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Clemens Thoma

Der Jude Jesus im Deutschen Reichstag 1904

Konfrontation und deutsch-jüdischer Dialog

1. Parlamentarische Zwischenrufe

Bei den Reichstagsverhandlungen am 8. März 1904 in Berlin ging es (wieder einmal) um rassistisch-antisemitische Maßnahmen, die von der Regierung gegen die angeblich überbordende jüdische Verderbnis zu treffen seien. Aus den Bänken der sozialdemokratischen Abgeordneten wurde dem Vertreter der Antisemitenpartei, Adolf Stoecker,1 folgender Satz entgegengerufen: „Was wollen Sie denn? Christus selbst war ein Jude!“ Stoecker antwortete: „Der Heiland war kein Jude, sondern des Menschen Sohn!“ Darauf ein Sozialdemokrat: „... auch Gottes Sohn!“ Dann der Reichstagspräsident: „Meine Herren, die Zurufe fangen an, so zu werden, daß ich sie als Blasphemie bezeichnen muß!“ Am folgenden Tag, dem 9. März 1904, griff der Abgeordnete August Bebel2 das Thema nochmals auf: „Aber Herr Stoecker, Christus ist von einer Jüdin geboren worden ... Die Weissagungen des Alten Testaments weisen auf Juda, auf Israel, als das auserwählte Volk, aus welchem der Heiland der Welt hervorgehen werde ... Was Sie über die Juden sagen, beruht auf historischer Fälschung. Es kann gar nicht bestritten werden, daß ... das Christentum ohne das Judentum nicht denkbar wäre. Das eine folgt aus dem andern. Und wenn Sie alles predigen müssen, dann ist es um so sonderbarer, um so verwerflicher und um so verächtlicher, wenn Sie dann gleichwohl ihren wüsten Judenhaß, wie geschehen, auslassen!“ Stoecker antwortete darauf ziemlich ungeschickt. Ungenau und aus mehreren Abschnitten zusammengezogen wies er zunächst auf einige judenkritische Stellen im Neuen Testament hin. Dann holte er zum bösen Tiefschlag aus: „Wenn aber Herr Bebel den Unterschied nicht begreift, der in den Worten liegt: ,Jesus ist nicht Jude, sondern Menschen Sohn‘, so begreife ich das durchaus! Sein Haß gegen Akademie und Bildung ist zu groß, um ein so tiefes Wort irgendwie zu verstehen!“

2. ,Daß Jesus Christus eyn geborener Jude sey‘

Unter diesem Titel wurde am 23. März 1904 in den „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“3 über das parlamentarische Scharmützel vom 8. März berichtet. Der vorzügliche Artikel stammt wohl von einem protestantischen Mitarbeiter. Sicher ist dies aber nicht, da die „Mittheilungen“ die Namen der Mitarbeiter nur selten angaben, um diese vor den Attacken der Rassisten zu schützen.

