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Wortlaut des Dokumentes „Wir erinnern uns: Nachdenken über die Schoa“

1. Die Tragödie der Schoa und die Pflicht, sich zu erinnern

Das zwanzigste Jahrhundert geht schnell seinem Ende zu, und in der christlichen Ära ist ein neues Jahrtausend im Anbruch. Die 2000-Jahr-Feier der Geburt Jesu Christi bewegt alle Christen und lädt in der Tat alle, Männer und Frauen, ein, nachzuforschen, wo im Verlauf der Geschichte die Anzeichen des Wirkens der göttlichen Vorsehung zu sehen sind, aber auch die Vorkommnisse ans Licht zu bringen, wo das Antlitz Gottes, das sein Geschöpf, der Mensch trägt, verletzt und verunstaltet wurde.

Das Nachdenken betrifft einen der wesentlichen Bereiche, bezüglich dessen sich Katholiken die Ermahnungen zu Herzen nehmen sollen, die Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Tertio millennio adveniente“ an sie gerichtet hat: „Es legt sich nahe, da sich das zweite christliche Jahrtausend dem Ende zuneigt, daß die Kirche sich mehr über die Sünden ihrer Glieder bewußt wird, wobei sie sich besonders alle jene Epochen der Geschichte ins Gedächtnis ruft, in denen die Christen vom Geist Jesu Christi und seines Evangeliums abgewichen sind. Anstatt der Welt das Zeugnis eines von den Werten des Glaubens durchdrungenen Lebens zu geben, waren Christen einem Denken und Handeln verfallen, die in Wahrheit Formen von Anti-Zeugnis und von Skandal darstellten.“1

Das gegenwärtige Jahrhundert wurde Zeuge einer unaussprechlichen Tragödie, die niemals vergessen werden kann: der Versuch des Nazi-Regimes, das jüdische Volk auszurotten, wobei Millionen von Juden konsequent ermordet wurden. Frauen und Männer, Alte und Junge, Kinder und Säuglinge wurden verfolgt und deportiert aus dem einzigen Grund, weil sie jüdischer Abstammung waren. Einige wurden sofort getötet, während andere erniedrigt, mißhandelt, gefoltert und ihrer Menschenwürde gänzlich beraubt schließlich hingemordet wurden. Nur sehr wenige von denen, die in die Konzentrationslager kamen, überlebten, doch die Überlebenden blieben lebenslang vom Erlittenen gezeichnet. Das war die Schoa: eine der größten Katastrophen in der Geschichte dieses Jahrhunderts, ein Faktum, das uns heute noch immer betrifft.

Angesichts dieses schrecklichen Genozids, der für die Regierungen der Staaten und für die jüdischen Gemeinden selbst äußerst schwer zu begreifen war — und dies vom ersten Augenblick an, als das Geschehen gnadenlos abzulaufen begann —, kann niemand gleichgültig bleiben. Am wenigsten von allen kann dies die Kirche, weil sie mit dem jüdischen Volk in engster geistiger Verwandtschaft steht und weil sie um die Freveltaten an den Juden in der Vergangenheit weiß. Die Beziehung der Kirche zum jüdischen Volk ist anders als ihre Beziehung zu den übrigen Religionen.2 Dennoch geht es in dieser Beziehung nicht nur darum, sich die Vergangenheit ins Bewußtsein zu rufen. Die gemeinsame Zukunft von Juden und Christen verlangt, daß wir unsere Erinnerung anstrengen, denn „es gibt keine Zukunft ohne Erinnerung“.3 Die Geschichte selbst ist memoria futuri (Gedenken des Zukünftigen).

Wenn wir uns mit diesen Überlegungen an unsere Brüder und Schwestern in der Katholischen Kirche auf der ganzen Welt richten, bitten wir zugleich alle Christen, mit uns die Katastrophe zu bedenken, die das jüdische Volk erlitt. Desgleichen bitten wir aber auch, den moralischen Appell zu beherzigen, niemals wieder Egoismus und Haß bis zu dem Punkt anwachsen zu lassen, wo sie für die anderen solche Leiden und den Tod bringen.4 Und in besonderer Weise bitten wir unsere jüdischen Freunde, „deren schreckliches Schicksal zum Symbol dafür wurde, zu welchen Verirrungen die Menschen fähig sind, wenn sie sich gegen Gott auflehnen“,5 uns mit offenem Herzen anzuhören.

