspark, den Bischof Lehmann als Hauptzelebrant und Prediger hielt, der Verlesung der Botschaft von Papst Johannes Paul II. und der Einladung zum 94. Deutschen Katholikentag im Jahre 2000 in Hamburg durch Bischof Averkamp ging der 93. Katholikentag zu Ende.


Jahrgang 5/1998 Seite 278



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