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Schimmel, Annemarie

Meine Seele ist eine Frau

Das Weibliche im Islam. Kösel-Verlag, München 1995. 208 Seiten.

Annemarie Schimmel zeigt, wie viele Vorstellungen über Frauen im Islam nicht auf die Worte des Korans, sondern auf dessen phantasievolle volkstümliche Auslegung zurückgehen. Im Koran selbst gäbe es zum Beispiel keinen Hinweis darauf, daß Eva für den Sündenfall verantwortlich sei und damit die Ursünde in die Welt gebracht habe. Trotzdem werde in traditionellen Erzählungen über die Paradiesgeschichte — ein Pfau habe eine winzige Schlange in den Garten gebracht — der Nachdruck auf Evas Leichtsinn gelegt. Eva befragt Gott, worin ihre Schuld liege und was ihre Strafe sei. Sie erhält die Antwort: „Ich mache dich mangelhaft in Gedanken und Religion, und der Fähigkeit Zeugnis abzulegen und zu erben.“ Die Wirkungsgeschichte solcher Auslegungen hatte gesellschaftliche Folgen, wenngleich die Stellung der Frau in der vorislamischen arabischen Welt bedeutend schlechter war. Weitere Frauengestalten der Hebräischen Bibel im Koran sind Hagar, von der arabische Stämme ihre Abkunft herleiten, und die Königin von Saba, im Koran Bilqis genannt. In der späteren literarischen Entwicklung der Josef-Geschichte wird die Gestalt der Frau des Potiphar als liebesbesessene Zulaika zur Zentralfigur — bis hinein ins mystische Schrifttum. Maria, die Mutter Jesu, wird hoch geehrt. Sie ist Sinnbild der schweigenden, hingebungsvollen Seele und wird als erste ins Paradies eintreten.

Der Koran spricht freilich auch von der nafs — im Sinn von ,Triebseele‘, „deren Sinnlichkeit ... das hohe Streben des vernunftorientierten Mannes durchkreuzt“. Über die Ehe und das Familienleben ganz allgemein gibt es sehr ambivalente und zunehmend negative Aussagen. In der islamischen Frühzeit (9. Jh.) hieß es noch: „Die Liebe zu deiner Frau, soweit sie Güte und Zärtlichkeit in sich schließt, braucht die Liebe zu Gott nicht auszuschließen.“ Im 13. Jh. heißt es in Nord-Indien: „Wer den Herrn sucht, ist männlich, wer das Jenseits sucht, ist ein passiver Päderast; wer die Welt sucht, ist weiblich.“ Für die Mystiker war „eine Frau, die auf dem Wege Gottes wandelt, kein Weib, sondern ein Mann“. Schimmel stellt jedoch fest: „Für den echten Gläubigen gilt es, daß es in der Gottesliebe keine Unterschiede von Mann und Weib gibt.“ Der Mutter aber wird eine herausragende Stellung eingeräumt. Auch Ammen genossen Verehrung. Wie im Hebräischen sind auch im Arabischen die Ausdrücke für Mutterschoß und für Erbarmen/Barmherzigkeit fast identisch. Bei dem theosophischen Mystiker Ibn Arabi aus Andalusien (13. Jahrhundert) ist das Weibliche die Form, unter der Gott am besten zu erkennen ist. „Gott kann nicht getrennt von der Materie gesehen werden, und er wird vollkommener in der menschlichen Materie als in irgendeiner anderen gesehen, und vollkommener in der Frau als im Mann.“

Schimmel entwirft ein reich facettiertes Bild über das Weibliche im Islam. Über Frauen im Sufismus sagt sie: „Das Bild der frommen, dem asketischen und mystischen Leben zugeneigten Frauen in der islamischen Welt ist farbig — strenge Asketinnen und zur Gelehrsamkeit neigende Frauen, Fürstinnen ... einfache Mädchen oder Greisinnen, deren Namen nur wenig von ihren mystischen Erfahrungen ahnen lassen und die doch ... infolge ihrer ,baraka‘, ihrer Segensmacht, Trost gespendet haben.“ Im Epilog kann als Fazit gelesen werden: „... es ist unleugbar, daß im Islam viel Leid über die Frauen gekommen ist ... weil Sitten und Anschauungen, die sich absolut nicht aus dem Koran ableiten lassen, durch zunehmende Erstarrung geradezu kanonischen Charakter angenommen haben“. Eine faszinierende Lektüre — auch als Spiegel für die eigene religiöse Tradition!

Ruth Ahl


Jahrgang 5/1998 Seite 222



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