2. Woran wir uns erinnern müssen

In der einzigartigen Bezeugung des Einen Heiligen Israels und der Tora ist dem jüdischen Volk viel Leid widerfahren, und dies zu verschiedenen Zeiten und an vielen Orten. Aber die Schoa war gewiß das schlimmste von allen Leiden. Die Unmenschlichkeit, mit der die Juden in diesem Jahrhundert verfolgt und hingeschlachtet wurden, liegt jenseits des Vermögens, dieses Geschehen in Worte zu fassen. Und all das wurde ihnen aus dem einzigen Grund zugefügt, daß sie Juden waren.

Die tatsächliche Größe dieses Verbrechens wirft viele Fragen auf. Historiker, Soziologen, Philosophen, Psychologen und Theologen versuchen alle, mehr über die Realität der Schoa und die Gründe, wie es zu ihr kam, in Erfahrung zu bringen. Viel Forschungsarbeit ist noch zu leisten. Aber ein solches Geschehen wie die Schoa kann mit den üblichen Kriterien und Maßstäben der Geschichtsforschung allein nicht vollständig gemessen werden. Es verlangt nach einer „moralischen und religiösen Gewissenserforschung“, und — insbesondere bei Christen — eine ernsthafte Reflexion darüber, was die Triebfeder dazu war.

Die Tatsache, daß die Schoa in Europa stattfand, d. h. in Ländern mit einer langen christlichen Zivilisation, wirft die Frage auf nach den Beziehungen zwischen der nazistischen Judenverfolgung und der Haltung, die Christen gegenüber den Juden im Verlauf der Jahrhunderte einnahmen.

3. Die Beziehungen zwischen Juden und Christen

Die Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und Christen ist leidvoll. Der Heilige Vater Johannes Paul II. hat diese Tatsache anerkannt in seinen wiederholten Appellen an die Katholiken, worin er darauf hinweist, daß wir erkennen sollen, wo unser Platz ist in unseren Beziehungen zum jüdischen Volk.6 In der Tat ist die Bilanz dieser Beziehungen über zweitausend Jahre hinweg als völlig negativ zu beurteilen.7

In den Anfängen des Christentums, nach der Kreuzigung Jesu, kam es zu Auseinandersetzungen zwischen der frühen Kirche und den jüdischen Religionsbehörden sowie dem jüdischen Volk, wobei diese in Treue zum Gesetz gelegentlich mit Gewalt gegen die Verkündiger des Evangeliums und gegen die ersten Christen vorgingen. Im heidnischen Römischen Reich waren die Juden durch Privilegien rechtlich geschützt, die vom Kaiser garantiert wurden, und die Staatsbehörden machten zunächst keinen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Gemeinden. Schon bald aber wurden die Christen von der Staatsmacht verfolgt. Als später die Kaiser selbst zum Christentum konvertierten, haben sie zunächst weiterhin die jüdischen Privilegien garantiert. Aber christliche Volkshaufen, welche die heidnischen Tempel angriffen, machten es manchmal ebenso mit den Synagogen. Dabei waren die Christen nicht unbeeinflußt von gewissen Interpretationen, die im Neuen Testament im Blick auf das ganze jüdische Volk zu finden sind. „In der christlichen Welt — ich spreche nicht von der Kirche als solcher — waren irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testaments in bezug auf das jüdische Volk und seine Schuld viel zu lange in Umlauf und haben eine feindselige Haltung gegenüber diesem Volk erzeugt.“8 Derartige Interpretationen des Neuen Testaments wurden vom Zweiten Vatikanischen Konzil vollständig und endgültig zurückgewiesen.9

