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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 5/1998 Heft 2

Ignatz Bubis, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat die Einbeziehung der Muslime in die bisher christlich-jüdische „Woche der Brüderlichkeit“ angeregt. Der Vorschlag ist von Vertretern der in Deutschland lebenden Muslime begrüßt worden. In einer offiziellen Stellungnahme des in Bonn residierenden Islamrats hieß es: ,,Die Einbeziehung der Muslime wird die ,Bruderschaft in Abraham‘ sichtbar machen und ein deutliches Zeichen dafür setzen, daß Juden, Christen und Muslime begriffen haben, daß die Erhaltung und Bewahrung der Schöpfung, die Schaffung eines dauerhaften und gerechten Friedens und die Verwirklichung von mehr Menschlichkeit in unseren Gesellschaften ein Auftrag ist, der ihnen von Gott gemeinsam anvertraut wurde.“ Bubis hat damit eine Anregung von Bundespräsident Roman Herzog aufgegriffen, den interreligiösen und interkulturellen Dialog stärker zu fördern.

Nach Angaben des schwedischen Historikers Bruchfeldt waren in Schweden von nationalsozialistischen Organisationen seit Anfang der dreißiger Jahre Listen für die Deportationen jüdischer Bürger in die Todeslager vorbereitet worden. Die bis in die fünfziger Jahre weitergeführten geheimen Listen enthalten detaillierte Angaben über 20 000 Juden. Ein Verzeichnis der Nazi-Bewegung „Sveaborg“ enthält Angaben über 5000 weitere Personen jüdischer Abstammung.

Fünf Jahre nach dem Brandanschlag auf die Baracken 38 und 39 der Gedenkstätte Sachsenhausen ist am 9. November 1997 in Anwesenheit von mehr als sechzig Überlebenden die Dauerausstellung „Jüdische Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936-1945“ eröffnet worden. Angesichts eines erneuten Erstarkens rechtsradikaler Kräfte mahnte der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe: „Unsere Aufgabe ist es, den Anfängen zu wehren, wachsam zu sein, zu Zivilcourage und zum Widerstand gegen jede Form von Unrecht und Ausgrenzung zu ermutigen.“

Seit vierzig Jahren leistet das ,Rutenberg Institute for Youth Education‘, Haifa, durch sein Austauschprogramm für religiös motivierte, kirchliche Gruppen aus Deutschland einen beachtlichen Beitrag zum guten Verständnis und zur Freundschaft zwischen Israel und Deutschland. Vorträge, Besichtigungen und Begegnungen helfen den Jugendlichen, die komplizierte Rolle von Judenturn, Christentum und Islam zu verstehen und Gesellschaftsstrukturen und Kulturen kennenzulernen.

Zum Gedenken an Papst Johannes XXIII. und Jules Isaac pflanzten am 4. April 1997 in der Nähe von Nazaret Bischof Loris Capovilla, ehemaliger Sekretär des Papstes, und Piero Albina, italienischer Präsident des Jüdischen Nationalfonds, einen Ölbaum — symbolisch für einen Wald der Versöhnung — und enthüllten ein Denkmal in Erinnerung an die zwei großen Männer des jüdisch-christlichen Dialogs. Bischof Capovilla faßte die Bedeutung der Feier zusammen mit den Worten: „Hände und Herzen haben sich im Wald verbunden, wie Christen und Juden dank der Offenbarungs-Schriften verbunden sind.“

Patriarch Bartholomaios I. von Konstantinopel äußerte sich als erster Ökumenischer Patriarch anläßlich eines Besuches des Holocaust-Museums in Washington am 21. Oktober 1997 zum Massenmord an den Juden mit den Worten: „Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit, Schweigen angesichts von hilflosem Leiden, Schweigen angesichts der Dunkelheit der bitteren Nächte von Auschwitz darf sich nie wiederholen.“

  

Am ersten Tag des Chanukka-Festes 1997 (5758) wurde in über 30 Ländern zum 50. Jubiläum des Staates Israel von den offiziellen Landesvertretern die erste Chanukkakerze entzündet. Im Vatikan fand die Zeremonie neben dem Olivenbaum statt, der im Jahre 1965 nach der Verabschiedung der Konzilserklärung „Nostra aetate“ gepflanzt worden war. Israels Vatikan-Botschafter Aharon Lopez sah in der Handlung einen Beleg „für die Normalisierung unserer Beziehungen und ein wichtiges Kapitel im historischen Prozeß der Versöhnung zwischen Juden und der katholischen Kirche“. Entzündet wurde die Kerze von Edward Kardinal Cassidy, Präsident des Ökumenischen Rates und der Kommission für jüdisch-christliche Beziehungen, in Anwesenheit von Erzbischof Jean-Louis Tauran, ,Außenminister‘ des Vatikans, Israels Vize-Regierungschef Mosche Katzav, hoher Kurienvertreter sowie Repräsentanten des Judentums und des Staates Israel.

Zum 50jährigen Bestehen Israels wird ab April 1998 ein per Satellit und Kabel zu empfangendes jüdisches Fernsehprogramm für Europa unter dem Namen „Shalom Channel Europe“ (SCE) starten. Das neue Fernsehprogramm, als Pay-TV konzipiert, soll so objektiv wie möglich informieren und aus der Vielfalt heutigen Judentums berichten. SCE wird sowohl für interreligiöse Themen wie auch für die großen philosophischen und kulturellen Strömungen der Gegenwart offen sein.