Der Text des Artikels lautet: „Die Christen unterscheiden sich ursprünglich nur dadurch von den Juden, daß sie in Jesus den Messias sehen. Demgemäß trägt das Bild Christi in den Evangelien die Züge, welche dem im alten Testament entworfenen Bilde des Messias entsprechen. Das Matthäus-Evangelium beginnt mit einem Geschlechtsregister Christi, welches dessen Abstammung von David nachweist, denn der Messias muß von Davidischem Stamm sein. Das Lukas-Evangelium hat im 3. Kapitel einen, allerdings einigermaßen abweichenden, Stammbaum, welcher ebenfalls auf David zurückführt. Lk 2,21 erzählt Christi Beschneidung, wobei bemerkt zu werden verdient, daß der Tag von Christi Beschneidung Jahrhunderte lang als kirchlicher Gedenktag gefeiert wurde. Es ist daher unleugbar, daß Christus Jude war, wie ja denn auch eine Schrift Luthers den Titel führt: ,Daß Jesus Christus eyn geborener Jude sey‘. Und als Gegenstück mag erwähnt werden, daß der Obelisk auf dem Petersplatz zu Rom an der Ostfront die auf Christi Abkunft deutende Inschrift trägt: ,Vicit Leo de Tribu Juda‘ — ,Es siegte der Löwe vom Stamme Judah‘. Nach der Lehre der christlichen Religion ist Christus zugleich Sohn Gottes und Mensch — als Mensch ist er aber Jude und mußte er Jude sein, da er sonst nicht der Messias von Davidischem Geschlecht hätte sein können. Im Sinne christ-lich orthodoxer Auffassung begeht also nicht derjenige eine Blasphemie, welcher Christus einen Juden nennt, sondern umgekehrt, derjenige greift ein christliches Dogma an, welchem sein Gott in der Gestalt eines Juden nicht vornehm genug ist, und der deshalb die jüdische Abstammung Christi fort zu disputieren sucht. So lange die Christenheit gläubig war, hat sie an der jüdischen Abstammung Christi keinen Anstoß genommen. Je mehr der fromme Glaube ins Wanken kam, je mehr Christus nur der verehrungswürdige Mensch wurde, um so unerträglicher wurde der Gedanke, daß er Jude sein sollte ... Seither begnügte man sich nicht damit, sich über Christi Abstammung von Juden zu ärgern, man sucht nachzuweisen, daß er kein Jude, sondern ein Arier gewesen sei.“

3. Zusätzliche Bemerkungen des anonymen Verfassers

Der Verfasser des Leitartikels in den „Mittheilungen“ war von mächtiger christlicher Unruhe bewegt. Er füllte noch eine ganze Zeitungsseite mit Zusatzbemerkungen. Über das damals weithin gerühmte offizielle Christsein Adolf Stoeckers urteilt er so: „Da Stoecker eben ein ernsthafter Antisemit war, hörte er allmählich auf, ein Christ zu sein. Es fehlt nicht nur an der Liebe, sondern es hapert auch mit dem Glauben.“ Der am 8. März 1904 gefallene Ausspruch „Jesus ist nicht Jude“ treffe „das Christentum an der Wurzel, denn was danach übrig bleiben kann, mag etwas sehr Edles sein, vielleicht so ein Stück ethische Kultur, mit Christus als besonders hervorragendem ethischem Vorbild, aber Christentum ist es nicht mehr. Und die Apostel sind nicht mehr Apostel, sondern betrogene Betrüger, wenn Christus nicht vom Stamme Davids ist.“

Der Anonymus wirft dann den sich mit christlicher Gebärde brüstenden antisemitischen Parlamentariern vor, sie seien nationalistisch-chauvinistischen und antichristlichen Selbsttäuschungen zum Opfer gefallen: „Jene Verlegenheitshypothese von der nicht-rassenjüdischen Natur von Christus ist pure Willkür und wäre nie aufgestellt worden, wenn man nicht das heutige Christentum moderner Völker von der Mißliebigkeit hätte bewahren wollen, auch persönlich einen rein rassenjüdischen Ursprung und überdies zum Gegenstand seines Kultes oder wenigstens der moralischen Achtung einen Stammesjuden zu haben ... Die jüdische Abstammung von Christus bildet ... ein äußerst wesentliches Moment in den Evangelien.“ Der Verfasser schließt seine kritischen Betrachtungen mit dem treffend-bissigen Satz: „Wenn sie (= die Antisemiten) diese (jüdische) Abstammung leugnen wollen, weil sie ihnen unangenehm und nicht vornehm genug ist, so begehen sie im Sinne orthodox-religiöser Auffassung eine Blasphemie, im Sinne geschichtlicher Forschung eine lächerliche Handlung.“

