Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1998 > 588  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Ad multos annos

Prof. Dr. Clemens Thoma zum 65. Geburtstag

Am 2. November 1997 wurde Prof. Dr. Clemens Thoma, Leiter des Instituts für Jüdisch-Christliche Studien an der Theologischen Hochschule Luzern, 65 Jahre alt. Die Leitung des Vereins „Freiburger Rundbrief e. V.“ sowie die Mitarbeiterinnen in der Redaktion der gleichnamigen Zeitschrift „Freiburger Rundbrief“ gratulieren ihrem Hauptschriftleiter und Nachfolger von Frau Dr. Gertrud Luckner zu seinem Jubiläum. Wir danken Prof. Thoma für seine bisherige hervorragende Regie in der Fortführung der Zeitschrift und wünschen ihm weiterhin viel Schaffenskraft und Erfolg.

Clemens Thoma wurde 1932 in Kaltbrunn, Kanton St. Gallen, Schweiz, geboren. Nach theologischen Studien in St. Augustin bei Bonn und St. Gabriel bei Wien wurde Thoma als Mitglied der Steyler Missionsgesellschaft (SVD) 1961 zum Priester geweiht und war zunächst Studentenseelsorger in Wien. In seinen judaistischen Studien bei Prof. Dr. Kurt Schubert, Wien, qualifizierte er sich 1966 mit der Dissertation „Die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 n. Chr.“ im Fach Judaistik an der Universität Wien. Gleichzeitig wurde er Dozent für biblische Einleitungswissenschaft an der Hochschule St. Gabriel, Mödling bei Wien.

In die Wiener Zeit fallen Thomas engagierte Publikationen zum großen Thema Kirche aus Juden und Heiden, wie z. B. der Titel „Antijudaismus im Neuen Testament?“, ein Sammelband, der exegetische und systematische Beiträge enthält und von den bekannten Promotoren des christlich-jüdischen Dialogs W. P. Eckert, N. P. Levinson und M. Stöhr herausgegeben wurde. Thoma schrieb neben seinem Beitrag die Einleitung (München 1967).

Ebenso darf nicht vergessen werden, daß Thoma schon in dieser Zeit sein Thema intonierte, das ihn bis heute beschäftigt: Der Dialog zwischen Christen und Juden (vgl. C. Thoma [Hg.], Auf den Trümmern des Tempels, Wien 1968). Damals hatte Thoma auch den angesehenen deutschen katholischen Alttestamentler Norbert Lohfink als Mitstreiter gewonnen (Judentum und christlicher Glaube, 1965). Thomas Buch „Kirche aus Juden und Heiden“, Biblische Informationen über das Verhältnis der Kirche zum Judentum (1970), ist ein weiterer Meilenstein aus seiner Wiener Zeit.

1971 wurde Thoma auf den Lehrstuhl für Bibelwissenschaft und Judaistik an der kath. Fakultät der Theologischen Hochschule Luzern berufen. In dieser zehnjährigen Zeit bis zur Gründung des Instituts für Jüdisch-Christliche Forschung an der Luzerner Hochschule (1981) intensivierte Thoma seine Tätigkeit als Organisator von jüdisch-christlichen Symposien, z. B. 1975 in Luzern und später in Bern, deren Ergebnisse in der Reihe „Judaica et Christiana“ greifbar sind (Bd. 1: Zukunft in der Gegenwart, Wegweisungen in Judentum und Christentum, 1976). Die Reihe ist inzwischen auf stattliche 16 Bände angewachsen.

Das wirklich entscheidende Ereignis und der Durchbruch von Thomas Bemühungen auf internationaler Ebene ist seine Publikation „Christliche Theologie des Judentums“ 1978, ein bahnbrechendes Buch, wie ihm der jüdische Professor für Bibelwissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem, S. Talmon, bescheinigt. Das Buch wurde ins Englische und Spanische übersetzt.

Gewiß hatten vor Thoma J. M. Oesterreicher und ein Jahr nach ihm F. Mußner zum christlich-jüdischen Dialog Bedeutendes veröffentlicht. Doch Thoma gebührt sicherlich der Ruhm, mit großer Zähigkeit und immensem Forschergeist an der Sache wie kein zweiter weitergearbeitet zu haben. Die Folgepublikation zur „Christlichen Theologie des Judentums“ ist das in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt 1982 erschienene Buch „Theologische Beziehungen zwischen Christentum und Judentum“.

Allein schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis beider Bücher zeigt die Wachstumsringe im Denken Thomas, so z. B. sind Reflexionen zur Bedeutung von „Nostra aetate Nr. 4“, über den Synodalbeschluß 37 der Evangelischen Kirche im Rheinland, über Hemmnisse heutiger Juden gegen den Dialog mit Christen und auch Überlegungen zu den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Krisen in Israel aufgenommen.

Bis zum dritten und, wie ich meine, für die christliche Theologie auf der Lernseite bedeutungsvollsten Buch, „Das Messiasprojekt“, Theologie jüdisch-christlicher Begegnung (1994), sind gewiß viele Informationen über das zu Jesus von Nazaret zeitgenössische Judentum, das Judentum im Mittelalter und in der Neuzeit durch Thoma geliefert worden. Zurechtrückungen sind erfolgt, die christliche Judenfeindschaft — auch der Kirche — sind unerschrocken entlarvt. Ein Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung, das Thoma zusammen mit seinem leider viel zu früh (1991) verstorbenen Freund und jüdischen Gesprächspartner Jakob J. Petuchowski 1989 (3. Aufl. 1997) herausbrachte: alles das sind Pionierleistungen ersten Grades. Die in Zusammenarbeit mit Simon Lauer/Hanspeter Ernst von Thoma herausgebrachten drei Bände „Die Gleichnisse der Rabbinen“ (1986-1997) stellen nun aber ein eingelöstes dringliches Desiderat der jüdischen wie christlichen Theologie dar.

