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Schwersenz, Jizchak

Die versteckte Gruppe

Ein jüdischer Lehrer erinnert sich an Deutschland. Wichern-Verlag, Berlin 1994. 202 Seiten.

Ort der Handlung ist Berlin. Auch hier steht eine Einzelperson im Mittelpunkt, aber es ist eine ganze Gruppe, die sich zur Wehr setzt. Heinz Joachim Schwersenz, 1915 in Berlin geboren, der schon vor 1933 an der Schule antijüdische Hetzparolen anhören muß, nimmt den jüdischen Vornamen Jizchak an und wendet sich ganz dem Judentum zu. Er tritt einer der vielen religiös-orthodoxen Jugendbewegungen bei, die Jungen und Mädchen in zionistischen und antizionistischen Jugendbünden vereint. Er erlebt all jene Schikanen, mit denen das jüdische Leben behindert wird. Aber er und seine Gruppe beschließen, sich zu wehren. Dabei sind ihnen die religiösen Schriften, die Feier der jüdischen Feste und die Gruppenunternehmen eine große Hilfe. Im Geist des Zionismus beginnen die Jugendlichen, sich auf die Alija vorzubereiten. Dazu wird die Jugend-Alija-Gruppe gegründet, die systematisch „Vorbereitungslehrgänge für schulentlassene jüdische Jugendliche der Jüdischen Gemeinde zu Berlin“ (64) veranstaltet.

1941 beginnen in Berlin die Deportationen. Jizchaks Freundin Edith Wolff, kurz Ewo genannt, ruft zum praktischen Widerstand auf. Während viele Eltern Auswanderung und Untergrund ablehnen und dafür im KZ umkommen, taucht Jizchak, als ihn die Gestapo verhaften will, als Ernst Hallermann mit gefälschten Papieren unter: „Ich hatte die Stadt mit dem Judenstern verlassen, um mit dem Hakenkreuz zurückzukehren“ (96). Auch die meisten anderen Gruppenmitglieder gehen in den Untergrund und gründen die illegale Jugendgruppe „Chug Cha-luzi“ (Kreis der Pioniere), die von Jizchak geleitet wird. Sie besteht aus rund vierzig Jugendlichen der inzwischen verbotenen Jugend-Alija-Schule. Es beginnt das Verstecken in der Großstadt: Verkleidung und Veränderungen des Gesichts, Suche nach Geld und Nahrung, Übernachten in Parkanlagen und Wäldern, in der Untergrundbahn, in Zügen, in Cafés und Warenhäusern, in Kinos und Schauspielhäusern, Tragen von Nazi-Zeitungen und Parteiabzeichen, Schreien des Hitlergrußes:

„Es war ein seltsames Gefühl: Jahrelang hatten wir uns als Juden in der Stadt nicht bewegen dürfen. Jetzt, in der Illegalität, konnten wir die Verkehrsmittel benutzen, konnten in Restaurants und Cafés einkehren, das Getriebe der Großstadt erleben“ (114).

Und vor allem ist es eine Suche nach guten nicht-jüdischen Menschen, ohne die ein Leben im Untergrund nicht möglich war. „Die Menschen, die uns zur Seite standen, waren stark genug, der Angst zu begegnen — aus ihrem christlichen Glauben heraus, aus Überzeugung und Menschlichkeit“ (151). Als Ewo im Juni 1943 verhaftet wird und die Gestapo auch Jizchak auf der Spur ist, verhelfen ihm gute Menschen zur Flucht in die Schweiz. Mit einer Jüdin namens Hertha Wachsmann reist er als Werner Obst, Ingenieur der Luftwaffe, im Februar 1944 von Berlin über Augsburg nach Singen. Zwei Bauern führen sie und zeigen ihnen einen geheimen Weg über die Schweizer Grenze.

Der Text des Buches ist durch Fotos, Dokumente und Skizzen illustriert. Dem nicht-jüdischen Leser wird bei der Autobiographie von Jizchak Schwersenz, die viele hebräische Wörter enthält, durch das angehängte Lexikon „Begriffe und Organisationen“ (187) das Verständnis erleichtert. Weiterhin sind angefügt: ein Verzeichnis der Personen, der Berliner Straßen und Gegenden und aller anderen Orte mit Stellenangaben. Der Autor war nach dem Erlebten zunächst unversöhnlich und wollte deutsche Menschen und die Stätten seiner Jugend nicht wiedersehen. Als es aber dazu kam, stellte er fest, daß es inzwischen ein anderes Deutschland gab. Jizchak Schwersenz stellte bei einer zufälligen Begegnung mit deutschen Jugendlichen fest: „Ich lernte das ,andere Deutschland‘ kennen. Was verschüttet war, brach wieder auf, die innere Beziehung zur alten Heimat, ihrer Kultur und Sprache“ (182). Ja, er kann sich sogar am Ende als der „Wanderer zwischen zwei Welten“ bezeichnen, „zwischen der neuen Heimat Israel und der alten Heimat Deutschland“ (185).

Bernd Bothe


Jahrgang 5/1998 Seite 139



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