Trotz der christlichen Botschaft der Liebe zu allen Menschen, sogar zu den eigenen Feinden, hat die vorherrschende Geisteshaltung durch die Jahrhunderte hindurch zur Bestrafung von Minderheiten und von solchen, die irgendwie „anders“ waren, geführt. Antijüdische Haltungen in einigen christlichen Kreisen und die tiefe Kluft, die zwischen der Kirche und dem jüdischen Volk bestand, führten zu einer allgemeinen Diskriminierung, zeitweise zu Vertreibungen oder zum Versuch von Zwangsbekehrungen. In einem großen Teil der „christlichen“ Welt besaßen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Nichtchristen keineswegs immer die vollen bürgerlichen Rechte. Trotzdem hielten die in der christlichen Welt lebenden Juden an ihren religiösen Traditionen und eigenen Gebräuchen in ihren Gemeinden fest. Sie wurden deswegen mit einem gewissen Argwohn und Mißtrauen betrachtet. In Krisenzeiten wie Hungersnot, Krieg, Pest oder sozialen Spannungen wurde die Minderheit der Juden manchmal zum Sündenbock gemacht und wurde das Opfer von Gewalt, Plünderungen und sogar Massakern.

Am Ende des 18. Jahrhunderts und mit Beginn des 19. Jahrhunderts erlangten die Juden in den meisten Staaten die rechtliche Gleichstellung mit den übrigen Bürgern, und manche Juden kamen zu einflußreichen Stellungen in der Gesellschaft. Aber im gleichen geschichtlichen Zeitraum, besonders im 19. Jahrhunderts griff ein falscher und verschärfter Nationalismus Platz. In einem Klima von folgenreichen sozialen Umwälzungen wurden die Juden oft angeklagt, daß sie im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil einen zu großen Einfluß besäßen. Aufgrund dieses Sachverhalts breitete sich in den meisten Ländern Europas in unterschiedlicher Stärke eine Judenfeindlichkeit aus, die mehr soziologischer und politischer als religiöser Natur war.

Zur selben Zeit tauchten Theorien auf, welche die Einheit der menschlichen Rasse leugneten und eine ursprüngliche Verschiedenheit der Rassen behaupteten. Im 20. Jahrhundert benützte der Nationalsozialismus in Deutschland diese Ideen als pseudowissenschaftliche Basis der Unterscheidung zwischen sogenannten nordisch-arischen Rassen und vermeintlichen niederen Rassen. Dazu kam, daß sich in Deutschland im Gefolge der Niederlage (im Ersten Weltkrieg) 1918 und auf Grund der harten Friedensbedingungen der Siegermächte eine extreme Form des Nationalismus herausbildete, so daß viele im Nationalsozialismus die Lösung der Probleme ihres Vaterlandes sahen und politisch mit dieser Bewegung zusammenarbeiteten.

Die Kirche in Deutschland reagierte darauf mit der Verurteilung des Rassismus. Diese Verurteilung erschien zuerst in den Predigten einzelner Kleriker, dann in den Verlautbarungen der katholischen Bischöfe und in den Schriften katholischer Laien. Bereits im Februar und März 1931 veröffentlichten Kardinal Bertram von Breslau, Kardinal Faulhaber und die bayerischen Bischöfe sowie die Bischöfe der Kirchenprovinz Köln und der Kirchenprovinz Freiburg Hirtenbriefe, worin sie den Nationalsozialismus mit seiner Vergottung der Rasse und des Staates verurteilten.10 Bei den bekannten Adventspredigten von Kardinal Faulhaber im Jahr 1933, dem Jahr, in dem der Nationalsozialismus an die Macht kam, waren nicht nur Katholiken, sondern auch Protestanten und Juden anwesend. Die Predigten brachten die Zurückweisung der antisemitischen Nazi-Propaganda klar zum Ausdruck.11 Im Gefolge der „Kristallnacht“ sprach Bernhard Lichtenberg, der Domprobst von Berlin, öffentliche Gebete für die Juden. Er starb später in Dachau; inzwischen wurde er seliggesprochen.

