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Mark Zonis

Juden in Thessaloniki

Die jüdische Gemeinde in Thessaloniki, die zweitgrößte im Lande (nach Athen mit etwa viertausend Juden), zählt heute etwa 2000 Juden. Es wird angenommen, daß bereits 140 v Chr. Juden in Thessaloniki gewohnt haben. Der Apostel Paulus hat in der Synagoge der Stadt gepredigt (Apg 17,1-5). Im 5. Jahrhundert war Thessaloniki nach Konstantinopel die zweitwichtigste Stadt im byzantinischen Kaiserreich. Thessaloniki galt als „Mutter Israels“, weil bis 1922 dreißig bis fünfzig Prozent ihrer Bewohner Juden waren. Für die Juden, die nach 1370 und besonders nach 1492 von Spanien, von West- und Mitteleuropa geflohen sind, um der Verfolgung zu entgehen, war Thessaloniki zum „Himmel der Juden“ geworden. Von den 56 000 Juden, die 1943 dort gelebt haben, wurden sechsundneunzig Prozent umgebracht; genau 1954 Personen haben überlebt.

Prof. Zonis, Synagoge von Thessaloniki

Mark Zonis vor dem Toraschrein (mit geöffnetem Parochet-
Vorhang) in der Synagoge von Thessaloniki. Foto: M. Zonis.

Am 9. April 1941 kommen die ersten deutschen Einheiten in die mazedonische Hauptstadt. Die Juden schließen sich in ihren Häusern ein. Bereits am 15. April dringen die Nazis in das Gebäude der Kultusgemeinde ein und rauben Archive, Teppiche, Schreibmaschinen, den Geldschrank und die Schriften der Rabbinatsbibliothek. Hunderte von Juden werden verhaftet. Anfang Juni 1941 etabliert sich eine Vertretung des Kommandos Rosenberg in Thessaloniki. Einer in der Zeitung veröffentlichten Anweisung zufolge haben sich alle erwachsenen Juden zwischen 18 und 45 Jahren am Sabbat, dem 11. Juli 1942, um acht Uhr auf dem „Platz der Freiheit“ einzufinden. Neuntausend Erwachsene stehen in der bleiern drückenden Sonnenhitze unbeweglich in dichten Reihen, von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags. Rund um den Platz sind Soldaten mit Maschinengewehren und Kleinkaliberkanonen gut sichtbar plaziert. Jeder, der sich auch nur ein wenig von seiner Stelle entfernt, wer versucht sich hinzusetzen, sich eine Zigarette anzuzünden oder sich mit einem Hut oder einer Zeitung vor der Sonne schützen will, wer gegen die blendende Sonne eine Sonnenbrille aufzusetzen wagt, wird gewaltsam fortgezerrt und zu anstrengenderen ,Gymnastikübungen‘ verurteilt. Wer bewußtlos hinsinkt, wird mit Tritten „wiederbelebt“ und zum Aufstehen gezwungen. Sie müssen sich auf dem Boden wälzen, durch den Staub kriechen und die lächerlichsten Verrenkungen vollführen, wobei man sie schlägt, anspuckt und in unflätigster Weise beschimpft. Einige sterben an den Folgen dieses verbrecherischen Zeitverteibs. Der brutalste der Nazioffiziere war Alois Brunner, die Personifikation teutonischen Sadismus‘ in all seiner Schrecklichkeit. Mit dabei ist Dieter Wisliceny. Nach der Befreiung Griechenlands wurden Brunner und Wisliceny, die Hauptverantwortlichen für die Tragödie der Juden in Griechenland, in Deutschland festgenommen und zum Tod durch Erhängen verurteilt. Am 7. August 1943 wird der neunzehnte und letzte Transport — mit 1200 Juden aus den Arbeitslagern — in die Vernichtungslager verschickt.

Nach mehr als 2000 Jahren jüdischer Geschichte in Thessaloniki hatte die „Mutter Israels“ aufgehört zu bestehen. Alle alten Einrichtungen: der Friedhof, die Synagogen, die Kulturstätten, die Heime und Krankenhäuser, fast alles, was jüdisch war, ist zerstört worden. Der alte Friedhof mit knapp 500 000 Gräbern und wertvollen Grabsteinen aus dem 15. Jahrhundert war bereits im November 1942 enteignet und entweiht worden. Nur eine Synagoge blieb erhalten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts registrierte die Gemeinde in Thessaloniki mehr als sechzig kleine und große Synagogen, viele Kulturzentren, Altersheime, Kranken- und Waisenhäuser. Jetzt birgt ein kleiner Friedhof in einem Vorort im Norden der Stadt eine Gedenkstätte für die Opfer der Schoa. Mehr ist nicht geblieben von der „Mutter Israels“.


Prof. Zonis, geb. 1921 in Rumänien, studierte Sprachen und Geschichte an der Universität Odessa und Internationale Beziehungen in Frankreich. Nach seiner Emigration 1972 lehrte er in Frankreich, Spanien und Italien. Seit 1983 ist er Dozent an der Volkshochschule in Frankfurt a.M.


Jahrgang 5/1998 Seite 199



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