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Clemens Thoma

Vatikanische Reue — mit Einschränkungen

Kommentar zum Dokument „Wir erinnern uns“

Am 16. März 1998 veröffentlichte die Vatikanische „Kommission für religiöse Beziehungen mit den Juden“ das Dokument „Wir erinnern uns: Nachdenken über die Schoa“ . Bei der Präsentation wies der Leiter dieser gesamtkirchlichen Kommission, Kardinal Edward Idris Cassidy, auf die elfjährige Kompositionszeit des neuen Dokumentes hin: Am 31. August 1987 hatte Kardinal Johannes Willebrands vor dem „Internationalen jüdischen Komitee für interreligiöse Konsultationen“ angekündigt, der Vatikan plane ein Schreiben über die Schoa und über die historische und gegenwärtige Haltung der Katholischen Kirche zu diesen millionenfachen Mordtaten am jüdischen Volk. Am folgenden Tag, am 1. September 1987, hatte Papst Johannes Paul II. vor den versammelten jüdischen Repräsentanten betont, die geplante Veröffentlichung sei „wichtig für Kirche und Welt“. Das jüdische Volk sei „in der heutigen Welt eine Autorität des Gewissens“, die Schoa sei „eine Warnung, ein Zeugnis und ein stiller Schrei für die ganze Menschheit“. Diese Ankündigungen weckten große Hoffnungen: Endlich wird die Kirche reuig zu ihrer (Mit-)Schuld an der Vernichtung der Juden in Auschwitz und anderswo stehen und deutliche Konsequenzen daraus ziehen!

Seit der Veröffentlichung des Dokuments „Wir erinnern uns“ breitet sich eine Welle der Enttäuschung, des Zorns und der Vorwürfe bei Juden und Christen, bei Historikern, Journalisten und Erziehern aus. Im Folgenden werden zunächst einige Reaktionen wiedergegeben. Dann wird „Wir erinnern uns“ von prinzipiellen Überlegungen her kritisch beleuchtet. Unbefriedigende Passagen des Dokumentes werden im dritten Abschnitt angeleuchtet. Abschließend geht es um einen kurzen Blick auf künftige Wegstrecken im jüdisch-christlichen Dialog.

1. Einige Reaktionen

„Der Berg kreißte und gebar eine Maus!“ Dieses geflügelte Wort wurde nicht nur vom Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, zur Charakterisierung des Dokumentes über die Schoa verwendet. Viele Zeitungen drückten sich ähnlich aus. Das Vatikanische Schreiben sei eine gequälte Halb-Reue und ein Versuch, sich und seine Repräsentanten aus der Schuldverstrickung herauszulotsen. Dadurch werde der christliche Antijudaismus, der dem Naziantisemitismus Kraftstoff geliefert habe, verharmlost. Der World Jewish Congress reagierte bereits am Tag der Veröffentlichung mit fünf Zeilen:

„Jene von uns, die sich am Dialog (mit der Kirche) beteiligen, haben noch keinen Erfolg gehabt. Immerhin aber gibt es im Vatikanischen Dokument Passagen, die ohne Zweifel willkommen sind: Aber gegenüber den Erklärungen der katholischen Bischofskonferenzen von Frankreich und Deutschland ist die Vatikanische Erklärung von geringerer Aussagekraft.“ Der sonst viel Verständnis für die Katholische Kirche aufbringende Leon Klenicki, Direktor der Abteilung für interreligiöse Probleme der Anti-Defamation League, taxierte das „Wir erinnern uns“-Dokument als „sehr schwach“, „eine wirkliche Beleidigung und einen Vorwand für eine Verteidigung Pius XII.“. „Die Kirche hat bestenfalls eine erste Stufe erklommen auf einer langen Treppe der Reue und der Buße“, meinte ein katholischer Prälat.1