Papst Pius XI. verurteilte ebenso öffentlich den nazistischen Rassismus in feierlicher Form in seiner Enzyklika Mit brennender Sorge.12 Die Enzyklika wurde am Passionssonntag 1937 in den Kirchen Deutschlands verlesen, ein Vorgang, der zu Angriffen und Sanktionen gegen katholische Geistliche führte. Vor einer Gruppe belgischer Pilger unterstrich Pius XI. am 6. September 1938 sein Urteil: „Antisemitismus ist unannehmbar. lm geistigen Sinn sind wir alle Semiten.“13

Pius XII. warnte in seiner ersten Enzyklika Summi Pontificatus14 vom 20.Oktober 1939 vor den Theorien, welche die Einheit der menschlichen Rasse leugneten, und er warnte vor der Vergötzung des Staates. Der Papst sah voraus, daß all dies zu einer wahren „Stunde der Finsternis“ führt.15

4. Nazistischer Antisemitismus und die Schoa

Wir können den Unterschied nicht ignorieren zwischen dem Antisemitismus, der in Widerspruch steht zur beständigen Lehre der Kirche über die Einheit des Menschengeschlechts und über die gleiche Würde aller Rassen und Völker, und dem, was wir Antijudaismus nennen. Unter Antijudaismus versteht man die seit Jahrhunderten existierenden Gefühle des Mißtrauens und der Feindschaft gegen die Juden, deren sich unglücklicherweise auch Christen schuldig gemacht haben.

Die nationalsozialistische Ideologie ging noch weiter in dem Sinn, daß sie sich weigerte, eine transzendente Wirklichkeit als Quelle des Lebens und Richtmaß des sittlich Guten anzuerkennen. In Konsequenz zu dieser Haltung maßte sich eine Gruppe von Menschen — und der Staat, mit dem sich diese Gruppe identifizierte — die absolute Macht an. Sie beschloß, die Existenz des jüdischen Volkes auszulöschen, jenes Volkes, das dazu berufen war, den einen Gott und das Gesetz des Bundes zu bezeugen. Aus theologischer Sicht können wir die Tatsache nicht ignorieren, daß nicht wenige in der Nazipartei nicht nur eine Abneigung gegen die Auffassung hatten, daß die göttliche Vorsehung die menschlichen Geschicke lenkt, sondern den Beweis lieferten, daß sie einen gegen Gott selbst gerichteten blanken Haß trugen. Logischerweise führte eine solche Haltung zur Ablehnung des Christentums und zu dem Willen, die Kirche vernichtet oder zumindest den Interessen des Nazistaates unterworfen zu sehen.

Es war diese extreme Ideologie, die zur Grundlage der Maßnahmen wurde, die dann ergriffen wurden: zunächst die Vertreibung der Juden von ihrem Eigentum und dann ihre Ausrottung. Die Schoa war das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes. Sein Antisemitismus hatte seine Wurzeln außerhalb des Christentums, und in der Verfolgung seiner Ziele zögerte das Regime nicht, sich gegen die Kirche zu stellen und ihre Mitglieder ebenfalls zu verfolgen. Aber man muß sich fragen, ob die nazistische Judenverfolgung nicht durch antijüdische Vorurteile in manchen christlichen Köpfen und Herzen leichter möglich wurde. Machte die antijüdische Gesinnung Christen weniger sensibel oder gar gleichgültig gegenüber den Verfolgungen, die nach der Machtergreifung des Nationalsozialismus gegen die Juden in die Wege geleitet wurden?

Jede Antwort auf diese Fragen muß in Rechnung stellen, daß wir es mit der Geschichte menschlicher Meinungsbildung und Denkgewohnheiten zu tun haben, die vielfältigen Beeinflussungen ausgesetzt sind. Darüber hinaus wußten viele Menschen überhaupt nichts über die „Endlösung“, die gegen ein ganzes Volk unternommen wurde; andere bangten um ihr eigenes Leben und das ihrer Nahestehenden, wieder andere zogen Vorteile aus dieser Situation, — schließlich gab es auch Leute, die vom Neid angestachelt wurden. Versucht man eine Antwort auf die gestellten Fragen zu geben, erfordert dies, daß sie im Blick auf jeden besonders gelagerten Fall gegeben wird. Somit braucht es die Kenntnis darüber, was genau die Menschen in einer bestimmten Situation zum Handeln bewegte.