4. Urteile

Ein wacher Christ hat sich am Beginn des 20. Jahrhunderts mit ausgezeichneten theologischen und volkspsychologischen Argumenten gegen den damals wild grassierenden Rassenwahn zu Wort gemeldet. Er hat großsprecherische Christen als Antichristen und Antijuden entlarvt. Er warnte auch vor dem Zusammenbruch des Christentums, wenn man es rassistisch so weitertreibe. Seine Botschaft richtete er nicht nur an die Adresse der Christen, sondern hatte im gleichen Atemzug auch die Würde des jüdischen Volkes im Auge. Die Figur des Juden Jesus war ihm die Garantie für die segensvolle Weiterexistenz von Judentum und Christentum. Seiner Auffassung nach war die damalige politisch-antisemitische Agitation keine bloße „Verwirrung der Gemüter“. Die rassistische Irrlehre zerstöre vielmehr alle christlichen Grundlagen und Grundlehren und bedrohe auch Juden an Leib und Leben.

Hierher gehört auch eine Würdigung der bisher kaum beachteten Wochenzeitung „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus“. In heutiger Diktion würde man diese Zeitung vermutlich mit dem Etikett „Enthüllungsjournalismus“ versehen. Die „Mittheilungen“ gingen in der Tat in allerbester Absicht stets begierig auf Enthüllungen aus: Jene Restaurants, Hotels, Erholungsstätten usw. wurden in der Zeitung aufgelistet, die sich weigerten, Juden Zutritt zu gewähren. Bischöfe, Politiker und andere Volksführer wurden zitiert, wenn sie etwas zur theologischen und sozialen Ehrenrettung der Juden sagten oder wenn sie dialogischen Austausch — z. B. anläßlich von Eröffnungen von Schulen und Spitälern — mit Rabbinern pflegten. Die Reden des russischen Zaren und des amerikanischen Präsidenten wurden genau analysiert und nach ihren antisemitischen oder judenfreundlichen Tendenzen beurteilt.

Die „Mittheilungen“ können sowohl wegen ihres gemischt jüdisch-christlichen Redaktionsstabes als auch wegen ihrer eindeutigen Verurteilung aller Formen der Judenfeindschaft als eine frühe christlich-jüdische Zeitschrift bezeichnet werden. Sie sind ein weiterer Beleg dafür, daß es schon vor Hitler und vor dem Holocaust — leider nur — einzelne energische Bemühungen für den stets notwendigen beidseitigen christlich-jüdischen Dialog gegeben hat. Um so trauriger stimmt die Tatsache, daß diese Gesprächsansätze am Beginn unseres Jahrhunderts weder von den kirchlichen noch von den staatlichen Führungskräften wirkungsvoll aufgegriffen und zum Schutz des jüdischen Volkes angewendet worden sind. Obwohl der rassistische Antisemitismus im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts — und dann wieder nach dem Ersten Weltkrieg — äußerst bedrohlich grassierte, reagierten die kirchlichen Führungskräfte viel zu spät auf ihn. Es war eine kirchliche Fehlleistung, daß der judenfeindliche Rassismus nicht schon vor dem Auftreten Hitlers feierlich und nachdrücklich verurteilt worden war.

  1. Adolf Stoecker (1835-1909): Dom- und Hofprediger in Berlin. Gründete 1878 die antisemi­tische christlich-soziale Partei. Langjähriges Reichstagsmitglied. Sein auch rassistisch ange­hauchter Antisemitismus richtete sich besonders gegen den jüdischen Einfluß im Bank- und Pressewesen. Er hatte starken Einfluß auf die Arbeiterschaft und auf den Mittelstand.
  2. August Bebel (1840-1913), Linkssozialist, Vorkämpfer für die Arbeiterbewegung und die Frauenemanzipation. 1868 gelang ihm der Zusammenschluß zwischen der deutschen Ge­werkschaftsbewegung und der „Ersten Internationalen” von Karl Marx.
  3. Eine in Berlin zwischen 1890-1905 gedruckte wöchentlich erscheinende Zeitung, an der Ju­den und Christen (Protestanten und Katholiken) mitarbeiteten. Es ging in den „Mittheilun­gen” besonders um die Demaskierung des antijüdischen und antichristlichen Rassismus.

Jahrgang 5/1998 Seite 241



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