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Erben, Eva

Mich hat man vergessen

Erinnerungen eines jüdischen Mädchens. Aus dem Hebräischen von Nathan Jessen, mit einem Nachwort von Mirjam Pressler. Gulliver Taschenbuch 747. Beltz & Gelberg, Weinheim 1996. 90 Seiten.

Warum trat Eva Erben 1979 vor die Klasse ihres Sohnes Amir und erzählte, viele Jahre nach den Geschehnissen, ihr Lebensschicksal? „Ich überlegte hin und her, schwankend zwischen Verschwiegenheit und Verantwortung, und schließlich trat ich in die Klasse und erzählte meine Geschichte“ (5). Der Lebensrahmen dieser ,Vergessenen‘ lautet: Prag 1930, Theresienstadt 1941, Auschwitz 1944, Postrekov 1945, Prag 1946, Israel 1949. Diese Orte und Zeiten sind angefüllt mit Erinnerungen, die Böses und Gutes schlagartig aufreißen. Das Böse: Judenstern, Judenhunde, Patentverbot, namenlose Nr. 643, Gefangenschaft, schlechtes Essen, Kinderarbeit, Verlust des Vaters, Schlag mit dem Gewehrkolben und Verlust von zwei Schneidezähnen, Ausziehen und Kopfscheren, Hunger, Todesmarsch, Tod der Mutter. Das Gute: Kindheit, Rabenmärchen, Murmelspielen, mit Eltern im Getto, Gruppenältester Peter, Kirschenessen, Tagebuch, Julia, Heuschober, polnischer Junge, deutscher Soldat, Familie Jahn, Christen, zwei Laib Brot, gute Dorfleute in Postrekov, der Zahnarzt, Josef, Anna und Vera, Schule, Waisenhaus, Krankenschwester, Peter, Ausreise nach Israel, Aschkelon. Schließlich zwischen Gut und Böse: das Wiedersehen mit der Vergangenheit nach der Schoa.

Diese mosaikartigen Erinnerungen werden im Nachwort von Mirjam Pressler in jenen großen Zusammenhang eingeordnet, in dem dieses vergessene Leben am Ende sogar eine Art von Happy-End erfährt trotz Nazidiktatur und Krieg, trotz Getto und KZ, weil der Zufall es will, daß das verhungernde und kahlgeschorene KZ-Mädchen auf dem Todesmarsch im Heuschober vergessen wird und gute Menschen erlebt, die ihr Leben retten: jenen polnischen Jungen, der Milch und Zuckerrüben mit ihr teilt, den desertierten deutschen Soldaten, der ihr von Brot und Kaffee abgibt, und schließlich die Familie Jahn in Postrekov, die sie wie ihre eigene Tochter aufnimmt und sie mit rührender Sorge wieder aufpäppelt. Sogar jenen Gruppenältesten Peter Erben aus Theresienstadt trifft sie wieder, verliebt sich in ihn, heiratet ihn und zieht nach Israel, wo sie als Mutter von drei Kindern doch noch ein sinnvolles Leben erlebt. In schlichten Worten erzählt Eva Erben das sinnlos sinnvolle Lebensschicksal einer von Millionen Jüdinnen und Juden von Auschwitz „auch für diejenigen, die nicht mehr reden können“ (5).

Bernd Bothe


Jahrgang 5/1998 Seite 210



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