Jüdische KZ-Opfer in Osteuropa erhalten künftig bis zu 250 DM Monatsrente. Darauf verständigten sich Bonn und die Jewish Claims Conference. Bonn wird von 1999 an innerhalb von vier Jahren eine Stiftung mit 200 Million Mark dotieren, die die Auszahlung an rund 18 000 Berechtigte organisiert. Insgesamt hat damit die Bundesregierung seit 1991 fast 1,8 Milliarden Mark für Entschädigungsleistungen in Osteuropa aufgewandt.

Nach dem Beispiel der katholischen Kirche in Italien wurde der 17. Januar auch von der katholischen Kirche in Polen zum Tag des Judentums erklärt. Der Tag soll Katholiken Gelegenheiten bieten, sich über das Judentum zu informieren. Die entsprechende Informationsbroschüre wirbt mit dem Motto: „Wer Jesus Christus begegnen will, trifft auf das Judentum.“

Mit einer photographischen Häuser-Dokumentation regte Gailingen, eine kleine Gemeinde am Oberrhein, seine Bürger an, sich mit dem Schicksal seiner einstigen jüdischen Einwohner auseinanderzusetzen. Bereits seit 1653/54 dokumentiert, hatte Gailingen 1858 nach Mannheim und Karlsruhe die drittgrößte jüdische Gemeinde in Baden. 1940 wurden alle badischen Juden nach Gurs in Südfrankreich deportiert.

Im Rahmen der Müllheimer Friedenswochen (Nov. 1997) organisierte Udo Grotz, Religionslehrer am Markgräfler Gymnasium in Müllheim, mit seinen Schülern und Schülerinnen eine Suche nach den Spuren jüdischen Lebens bei einem Rundgang zu Gebäuden, in denen einst Juden wohnten.

Im Gedenken an Pater Heinrich Middendorf SCJ (vgl. FrRu NF 2/1995, 185-195 und 4/1997, 77) erhielt am 18. April 1997 die frühere Rektoratsschule seiner Heimatstadt Aschendorf aus Anlaß ihres hundertjährigen Jubiläums den Namen „Heinrich-Middendorf-Realschule-Aschendorf“. Der niedersächsische Kultusminister Rolf Wernstedt sagte dazu in seinem Festvortrag: „Es sind ja nicht die großen Helden, die zum Nachahmen taugen. Heinrich Middendorf, der in seinem Leben gar nicht auffällig war, hat Menschen seiner unmittelbaren Umgebung unter Inkaufnahme seines eigenen Lebens gerettet und damit ein Vorbild für alltägliches Verhalten gegeben. “ In Stegen, wo Pater Middendorf von 1942 bis 1945 neun Menschen jüdischer Abstammung versteckt gehalten hatte, wurde am 11. Juni 1997 unter der Leitung von Bürgermeister Siegfried Kuster der erste Spatenstich zum Bau einer „Seniorenwohnanlage Pater Middendorf“ getätigt.

Am 27. Januar 1998, dem 53. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, wurde in Deutschland bundesweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die Gedenkrede im Bundestag hielt der israelische Historiker Yehuda Bauer, Direktor des Internationalen Zentrums für Holocaust-Studien der Gedenkstätte Yad Vashem. Bauer betonte, daß mit dem Holocaust ein besonderer Völkermord stattgefunden habe — „total, global, rein ideologisch“ — und mahnte, daß er sich in einer ähnlichen Weise wiederholen könne. Sich der Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern sei nur ein erster Schritt: zu lernen und zu lehren ist der nächste verantwortungsvolle Schritt. Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth sagte, es sei notwendig, sich den bedrückendsten Wahrheiten der deutschen Geschichte zu stellen, nur um der Opfer willen. Die Erinnerung befreie auch und gebe Kraft, die Zukunft zu bestehen. Ein Volk, das seiner Vergangenheit nicht ausweiche, beuge nationalem Wahn und Selbstüberschätzung vor.
Auf einem Friedhof in Wolfsburg fand eine Gedenkstunde anderer Art statt. Schülerinnen gedachten der wehrlosen Opfer des Nationalsozialismus. Sie trugen Schilder mit Namen, Geburts- und Todesdatum von Babys und Kleinkindern.
In Berlin, Bahnhof Grunewald, wurde am Gleis siebzehn, dem „Deportationsgleis“, von der Deutschen Bahn ein Mahnmal eingeweiht. Anwesend waren der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, der Regierende Bürgermeister Diepgen und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn AG, Ludewig. Am 18. Oktober 1941 war von dort der erste „Judentransport“ abgefahren. Mit 186 Zügen waren 55 696 Berliner Juden nach Theresienstadt, Auschwitz und Lodz transportiert worden, die meisten von Gleis siebzehn. Das Mahnmahl an diesem geschichtsbelasteten Ort soll die Erinnerung an einen konkreten Aspekt der Judenvernichtung wachhalten.


Jahrgang 5/1998 Seite 155



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