2. Grundsätzliche Fragen

Mehrere Sätze und Abschnitte von „Wir erinnern uns“ knüpfen an die Papstansprache vom 31. Oktober 1997 an.2 Die schwache Stelle der damaligen bemerkenswerten Ansprache des Papstes vor Historikern, Schoa-Forschern, Judaisten und Theologen wurde schnell von vielen bemerkt: „In der Tat waren in der christlichen Welt – und ich spreche nicht von der Kirche als solcher — irrige und ungerechte Interpretationen des Neuen Testamentes bezüglich des jüdischen Volkes und seiner angeblichen Schuld allzu lange Zeit in Umlauf gesetzt.“ Wer oder was ist denn „die Kirche als solche“, die schuldlos sein soll und als „immaculata“ von den „ungehorsamen Söhnen und Töchtern“ abgehoben werden dürfte? Im Zusammenhang mit der Schoa, diesem „untilgbaren Schandfleck in der Geschichte des zu Ende gehenden Jahrhunderts“,3 ist jegliche Grenzziehung zwischen der inneren Würde der Kirche und ihren sündigen Gliedern Ausdruck einer ängstlichen Verteidigungshaltung. Im Vatikan herrscht offensichtlich die Angst vor einer Demontage der „Kirche als solcher“ angesichts der Mitschuld vieler gläubiger, halbgläubiger, säumiger und nicht-mehr-gläubiger Katholiken an der Katastrophe der Judenvernichtung und auch der Vernichtung tapferer christlicher Glaubenshelden in der Nazizeit. Die deutschen Bischöfe haben im Jahre 1988 anläßlich der 50. Wiederkehr der „Kristallnacht“ (8./9. Nov. 1938) richtig gesagt: „daß die Kirche, die wir als heilig bekennen und als Geheimnis verehren, auch eine sündige und der Umkehr bedürftige Kirche ist“.4

Es würde der Kirche gut tun, wenn sie sich zu Herzen nähme, daß auch die jüdisch-verbindliche rabbinische Tradition den Volk-Gottes-Charakter des Judentums als heilig und sündhaft sieht. In einem rabbinischen Kommentar zur Pesach-Perikope (Ex 12) wird mit einem schönen Gleichnis gesagt, daß sich im alltäglichen Gerichtswesen Ankläger und Verteidiger eines Angeklagten feindlich gegenüberstehen.

„Aber der Heilige, gelobt sei Er, sei nicht so: Er trägt die Verteidigung und die Anklage vor.
Einerseits sprach Er: ,Wehe dem sündigen Volk‘ (Jes 1,4). Andererseits: ,Öffnet die Tore, daß einziehe das gerechte Volk‘ (Jes 26,2).
Einerseits: ,Wehe dem schuldbeladenen Volk‘ (Jes 1,4). Andererseits: ,Dein Volk besteht aus lauter Gerechten‘ (Jes 60,21).
Einerseits: ,Verderbenbringende Söhne‘ (Jes 1,4). Andererseits: ,Und alle deine Söhne sind Jünger des Ewigen‘ (Jes 54,13).
Einerseits: ,Same von Bösewichten‘ (Jes 1,4). Andererseits: ,Unter den Völkern wird ihr Same bekannt‘ (Jes 61,9).
Einerseits: ,Auch wenn sie ihre Gebete vermehren, höre ich nicht‘ (Jes 1,15). Andererseits: ,Schon bevor sie rufen, werde ich antworten‘ (Jes 65,24).
Einerseits: ,Eure Monate und eure Feste hasse ich‘ (Jes 1,14). Andererseits: ,Es wird sein: Monat um Monat ... wird alles Fleisch kommen, um vor mir anzubeten‘ (Jes 66,23).
Weshalb heißt es ,eure Monate‘ (Jes 1,14)? ,Weil die Monate ein Geschenk für Israel sind‘! Es heißt ja: ,Dieser Monat sei für euch‘ (Ex 12,2).“5

Auch das erwählte Gottesvolk der Juden sieht sich also als „simul justus et peccator“, als stets in der Heiligkeit aufgehobenes und in die Sünde hineinverstricktes Volk des Ewigen. Statt die Heiligkeit der Kirche ängstlich zu hüten, müßten die Verantwortlichen angesichts der Schuldhaftigkeit zum „Sowohl als Auch“ der Kirche stehen. Sie ist miserable Sünderin und stets in der Verzeihung stehende Braut. Auch von ihrem Christusverständnis her dürfte die Kirche nicht nur defensiv reagieren, wenn ihr Verfehlungen Einzelner oder ganzer Gruppen vorgeworfen werden. Christus hat ja auch die Sünden anderer — aller — getragen! Sollte dies die Kirche in der Nachfolge Christi nicht auch tun? Dem Dokument „Wir erinnern uns“ haftet noch ein Ausdruck zentralkirchlicher Kleingläubigkeit an.

