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Abailard, Peter

Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen

Lateinisch und Deutsch. Herausgegeben und übertragen von Hans-Wolfgan‘g Krautz. Insel-Verlag, Frankfurt 1995. 378 Seiten.

In der Literatur ist Petrus Abailardus (1079-1142) besonders durch den Briefwechsel mit seiner Frau Heloisa bekannt geworden. In der Philosophie wird seine „Ethik“ (1135) als epochemachend gepriesen. Nun liegt auch erstmals Abailards „Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen“ in einer deutsch-lateinischen Parallel-Ausgabe vor. Der lateinische Text basiert auf der textkritischen Edition, die Rudolf Thomas 1970 vorgelegt hatte. Der Übersetzer und Herausgeber hat den Text mit 207 Anmerkungen versehen, die die Lektüre erleichtern; ebenso hat er auf die wichtigsten Handschriften und lateinischen Editionen, die Werkausgaben und Übersetzungen sowie auf einige Monographien zu Abailard und seiner Zeit verwiesen. Eine ausführliche Zeittafel und ein den Text erschließendes „Nachwort“ (321-377) machen diesen schwierigen Text zu einer vorzüglichen Studienausgabe. Die Übersetzung ist flüssig, so daß der mittelalterliche Text nun mit Genuß gelesen werden kann.

Im Jahre 1141 treten vor Abailard ein Jude, ein Christ und ein muslimischer Philosoph. Da der Philosoph aber weder ein Atheist ist, noch den Islam verteidigt, sondern „das natürliche Sittengesetz“, wie es vor Moses schon Noah und Hiob gekannt haben sollen, wird also gestritten über 1. das noachidische Sittengesetz, 2. das Judentum und 3. das Christentum. Diese drei Männer hatten sich schon vor diesem Treffen lange über die verschiedenen Richtungen ihres Glaubens unterhalten, und da sie sich nicht einigen konnten, bitten sie nun Abailard als Richter zu fungieren. Dieser stimmt zu — doch richtet er nicht, sondern hört nur zu. Nach einleitenden und etwas hochmütigen Bemerkungen des Philosophen (die Juden seien töricht und die Christen verrückt) beginnt das Gespräch zwischen dem Philosophen und dem Juden (21-97), der Richter und der Christ mischen sich nicht ein. Dann folgt das Gespräch zwischen dem Philosophen und dem Christen (99-289), und auch hier kommen weder Jude noch Richter zu Wort. Da ein Schlußwort des Richters fehlt — ob Abailard das „Gespräch“ nicht vollenden konnte oder ob er diesen Schluß bewußt gewählt hat, ist nicht zu entscheiden —, ist der Text ein Dialog mit offenem Ausgang: der Leser hat zu entscheiden.

Die Diskussion um das Christentum ist etwa dreimal so lang wie die über das Judentum, doch das hat nichts mit einem bei Abailard vermuteten Anti-Judaismus zu tun: in dem etwa gleichzeitig geschriebenen Religionsgespräch „Kuzari“ des Jehuda Halevi dominiert das Judentum, und das Christentum wird bei Halevi viel schärfer kritisiert als das Judentum bei Abailard. Man muß unterscheiden zwischen dem, was der Philosoph über das Judentum sagt, und dem, wie der Jude das Judentum darstellt. Für den Philosophen ist das Judentum (ähnlich wie später bei Spinoza) nur auf das Diesseits ausgerichtet, es kenne weder die Ewigkeit noch die Seligkeit des künftigen Lebens, alle Ge- und Verbote bezögen sich allein „auf eine gewisse Ehrenhaftigkeit des gegenwärtigen Lebens“ und nicht auf das Heil der Seele. Damit aber ist das Judentum eine Religion, die keine Ethik hat. Dem hält der Jude entgegen: „Für jede Seelentugend genügt die wahre Gottes- und Menschenliebe. Auch wenn die Werke ausbleiben sollten, so wird der gute und vollendete Wille in seinem Verdienst dennoch keineswegs geschmälert“ (71). Dieser Standpunkt ist erstaunlich: ist es doch der Standpunkt von Abailard selbst, der in seiner „Ethik“ vehement dafür plädiert hat, es komme nicht auf die Ausübung von Werken und Taten an, sondern allein auf die „Intention“, mit der diese unternommen würden. Dem etwas starren Bild vom Judentum des Philosophen stellt Abailard somit eine Sicht des Judentums gegenüber, die seiner eigenen Ansicht ähnelt und an die der Christ im „Gespräch“ hätte anschließen können. Das tut dieser zwar nicht, aber im Verlauf des sich immer dramatischer zuspitzenden Gesprächs zwischen dem Philosophen und dem Christen verliert der Philosoph immer mehr seine zuerst zur Schau gestellte Überheblichkeit, und zum Schluß wird der Christ das letzte Wort haben. Das Christentum dieses Christen ist allerdings so „modern“, daß es auch nach 850 Jahren noch lohnend ist, es zu erfahren. Abailard war sich der „Moderne“ seiner Anschauungen wohl bewußt, denn an einer zentralen Stelle des „Gesprächs“ heißt es, die modernen Schriftsteller (moderni scriptores) könnten mit ihren Talenten die alten (antiguos) Schriftsteller nicht nur erreichen, sondern auch „bei weitem übertreffen“. Dies ist Abailard selbst gelungen, der 1997 in einer Darstellung der Bildungswelten des Mittelalters als „ein vorzeitiger Descartes, aber auch ein früher Goethe“ gefeiert worden ist. Das Gespräch gehört sicher zu den wichtigen Texten des auch sonst immer wieder staunenswerten 12. Jahrhunderts.

Friedrich Niewöhner


Jahrgang 5/1998 Seite 203



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