Anfangs versuchten die Anführer des Dritten Reichs, die Juden auszuweisen. Unglücklicherweise verhielten sich die Regierungen von einigen westlichen Ländern mit christlicher Tradition, eingeschlossen Nord- und Südamerika, mehr als zögerlich, ihre Grenzen den verfolgten Juden zu öffnen. Obgleich sie nicht voraussehen konnten, wieweit die nazistischen Parteigrößen in ihren kriminellen Absichten gehen würden, waren die Staatsoberhäupter dieser Länder doch im Bilde über die Schwierigkeiten und Gefahren, denen die Juden in den Gebieten des Dritten Reiches ausgesetzt waren. Die erfolgte Schließung der Grenzen für die jüdischen Einwanderer, sei es aus Gründen antijüdischer Feindseligkeit oder Argwohn, sei es aus Feigheit oder politischer Kurzsichtigkeit, sei es aus nationalem Egoismus, belastet das Gewissen der betroffenen Regierungen schwer. In den Ländern, wo die Nazis Massendeportationen unternahmen, hätte die gezeigte Brutalität bei den gewaltsamen Abtransporten hilfloser Menschen dazu führen müssen, das Schlimmste zu vermuten. Haben die Christen jede erdenkliche Hilfe den Verfolgten gegenüber geleistet, besonders den verfolgten Juden?

Viele taten es, andere wieder nicht. Diejenigen, die halfen, soviele Juden wie möglich zu retten, sogar bis dahin, wo sie ihr eigenes Leben in Gefahr brachten, dürfen nicht vergessen werden. Während des Krieges und danach haben jüdische Gemeinden und jüdische führende Persönlichkeiten ihren Dank ausgesprochen für alles, was ihnen an Hilfe geleistet wurde, einschließlich für das, was Papst Pius XII. persönlich oder durch seine Beauftragten zur Rettung von Hunderttausenden jüdischer Menschen getan hatte.16

Viele katholische Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien wurden dafür vom Staat Israel geehrt. Trotzdem war, wie Papst Johannes Paul II. eingestanden hat, neben diesen mutigen Männern und Frauen der geistige Widerstand und das konkrete Handeln von anderen Christen nicht das, was man von Nachfolgern Christi hätte erwarten können. Wir können nicht wissen, wie viele Christen in den von den nazistischen Mächten oder deren Verbündeten besetzten oder regierten Ländern erschrocken waren, als ihre jüdischen Nachbarn fortgeschafft wurden und doch nicht mutig genug waren, dagegen zu protestieren. Für Christen muß diese schwere Gewissenslast ihrer Brüder und Schwestern im Zweiten Weltkrieg ein Aufruf zur Buße sein.17

Wir bedauern tief die Irrtümer und Verfehlungen dieser Söhne und Töchter der Kirche. Wir machen uns zu eigen, was in der Konzilserklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils Nostra aetate gesagt ist, wo es unmißverständlich heißt: „im Bewußtsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche ... nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Haßausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben.18 Wir bringen in Erinnerung und bekräftigen, was Papst Johannes Paul II. in einer Ansprache an die Leiter der jüdischen Gemeinde in Straßburg 1988 festgestellt hat: „Ich wiederhole zusammen mit Ihnen die schärfste Verurteilung des Antisemitismus und des Rassismus, die den Grundsätzen des Christentums zuwiderlaufen.“19

