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Shabtai, Jaakow

Vollendete Vergangenheit

Roman. Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1997. 318 Seiten.

Meisterwerke der Literatur zeichnen sich oft dadurch aus, daß sie mit einem Paukenschlag beginnen: „Mit zweiundvierzig, kurz nach dem Laubhüttenfest, überfiel Meir die Todesangst, nachdem ihm bewußt wurde, daß ein ganz realer Teil seines Lebens, das seinen Höhepunkt bereits überschritten hatte und nun bergab ging, der Tod war, auf den er schnell und in gerader Bahn unausweichlich zuging.“ Jaakow Shabtai, einer der bedeutendsten Autoren der hebräischen Gegenwartsliteratur, der nur etwas älter als die Hauptfigur seines Romanes wurde, ist auch für den deutschen Leser kein Unbekannter mehr. Es ist die Ironie des Schicksals, daß der Autor seinen Roman, der von der Angst vor dem frühen Tod durch einen Herzinfarkt handelt, nicht mehr vollenden konnte, weil er selbst 1981 mit 47 Jahren in Tel Aviv einem Herzinfarkt erlag. Nachdem Meir, von Beruf Ingenieur, von seinem besorgniserregenden Zustand erfährt, ist für ihn nichts mehr wie früher. Er denkt nur noch an seine Krankheit, fürchtet sich vor dem Sterben. „In dieser enttäuschten, düsteren Stimmung überblickte er sein Leben“, erklärt der Erzähler die kaleidoskopische Rückschau Meirs auf sein Leben. Sie umfaßt vier Kapitel und beginnt mit einem Bericht über die unmittelbare Gegenwart. Meir streift rastlos durch die Straßen Tel Avivs, will seinem erlöschenden Leben noch eine neue Wende geben, will sich von seiner Frau trennen, sucht Frauenbekanntschaften, um sich zu beweisen, daß er noch ein ganzer Mann ist. Auch über sein zionistisches Elternhaus und die Ideale, die ihm dort eingeimpft wurden, erfahren wir etwas. Der Tod der Mutter wirft ihn endgültig aus der Bahn, da er nun das Gefühl nicht mehr los wird, der nächste zu sein. Um die Todesängste zu vertreiben, unternimmt er auf Anraten seiner Freunde eine Reise nach Amsterdam und London, wo er eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Ihm bleibt die bittere Erfahrung nicht erspart, daß man der Realität nicht entfliehen kann. Das letzte Kapitel besteht aus einem langen Wachtraum. Seine Hausärztin, die mütterliche Dr. Reiner, erscheint ihm als Beatrice aus Dantes „Göttlicher Komödie“, die ihn aus dem Fegefeuer erlöst und ihn ins Paradies führt. Als Meir aufwacht, spürt er eine unendliche Erleichterung und hört, wie jemand sagt „Das war‘s“. Der Tod, den er so gefürchtet hat, erweist sich am Ende als eine Art Wiedergeburt. Anne Birkenhauer hat Shabtais komplexe Prosa behutsam ins Deutsche übersetzt und den düsteren Ton gut getroffen. Die extreme syntaktische Verschachtelung wurde für den deutschen Leser auf ein erträgliches Maß reduziert. Gleichwohl spürt man noch etwas von dem „langen Atem“ des Erzählers, dessen stilistische Vorbilder zweifellos Proust und Joyce sind.

Anat Feinberg


Jahrgang 5/1998 Seite 214



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