3. Kritik an einzelnen Abschnitten

Die Abschnitte I („Die Tragödie der Schoa und die Pflicht, sich zu erinnern“) und II („Woran wir uns erinnern müssen“) sind kaum zu beanstanden. Sie werden, wenn es um die weitere Vermeidung des Antisemitismus gehen wird, zu guten Motiven verhelfen.

Der erste Absturz geschieht im dritten Hauptabschnitt: „Die Beziehungen zwischen Juden und Christen“. Die Wahl der geschichtlichen Reminiszenzen über christlich-antijüdische Haltungen und Aggressionen ist unglücklich und mit unnützen Nebenbemerkungen aufgefüllt. Weder die mittelalterlichen Kreuzzüge mit ihren blutigen Ausschreitungen gegen jüdische Gemeinschaften werden erwähnt, noch die Vertreibungen der Juden aus Spanien/Portugal am Ende des 15. Jahrhunderts. Auch die zugespitzten antijüdischen Aussagen und Vorkehrungen der Reformations- und Gegenreformationszeit finden keine Erwähnung.

Bezüglich der Zeit der „Aufklärung“ — „... bis zum Ende des 18. Jahrhunderts“ — wird zwar zugegeben, daß „die jüdische Minderheit oft als Sündenbock genommen und so zum Opfer von Gewalt, Plünderungen bis hin zu Massakern“ mißbraucht wurde. Eher unterkühlt wird hingegen von dem im 19. Jahrhundert aufkommenden „falschen Nationalismus“ statt deutlicher vom Rassismus gesprochen: Der judenfeindliche Rassismus hatte ja schon um ca. 1900 nicht nur die Zurückdämmung, sondern auch die Vernichtung des jüdischen Volkes deutlich ins Visier genommen. Einige Zeilen später taucht auch der Rassismus-Begriff auf, aber er wird hauptsächlich unter dem Begriff „Nationalismus“ zusammengefaßt. Dadurch werden indirekt die Päpste Pius IX. und Leo XIII. geschont, die sehr fleißig und exakt in der Verurteilung von Häresien und weltlich-antikirchlicher Bewegungen waren, denen es aber nicht einfiel, den die Juden an Leib und Leben bedrohenden Rassismus zu verdammen. Eine Verurteilung des Rassismus wäre an der letzten Jahrhundertwende ziemlich leicht gewesen: Bereits auf den ersten Seiten der Bibel wird deutlich gesagt, daß der Mensch — d. h. alle Menschen — nach dem Bild Gottes geschaffen ist (Gen 1,26 f. etc.) und daß es christlich und jüdisch gesehen keine minderwertigen Rassen gibt. Peinlich wirkt dann — bezüglich der Zeit der hitlerischen Machtergreifung — die ruhmvolle Nennung des ambivalenten Kardinals Bertram von Breslau und des gescheiten Kardinals Faulhaber mit seinen gut gemeinten biblizistischen Abwehrreaktionen gegen die bereits installierte Nazi-Macht. Beide werden in enger Nachbarschaft mit dem heiligmäßigen christlichen Abwehrkämpfer Bernhard Lichtenberg genannt. Statt der Kardinäle Bertram und Faulhaber wäre eher der Berliner Bischof und spätere Kardinal Konrad Graf von Preysing lobend zu erwähnen gewesen.

Ein unglücklicher Abschnitt von „Wir erinnern uns“ ist der vierte: „Nazistischer Antisemitismus und die Schoa“. Der Antijudaismus mit seinen klischeehaften Verdächtigungen und theologischen Feindseligkeiten widerspreche zwar der Lehre der Kirche über die Einheit des Menschengeschlechtes, aber es haben „sich unglücklicherweise auch Christen ... schuldig gemacht“. Die judenvernichtende Naziideologie sei freilich „das Werk eines typischen modernen neuheidnischen Regimes“ gewesen. Die Wurzeln seines Antisemitismus seien „außerhalb des Christentums gewachsen“. Die Nazi-Antisemiten haben sich auch der Kirche entgegengestellt und ihre Mitglieder verfolgt. Etwas zaghaft wird dann erwogen, „ob die Verfolgung der Juden durch den Nazismus nicht auch durch die antijüdischen Vorurteile in den Köpfen und Herzen einiger Christen leichter möglich wurde“. Das Dokument hält dies für möglich, hält dann aber gleich wieder den schonenden Schutzmantel über diese Christen: „Viele wußten nicht das Geringste von der ,Endlösung‘... andere hatten Angst ... einige zogen Vorteile aus der Situation, andere schließlich trieb der Neid ...“ Zuwenig wird bei der Unterscheidung zwischen dem christlich tradierten Antijudaismus und dem Nazi-Antisemitismus beachtet, daß der kirchlich verfestigte Antijudaismus den Widerstand gegen den neuheidnischen Antisemitismus gelähmt hat. Die kirchliche Verkündigung hätte energisch gegen eingespielte Judenfeindschaften vorgehen müssen.