Die Katholische Kirche verurteilt deshalb jedwede Verfolgung, die — wo auch immer und wann auch immer — gegen ein Volk oder eine Gruppe von Menschen unternommen wird. Sie verurteilt in nachdrücklichster Weise jede Form von Völkermord wie auch die rassistischen Ideologien, die ihn möglich gemacht haben. Im Rückblick auf unser Jahrhundert sind wir tieftraurig über die Gewalt, die ganze Gruppen von Völkern und Nationen getroffen hat. Wir erinnern im besonderen an das Massaker an den Armeniern, an die ungezählten Opfer in der Ukraine in den 30er Jahren, an den Genozid an den Sinti und Roma, der auch ein Ergebnis rassistischer Ideen war, und an ähnliche Tragödien, die sich in Amerika, in Afrika und auf dem Balkan ereigneten. Wir vergessen keineswegs die Millionen von Opfern der totalitären Ideologie in der Sowjetunion, in China, Kambodscha und anderswo. Schließlich können wir nicht das Drama im Mittleren Orient vergessen, dessen Ausmaße wohlbekannt sind. Noch während wir dieses Nachdenken vollziehen, „werden viele Menschen immer noch das Opfer ihrer eigenen Brüder“.20

5. Mit gemeinsamem Blick auf eine gemeinsame Zukunft

Wenn wir auf die Zukunft der Beziehungen zwischen Juden und Christen blicken, appellieren wir an erster Stelle an unsere katholischen Brüder und Schwestern, das Bewußtsein zu erneuern, daß ihr Glaube hebräische Wurzeln hat. Wir bitten sie, im Gedächtnis zu halten, daß Jesus ein Nachkomme Davids war; daß die Jungfrau Maria und die Apostel zum jüdischen Volk gehörten, daß die Kirche ihre Lebenskraft aus der Wurzel jenes guten Ölbaums schöpft, in den die wilden Ölbaumzweige der Völkerwelt eingepfropft wurden (vgl. Röm 11,17-24), daß schließlich die Juden unsere innigst geliebten Brüder sind, und daß sie in der Tat in einem gewissen Sinn „unsere älteren Brüder“ sind.21

Gedenkstein
Erinnerungsstein an Papst
Johannes XXXIII., der von den
Verfassern des „Wir erinnern
uns“ zu erwähnen vergessen
wurde.
Foto: Keren Kayemet Leisrael,
Jerusalem

Am Ende dieses Jahrtausends will die katholische Kirche ihr tiefes Bedauern über die Verfehlungen ausdrücken, die ihre Söhne und Töchter durch die Zeiten begangen haben. Dies ist ein Akt der Reue (teschuva), weil wir als Glieder der Kirche sowohl an den Sünden als auch an Verdiensten ihrer Gläubigen teilhaben. Die Kirche nähert sich mit tiefem Respekt und mit großer Anteilnahme der geschehenen Vernichtung, der Schoa, des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs. Dies soll nicht ein Ausdruck allein von Worten, sondern eine bindende Verpflichtung sein. „Wir würden Gefahr laufen, die Opfer des schrecklichsten aller Tode wiederum sterben zu lassen, wenn wir nicht das brennende Verlangen nach Gerechtigkeit hätten, wenn wir uns nicht selbst verpflichteten, sicherzustellen, daß das Böse nicht wieder über das Gute siegt, wie es für Millionen von Angehörigen des jüdischen Volkes der Fall war ... Die Menschheit kann nicht zulassen, daß dies alles erneut geschieht.“22 Wir beten darum, daß unser Schmerz über die Tragödie, die das jüdische Volk in unserem Jahrhundert erlitten hat, zu einer neuen Beziehung mit ihm führt.

Wir wünschen, daß das Bewußtsein über die Sünden der Vergangenheit sich in einen festen Entschluß umwandelt, eine neue Zukunft zu bauen, in der weder Antijudaismus unter Christen noch antichristliche Haltungen bei Juden zu finden sind, sondern ein aufrichtiger gegenseitiger Respekt, der diejenigen beseelt, die den einen Schöpfer und Herrn anbeten und die einen gemeinsamen Vater im Glauben haben: Abraham.

