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Schreckenberg, Heinz

Die Juden in der Kunst Europas

Ein historischer Bildatlas. Vandenhoeck & Ruprecht/Herder, Göttingen/Freiburg 1996. 408 Seiten mit 658 Abbildungen, davon 18 Farbtafeln.

Bilder spielen in religiösen oder politischen Streitigkeiten immer eine große Rolle. Das war in der Reformationszeit so, und das gilt auch für das jüdisch-christliche Verhältnis. Eine Geschichte des Bildes ist deshalb genauso wichtig wie eine Edition von Texten. Für die christliche Sicht des Judentums hat Heinz Schreckenberg, der am Institutum Judaicum Delitzschianum der Universität Münster arbeitet, beides geleistet. Nach dem dreibändigen Werk „Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte“ (Peter Lang 1991-1995) legt er nun einen umfangreichen Bildatlas über die Darstellung der Juden durch Christen vor.

Der opulente Bildband umfaßt mehr als 650 Schwarzweißbilder, die das Judentum so zeigen, wie es die christliche Welt Europas von der Antike bis in die Neuzeit gesehen hat. Neutrale, verständnisvolle oder gar judenfreundliche Darstellungen sind eher selten. Meist sind es „Schandbilder“, die das Judentum entstellen und beleidigen. Sie bringen die jahrhundertelange Geschichte christlicher Judenfeindschaft in all ihren Facetten der geistlichen Enterbung und Verstoßung des Judentums zum Ausdruck. Christen haben mit diesen Bildern, ähnlich wie mit ihren Lehrbüchern, Predigten und Katechismen, die Juden gedemütigt und auf abscheuliche Weise verächtlich gemacht. Wichtige Bildmotive dieser Mentalitätsgeschichte: die Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr. als Gottes Strafe; Kirche und Synagoge im häufigen Streit und in seltener Versöhnung; verächtliche Deutungen des Alten Testaments; theologisch unverantwortliche Polarisierung beider Testamente; problematische Typologien; diskriminierende Judendarstellungen bei neutestamentlichen Szenen, z. B. bei der Beschneidung Jesu, die zum Vorstadium der Passion wird, und vor allem bei der Passion Jesu; Juden im Kontext von Hölle, Teufel, Hexen und Antichrist; antijüdische Legenden zu Ritualmorden oder Hostienfrevel. Der Kreuzestod Jesu z. B. wird im Bildtyp „Lebendes Kreuz“ furchtbar pervertiert, wenn sich aus dem Kreuzbalken eine Hand (Gottes?) nach unten streckt, die die heranreitende blinde Synagoge mit einem Schwert tötet. Während bei der Gegenüberstellung von Ecclesia und Synagoge die Würde der Synagoge wenigstens gelegentlich noch gewahrt bleibt, wird sie ihr auf diesem Bildtyp völlig genommen. Kein Zweifel, daß hier die Kirche selbst die Binde vor den Augen hatte, mit der sie die Blindheit der Synagoge so oft anklagen wollte. Im widerlichen Motiv der „Judensau“ wird ausgerechnet das Schwein zum Symbol des Judentums, an dem sich Juden in vulgärer und obszöner Weise vergehen. Unvorstellbare Grausamkeit, die die Brutalität der Nazis vorwegnimmt, zeigt sich schon 1553 da, wo ein Jude zugleich mit zwei Hunden kopfunter gehenkt wird, wobei die aggressiven Hunde den wehrlos neben ihnen hängenden Juden beißen und zerfleischen.

Man kann den Band nur mit Beklemmung betrachten, weil er offenkundig macht, wie Christen das Judentum, einzelne Juden und die Synagoge auch im Bild geschändet haben. Daß diese Bilder ihre Wirkung auf das Volk nicht verfehlt haben, steht außer Zweifel. Sie haben herausragenden Anteil an der christlichen Judenfeindschaft. Obwohl hier ein Standardwerk vorliegt, lassen sich aber ein paar Anfragen kritischer Art nicht unterdrücken. Ob es sich bei den meisten dieser Bilder um „Kunst“ handelt, wie der Titel sagt, ist mehr als fraglich. Dazu ist das ästhetische und humane Niveau vieler Abbildungen zu gering. Die Bilderklärungen sind oft sehr knapp. Zwar gibt es viele Verweise auf die Fachliteratur, aber diese wird dem Betrachter meist nur schwer zugänglich sein. Man vermißt die Darstellung der Juden in der großen Malerei Europas. Wo Miniaturen oder Gemälde in schwarzweiß wiedergegeben werden, verlieren sie viel von ihrer Wirkung. Leider sind moderne Darstellungen im Vergleich zur Fülle mittelalterlicher Bilder erheblich zu kurz gekommen. Ebenso fehlen Beispiele aus den Bibelausgaben dieser Zeit. Darum wünschte man sich einen weiteren Folgeband mit der gleichen Bildthematik in der Neuzeit.

Werner Trutwin


Jahrgang 5/1998 Seite 131



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