Unbeholfen ist die im vierten Abschnitt sich findende Verteidigung Pius XII., der sich „persönlich oder durch seine Beauftragten“ eingesetzt habe, „um das Leben von Hunderttausenden von Juden zu retten“. Einseitig ist auch die dazu gemachte lange Anmerkung, worin gesagt wird, daß höchste jüdische Repräsentanten diesem Papst nach dem Krieg für seine Rettungstaten feierlich gedankt haben. Zweifellos bekundete Pius XII. mutig auch öffentlich seinen Protest, und zwar in seiner Weihnachtsansprache vom 24. Dezember 1942, worin er „die Hunderttausende(n) von Personen (beklagt), die ohne eigene Schuld nur aus Gründen der Nationalität oder der Abstammung zum Tod oder zu einem fortschreitenden Untergang bestimmt sind“. Freilich verstärkt die Verteidigung Pius XII. beim Leser/bei der Leserin den Eindruck, daß es weniger um Entschuldigung und Buße geht, als vielmehr um kirchliche Selbstverteidigung. Mit ein bißchen literaturkritischem Gespür kann außerdem aus dem Text geschlossen werden, daß eine einseitige Verteidigung Pius XII. nicht im ursprünglichen Entwurf der Kommission für religiöse Beziehung mit den Juden gestanden hat, sondern von seiten anderer vatikanischer Instanzen hineingefügt worden ist. Ein jüdischer Gesprächspartner des Vatikans sagte mir, der erste Entwurf habe keine Bemerkung über Pius XII. enthalten. Die schwierige Rolle Pius XII. während des Krieges hätte nicht thematisiert werden sollen.

4. Schlußbemerkungen

Man müßte das Dokument „Wir erinnern uns“ etwa um die Hälfte kürzen und in dieser verkürzten Form neu herausgeben. Zwischen allen inkriminierten Einschüben und Apologetismen enthält es echte reuige und zukunftsweisende Aussagen! Wenn Kürzungen nicht verkraftbar sind, bleibt das Jubel- und Versöhnungsjahr 2000 als Hoffnung. Das Reue- und Versöhnungsbekenntnis des Papstes als dem Vertreter auch sündiger, judenfeindlicher und irrender Christen wird dann hoffentlich vielen enttäuschten Menschen Mut zu Reue und Versöhnung geben. Die Kirche muß sich jedenfalls zur Erkenntnis durchringen, daß sie zwar als Mit-Volk-Gottes in Glaubens- und Sittenfragen unfehlbar ist, daß sie aber nicht dagegen gefeit ist, Falsches und Verderbliches zu verkünden und zu tun. Wenn sie dies verdeutlicht, dann wird sie von vielen Menschen wieder in ihrer sündigen und begnadeten Mitmenschlichkeit anerkannt und geliebt werden.

  1. Vgl. weitere Reaktionen in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 4. April 1998, S. 12 (Verfasser: Jörg Bremer), sowie Dialog, christlich-jüdische Informationen (1998), Wien, Nr. 30.
  2. Vgl. die Publizierung und Kommentierung der Papstansprache im letzten FrRu 5 (1998), Heft 2, 81-87.
  3. So Johannes Paul II. im einleitenden Brief an Kardinal Cassidy anläßlich der Veröffentlichung von „Wir erinnern uns“ (s. u. S.177).
  4. Vgl. Herder Korrespondenz Heft 4, 1998, 166; zuvor schon in der Dezembernummer 1988, 568.
  5. Zit. aus Clemens Thoma/Hanspeter Ernst, Die Gleichnisse der Rabbinen III, BerR 63-100; ShemR 1-22. JudChr 16, Bern 1996, 259.

Jahrgang 5/1998 Seite 161



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