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In memoriam

Am 23. Oktober 1997 verstarb der jüdische Religionsphilosoph Prof Dr. Pinchas Lapide, Träger des Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland und anderer hoher Auszeichnungen, im Alter von 74 Jahren. Lapide gilt als engagierter Wegbereiter im christlich-jüdischen Dialog. Seiner Frau Ruth, die mit ihm in den vergangenen Jahren in Frankfurt, ihrer Wahlheimat, tatkräftig und fachkompetent wirkte, gilt unsere aufrichtige Anteilnahme.

Pinchas E. Lapide wurde 1922 in Wien geboren. Nach der Flucht aus einem Konzentrationslager der Nazis wanderte er 1940 nach Palästina aus. Seit 1951 war er für Israel als Politiker, Diplomat und Universitätslehrer tätig. Lapide promovierte in Köln mit der Arbeit „Hebräisch in den Kirchen“ und lehrte als Professor an der Bar-Ilan Universität, Ramat-Gan, Israel. Ab 1969 lebte Pinchas Lapide in Deutschland. Ab den 70er und 80er Jahren schrieb er zahlreiche Bücher — inzwischen sind es vierzig —, deren Achse, von wo aus er dachte und argumentierte, die Gestalten von Jesus und Paulus waren, auch wenn die Themen differenziert und variiert sind: von „Jesus in Israel“ (1970) bis „Jesus — ein gekreuzigter Pharisäer?“ (1990), „Paulus, zwischen Damaskus und Qumran“ (3. Aufl. 1995). Schon früh wählte Lapide auch die buchstäbliche Dialogform, wenn er Bücher publizierte, zu denen er renommierte ev. Theologen wie W. Pannenberg, J. Moltmann, U. Luz, U. Wilckens, M. Stöhr, P. Stuhlmacher, auf kath. Seite H. Kling (Jesus im Widerstreit, 1976), F. Mußner und K. Rahner gewinnen konnte (Heil von den Juden?, 1983). Der Katholik Rahner sieht es im letztgenannten Buch als seine Pflicht an, das „Nein“ der Juden zu Jesus als Messias im Heilsplan Gottes als aus einem positiven Verhältnis zu Gott entspringend zu interpretieren. In diese Zeit fällt ein Wort von Lapide, das ihn berühmt gemacht hat: Die Entfeindungsliebe („Wie liebt man seine Feinde? Mit einem Juden die Bergpredigt lesen“, FrRu 35/36 [1983/84] 92 ff.). Der „Berglehre“ entnimmt Lapide, seinen „Hassern“ nicht in emotionaler Liebe, was über Menschenkraft ginge, wohl aber in Nüchternheit und Zielstrebigkeit mit vertrauensbildenden Maßnahmen zu begegnen. Bei allen Paulus-Themen von Lapide blitzt durch, daß er Paulus die, wie er sie nennt, „christologische Überformung“ des Jesus von Nazaret nicht abnimmt.

Der Einfluß, den Lapide auf die Beseitigung von antijüdischen Positionen in Religionslehrbüchern evangelischer wie katholischer Provenienz nahm, ist beträchtlich. Daß Lapide im Gegenzug die richtige Darstellung Jesu und des Christentums in israelischen Schulbüchern überprüft hat (vgl. „Ist das nicht Josephs Sohn?“ 1976, 4. Aufl. 1994), spricht für seine Wahrheitsliebe.

Auf zahreichen evangelischen Kirchentagen und auf Katholikentagen trat Lapide in Erscheinung. Er nutzte, wie kein anderer Jude in Deutschland, Radio- und Fernsehvorträge, Zeitungsaufsätze, Interviews und Diskussionsforen, nicht zuletzt seine Stellung als Hochschulprofessor, um einem breiten Publikum sein Anliegen einer jüdisch-christlichen Verständigung nahezubringen. Seine journalistische Darstellungsgabe half ihm dabei, nicht immer zur Freude der theologischen Zunft. Manchmal schoß Lapide auch über das Ziel hinaus, da man bei theologischen Laien das Vermögen, zwischen einer probablen Hypothese und einer gesicherten Erkenntnis zu unterscheiden, nicht immer voraussetzen kann. Aber selbst seine wissenschaftlichen Kontrahenten können ihm nicht Halbheiten, eher glühende Leidenschaft vorwerfen.

Lapides Buch „Rom und die Juden“ (1967) ließ von jüdischer Seite her, anders als Rolf Hochhuths „Stellvertreter“, Papst Pius XII. insofern Gerechtigkeit widerfahren, als Lapide, der wohl das Vorhandensein des christlichen Antisemitismus veranschlagte, doch auch die Hilfen aufzählte, die Juden von seiten des Vatikans erfuhren, obwohl Lapide sich gewünscht hat, Pius XII. wäre mutiger gewesen. Papst Pius XI. und seine Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937), aber auch Johannes XXIII., den Lapide verehrte, und Paul Vl. sind von Lapide positiv gewürdigt worden.

Einer intendierten Auflösung des christlichen Glaubens in Ethik setzt Lapide das Handeln im Sinne Jesu entgegen und mahnt, bei der (von Christen geglaubten) angebrochenen Gottesherrschaft die Vertikale nicht zu unterschlagen, auch wenn er als Jude einen gekommenen Messias Jesus nicht anerkennen kann.

Die von Lapide bei jüdischen Autoren festgestellte „Jesuswelle“, die in einem Vierteljahrhundert weit mehr Jesusbücher produzierte, als in den 18 vorangegangenen Jahrhunderten, gilt auch für Lapides Aufbruch, mit seinem Leben einer Verständigung zwischen Juden und Christen zu dienen. Wir haben ihm dafür zu danken.

Alwin Renker


Jahrgang 5/1998 Seite 153



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