Zum Schluß laden wir alle Männer und Frauen guten Willens ein, intensiv über die Bedeutung der Schoa nachzudenken. Die Opfer aus ihren Gräbern und die Überlebenden, in ihrem lebendigen Zeugnis über das, was sie erlitten haben, wurden zu einem lauten Schrei, der die Aufmerksamkeit der gesamten Menschheit weckt. Sich dieser schrecklichen Erfahrung zu erinnern, bedeutet, sich der heilsamen Warnung voll bewußt zu werden, die sie enthält: Der bösen Saat des Antijudaismus und des Antisemitismus darf niemals wieder erlaubt werden, in irgendeines Menschen Herzen Wurzeln zu schlagen.

Edward Idris Kardinal Cassidy
Präsident der Kommission;
Bischof Pierre Duprey, Vizepräsident;
P. Remi Hoeckman OP, Sekretär;                 16. März 1998.

  1. Papst Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Tertio millennio adveniente, 10. November 1994, 33; AAS 87 (1995), 25.
  2. Vgl. Papst Johannes Paul II., Ansprache in der Synagoge von Rom, 13. April 1986, 4; AAS 78 (1986), 1120.
  3. Papst Johannes Paul II., Angelus-Gebet am 11. Juni 1995; Insegnamenti 18/1, 1995, 1712.
  4. Vgl. Papst Johannes Paul II., Ansprache an die Leiter der Jüdischen Gemeinde in Budapest, 18. August 1991, 4; Insegnamenti 14/2, 1991, 349.
  5. Papst Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, 1. Mai 1991, 17; AAS 83 (1991), 814-815.
  6. Vgl. Papst Johannes Paul II., Grußwort an die Delegierten der Bischofskonferenzen für die Beziehungen zum Judentum, 6. März 1982; Insegnamenti 5/1, 1982, 743-747.
  7. Vgl. Kommission des Hl. Stuhls für die religiösen Beziehungen zu den Juden, Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in der Predigt und in der Katechese der katholischen Kirche, 24. Juni 1985, VI, 1; Ench. Vat. 9, 1656.
  8. Vgl. Papst Johannes Paul II., Ansprache an das Symposium über „Die Wurzeln des Antijudaismus im christlichen Bereich“, 31. Oktober 1997,1; L‘Osservatore Romano, 1. November 1997, S. 6.
  9. Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Nostra aetate 4.
  10. Vgl. B. Stasiewski (Hg.), Akten deutscher Bischöfe über die Lage der Kirche, 1933-1945, Bd. I, 1933-1934 (Mainz 1968), Anhang.
  11. Vgl. L. Volk, Der Bayerische Episkopat und der Nationalsozialismus 1930-1934, Mainz 1966, 170-174.
  12. Die Enzyklika ist vom 14. März 1937; AAS 29 (1937),145-167.
  13. La Documentation Catholique, 29 (1938), col. 1460.
  14. AAS 31 (1939), 413-453.
  15. Ebd., 449.
  16. Bei zahlreichen Gelegenheiten wurde von jüdischen Organisationen und Persönlichkeiten öffentlich die kluge Diplomatie von Papst Pius XII. gewürdigt. So sagte z. B. am 7. September 1945 Dr. Joseph Nathan als Vertreter der italienischen Judenkommission: „Vor allem danken wir dem Pontifex maximus und den Männern und Frauen in der Kirche, die in Ausführung der Direktiven des Heiligen Vaters die Verfolgten als ihre Brüder anerkannten und uns tatkräftig und selbstlos zu Hilfe eilten, ungeachtet der schrecklichen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren“ (L‘Osservatore Romano, 8. September 1945, S. 2). Am 21. September desselben Jahres empfing Pius XII. den Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, Dr. A. Leo Kubowitzki, in einer Audienz, bei der dieser „dem Heiligen Vater im Namen der Vereinigung israelitischer Gemeinden für die Bemühungen der katholischen Kirche um die Juden in ganz Europa während des Krieges aufrichtigen Dank“ aussprach (L‘Osservatore Romano, 23. September 1945, S. 1). Am Donnerstag, dem 29. November 1945, traf sich der Papst mit rund 80 Repräsentanten jüdischer Flüchtlinge aus zahlreichen Konzentrationslagern in Deutschland. Sie bekundeten, es sei ihnen „eine große Ehre, dem Heiligen Vater persönlich für seine großzügige Hilfe für die Verfolgten während der Zeit des nationalsozialistischen Faschismus danken zu können“ (L‘Osservatore Romano, 30. November 1945, S. 1). Zum Tode von Papst Pius XII. im Jahre 1958 sandte Golda Meir eine ausdrucksvolle Botschaft: „Wir teilen den Schmerz der ganzen Menschheit. Als unser Volk das schreckliche Martyrium erlitt, erhob der Papst seine Stimme für die Opfer. In dieser Zeit wurde unser Leben durch seine Worte bereichert, die große sittliche Wahrheiten klar und deutlich zum Ausdruck brachten und dabei das tägliche Kampfgetöse übertönten. Wir trau-ern um einen großen Diener des Friedens.“
  17. Vgl. Papst Johannes Paul II., Ansprache an den neuen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Hl. Stuhl, B. November 1990, 2; AAS 83 (1991), 587-588.
  18. Ebd., Nr. 4.
  19. Papst Johannes Paul II., Ansprache an die jüdische Gemeinde in Straßburg, 9. Oktober 1988, Nr. 8; Insegnamenti 11/3, 1988, 1134.
  20. Papst Johannes Paul II., Ansprache an das Diplomatische Korps, 15. Januar 1994, 9; AAS 86 (1994), 816.
  21. Papst Johannes Paul II., Ansprache in der Synagoge von Rom, 13. April 1986, 4: AAS 78 (1986), 1120.
  22. Papst Johannes Paul II., Ansprache zum Gedächtnis der Schoa, 7. April 1994, 3; Insegna-menti 17/1, 1994, 897 und 893.