Clemens Thoma, Audienz beim Papst

Clemens Thoma, Audienz bei Papst Johannes Paul II.,
am 30. Oktober 1997, anläßlich des Colloquio
Intraecclesiale: „Radice dell‘ Antigiudaismo in Ambiente
Cristiano“, 30. Okt. bis 1. Nov. 1997
(vgl. S. 81-87 in d. Heft).

Thomas christliche Theologie des Judentums ist, schon rein äußerlich gesehen, jetzt „durchschossen“ mit den Gleichnissen der Rabbinen. Diese Gleichnisse reihen sich mühelos in die Welt des größten jüdischen Gleichniserzählers, Jesus von Nazaret, ein. Allein von daher wird eine christliche Theologin, ein christlicher Theologe künftig an der Arbeit von Thoma, die für Kenner der Szene ja in David Flussers Gleichnisse-Buch (JudChr 4) einen Vorgänger hat, nicht vorbeigehen können. Die Lektüre der rabbinischen Gleichnisse zwingt aber auch, sich in die Denkungsart der jüdischen Seite im Dialog einzuüben — ein für christliche Gemüter keineswegs bequemes Geschäft. Im übrigen ist das „Messiasprojekt“, mit dessen aufmacherischem Titel der Verlag warb, eine solide, hellwache Dokumentation darüber, auf wieviel brandaktuelle exegetische, fundamentaltheologische, dogmatische usw. Fragen und Antworten von Dialogpartnern im jüdischen wie christlichen Gespräch der Autor Thoma sich einließ. Aus der Stimme des Rufenden vor mehr als drei Jahrzehnten ist ein Chor laut artikulierender Stimmen geworden. Diese Stimmen werden von Thoma öfter zustimmend, aber auch ablehnend beschieden. Die christliche Identität, d. h. der Glaube an den Herrn Jesus Christus, ist bei Thoma nicht verwischt, eher prononciert, wenngleich sein Wort von der Unmöglichkeit, den jüdischen Beitrag zur Verurteilung Jesu historisch zu verifizieren, ein schwer verdaulicher Brocken ist angesichts der neutestamentlichen und liturgischen (!) Lektüre der Passionsgeschichte.

Prof. Thoma war und ist ein begehrter Referent auf Katholikentagen und Evangelischen Kirchentagen, aber auch bei sonstigen Veranstaltungen im christlich-jüdischen Dialog. Seinen wissenschaftlichen Rang kann ein Gratulationswort nicht darstellen; das haben u. a. diejenigen getan, die ihn mit einer Festschrift zum 60. Geburtstag geehrt haben.

Thoma ist auch Konsultor für Fragen der kirchlichen Beziehungen zum Judentum beim Vatikanischen Einheitssekretariat und einer der sechzig Fachleute, die vom 30. Oktober bis I. November 1997 mit dem Papst über die Wurzeln des Antisemitismus im christlichen Bereich beraten haben. Als Mitherausgeber ist Thoma verantwortlich für die Darstellung jüdischer Geschichte bei der „Theologischen Realenzyklopädie“. Er ist Mitglied der Redaktionskommission der „Judaica“ und war seit 1971, bis zum Ausscheiden von Frau Dr. Gertrud Luckner, Mitherausgeber des „Freiburger Rundbriefs“. Dort hat er zahlreiche Beiträge und vor allem 79 Rezensionen publiziert.

Am 6. März 1994 erhielt Thoma zusammen mit dem verstorbenen J. J. Petuchowski die Buber-Rosenzweig-Medaille. Der hochangesehene jüdische Professor Ernst Ludwig Ehrlich aus Basel bezeichnet in seiner Laudatio den katholischen Priester Thoma als einen Mann, „der durch seine Existenz der Welt zeigt, daß man nicht Christ sein kann, ohne die Wurzeln dieses Christentums zu begreifen ...“ Mit dem Wiedererscheinen des „Freiburger Rundbriefs“ NF 1993/94 liegen bis jetzt 17 Hefte vor, die Thoma als Hauptschriftleiter verantwortet. Er hat aus dem in seiner Art einmaligen „Freiburger Rundbrief“ ein modernes Dialogheft gemacht, das viermal im Jahr erscheint und dessen Inhalte jüdische wie christliche Stimmen vernehmbar machen, das Zeitgeschehen einfangen und, soweit möglich, einen Einblick in die kaum überschaubare Landschaft der Buchproduktion zum christlich-jüdischen Dialog geben. Unverwechselbar sind die jedem Heft mit auf den Weg gegebenen Editorials, Thomas Domäne. Hier liegt ein weiteres wirkliches Novum gegenüber dem ehemaligen „Freiburger Rundbrief“ vor.

Wir können nur hoffen, daß der Mut von Prof. Thoma, auch heiße Eisen anzufassen, seine schier unerschöpfliche Schaffenskraft und seine große Kompetenz im christlich-jüdischen Dialog weiterhin ihren Niederschlag und vor allem Gehör bei den Verantwortlichen findet.

Immerhin erhält der „Freiburger Rundbrief“ auch die Unterstützung der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und wird von einer steigenden Anzahl treuer Abonnentinnen und Abonnenten getragen. Sie alle werden es Prof. Thoma danken, und das wird ihm Ansporn sein, den Weg in die kommenden Jahre entschlossen weiterzugehen.

Alwin Renker


Jahrgang 5/1998 Seite 150



top