Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1998 > 612  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Reichrath, Hans L.

Ludwig Diehl 1894-1982

Kreuz und Hakenkreuz im Leben eines Pfälzer Pfarrers und Landesbischofs. Evangelischer Presseverlag Pfalz, Speyer 1995. 208 Seiten.

Der Verfasser liefert hier erstmalig die Biographie eines evangelischen Kirchenleiters, der im Nazideutschland maßgeblich am Kirchenkampf beteiligt war, ein Fürsprecher und Wortführer der deutsch-christlichen Bewegung. Als einziger Träger des goldenen Parteiabzeichens unter seinesgleichen war er das willkommene Aushängeschild für die NS Kirchenpolitik und trat in deren Sinn für die Verschmelzung von Kirche und Volk (sprich: NS Staat) ein. Über seine amtliche Tätigkeit im Heimatbereich (Landesbischof von Gnaden der Partei) hinaus setzte er sich mit ein für Maßnahmen von reichsweiter Bedeutung (z. B. die Wahl des „Reichsbischofs“ Müller, „Reibi“ genannt). Er deckte damit auch ideologische Tendenzen und Verbrechen, die nicht zuletzt die jüdische Bevölkerung trafen. Selbst keine Kämpfernatur, ist er das Beispiel einer sträflich blinden Selbstauslieferung an eine vorgetäuscht christliche, tatsächlich kirchen- und religionsfeindliche Macht. Ein Schuldurteil belegt Reichrath dokumentarisch, wenn auch Diehl selbst nicht viel Schriftliches hinterlassen hat. Doch sind genug Äußerungen bezeugt, die oft geradezu grotesk den heilsbringenden Anbruch einer Erneuerung für Volk und Christenheit preisen. Dennoch hat der Biograph zu gerechter Beurteilung einiges in die Waagschale zu werfen: Herkunft, Veranlagung, spiritueller Einfluß, traditionell kirchliche und regionale Eingrenzungen des Blickfelds. Es ergibt sich daraus das Bild eines Mannes, der fromm, ohne jeden Hang zu kritischer Auseinandersetzung stets zu vereinfachender Harmonisierung neigte, der sich im praktischen Dienst als Seelsorger bewährte, in missionarischem Eifer für sein Christentum eintrat und damit — wie er meinte — für Volk und Vaterland. Das Einigungsbestreben der deutsch-christlichen Bewegung unterstützte er, um eine Stärkung der evangelischen Christenheit in Deutschland zu fördern. Die westrheinische Grenzlandphobie (Frankreich) beeinflußte ihn nationalistisch; antisemitische Züge waren aus der traditionellen Theologie ererbt, verstärkt durch die Neigung zu Adolf Stoeckers Soziallehre.

Reichrath zeigt das Verhalten eines konservativ durchschnittlichen Menschen seiner Zeit. Er widmet seine Aufmerksamkeit weithin einer Darstellung der allgemeinen kirchlichen Lage in der Pfalz wie im Reich, soweit diese das evangelische Lager betrifft. Eine graphische Skizze zur Entwicklung der gegensätzlichen Richtungen ist dabei hilfreich. Kritisch Stellung nimmt der Verfasser auch zur schwachen Haltung der kirchlichen Führungsgremien nach dem Ende der NS Herrschaft, ihrer mangelhaften Bereitschaft zur ehrlichen Überprüfung der früheren Verstrickungen, zum Eingeständnis eigenen Versagens. Er mahnt die Umkehrarbeit an.

Hildegard Schernus


Jahrgang 5/1998 Seite 221



top