Diesem Dokument der Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden ist folgendes Schreiben von Papst Johannes Paul II. an Kardinal Cassidy beigegeben:

„Meinem verehrten Bruder, Herrn Kardinal Edward Idris Cassidy,
während meines Pontifikats habe ich bei zahlreichen Gelegenheiten mit tiefer Trauer an die Leiden des jüdischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs erinnert. Das Verbrechen, das als Schoa bekannt wurde, bleibt ein untilgbarer Schandfleck in der Geschichte des zu Ende gehenden Jahrhunderts. Bei der Vorbereitung auf das dritte Jahrtausend in der christlichen Ära ist sich die Kirche bewußt, daß die Freude eines Jubeljahres vor allem eine Freude ist, die auf der Vergebung der Sünden und auf der Versöhnung mit Gott und dem Nächsten gründet. Deshalb ermutigt sie ihre Söhne und Töchter, ihre Herzen durch Reue über die Fehler und die Untreue der Vergangenheit zu reinigen. Sie ruft sie auf, sich demütig vor Gott zu stellen und ihr Gewissen über die Verantwortung zu erforschen, die auch sie für die Übel unserer Zeit haben. Es ist meine innige Hoffnung, daß das Dokument: „Wir erinnern uns: Nachdenken über die Schoa“, das die Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden unter Ihrer Leitung erarbeitet hat, wirklich dazu verhilft, die Wunden des Unverstandes und der Ungerechtigkeit der Vergangenheit zu heilen. Möge es das Erinnern befähigen, seine notwendige Rolle im Prozeß des Aufbaus einer Zukunft zu übernehmen, in der das unsagbare Böse der Schoa nicht mehr möglich sein wird. Möge der Herr der Geschichte die Anstrengungen der Katholiken und Juden und aller Männer und Frauen guten Willens dahin leiten, daß sie gemeinsam für eine Welt arbeiten, in der das menschliche Leben und die Würde eines jeden menschlichen Wesens respektiert werden, denn alle Menschen sind nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen.“

Vatikan, 12. März 1998, Johannes Paul II.


Übersetzt aus dem Englischen von Alwin Renker.


Jahrgang 5/1998 Seite 167



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