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Claussen, Detlev

Was heißt Rassismus?

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994. 333 Seiten.

Der Soziologe und Publizist Detlev Claussen gibt uns mit seinem Buch ein taugliches Instrument zum grundlegenden Verständnis des amorphen Begriffs Rassismus in die Hand. Zur Zeit ist wohl kaum ein anderes Wort in aller Mund zu finden, unter dem jeder etwas anderes versteht, das jeder benützt, der irgendwelche Animositäten hat und sicher sein will, gehört zu werden. Dazu eignet sich eben das Wort Rassismus ausgezeichnet, weil es ebenso ambivalent wie „in“ ist. Der eine ist fremdenfeindlich, aber beileibe kein Antisemit, der andere „bloß“ ethnozentrisch und wieder ein anderer gegen Frauen oder Linke, und alle werden Rassisten genannt. Hier Klarheit zu verschaffen ist ein Gebot der Stunde, damit in Sachen Rassismus nicht Schindluder getrieben werden kann und eine gefährliche Verharmlosung um sich greift unter dem Deckmantel des von allen heftigst abgelehnten Rassismus — Rassist will ja eigentlich keiner sein.

Claussen stellt seinem Buch einen ausführlichen Essay über die Aktualität des Rassismus voran, der nichts mehr zu tun hat mit Rasse im strengen Wortsinn, sondern ein Aufstand der Habenichtse, der Zukurzgekommenen und (vermeintlich?) Zukunftslosen, zu erinnern sind Neonazis oder die „race riots“ in Los Angeles. Rassismus richtet sich immer gegen eine aufklärerische Tendenz, die Chancengleichheit bedeutet. Rassismus ist zudem ein Religionsersatz, da die Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert die Sicherheit des religiös fundierten Glaubens unterminiert und die alte hierarchische Weltordnung gestört hat. Der Rassismus bietet eine oberflächliche, aber den Menschen wohl immanente Lebensordnung an und legitimiert zugleich mit seiner Ideologie Machtausübung und Gewaltherrschaft über Minderheiten. Sie vermittelt ein tragendes Gemeinschaftsgefühl und Zugehörigkeit zu einer sich als elitär empfindenden Gruppe. Aber: Für Rassismus als Ideologie gibt es keine Rechtfertigung, denn jegliche rassistische Ideologie ist eine Rechtfertigung, die mögliche Autonomie eines andern Menschen nicht anzuerkennen, sondern in Wort und Tat zu verletzen.

  

Detlev Claussens großer Essay ist ein informativer Einstieg in die Geschichte des Rassismus, die anhand von relevanten Kapiteln aus den Schriften der „Klassiker des Rassismus“ wie Graf Gobineau, Eugen Dühring, H. S. Chamberlain (Richard Wagners Schwiegersohn!) und Hitler selbst, die jeweils in konzisen, kenntnisreichen Kommentaren ins geschichtliche und soziale Umfeld gesetzt werden. Die Beiträge von Dühring, Chamberlain und Hitler sind von unglaublicher Borniertheit mit pseudowissenschaftlich biologistischem Pathos und überheblichem Kathederton aufgeblasen. Der ganze Schwulst des ausgehenden 19. Jahrhunderts präsentiert sich schamlos und ist für heutige Leser nur noch ein widerliches Kuriosum, auf das damals verunsicherte Halbgebildete hereinfielen und auch heute noch hereinfallen.

Auf diese „Erfinder“ des Rassismus und Antisemitismus folgen die modernen Aufklärer und Theoretiker wie Hannah Arendt, Claude Lévi-Strauss, Frantz Fanon und Albert Memmi. Sehr interessant und aufschlußreich ist hier die Verschiedenheit des Zugangs zum Thema, die Art der Argumentation und der Stilunterschied der Texte, die ebenfalls alle von Claussen kommentiert werden. Hannah Arendts Stil und Vorgehen ist geprägt von ihrer deutschen philosophischen Herkunft, belehrend, an eine akademische Leserschaft gerichtet, abstrakt. Ganz anders Claude Lévi-Strauss, Frantz Fanon oder Albert Memmi. Lévi-Strauss, großer Literat und Gelehrter, aber voll Charme und Humor, auch in der ernsthaftesten Untersuchung. Frantz Fanon, aus den Antillen, der den Rassismus aus seiner eigenen kolonialen Vergangenheit beleuchtet. Memmi, tunesischer Jude, befaßt sich mit dem Rassismus als Ursprung und Erfahrung der Heterophobie in der Tradition der Familie und erkennt die Aporie des lebensnotwendigen Verwurzeltseins und der (rassistischen) Abgrenzung. Es gilt sie zu erkennen und aufzuzeigen und gegen gefährliche Auswüchse zu opponieren. Alle drei schreiben unakademisch, als hielten sie einen freien Vortrag, sehr menschlich, sehr direkt und gar nicht elitär, ungeachtet ihres großen Wissens und des wissenschaftlichen Fundaments.

Aufklärung über den Rassismus in jeglicher Form ist heute dringlicher denn je. Doch die Aporie bleibt, daß Aufklärung, wie sie Claussen bietet, von der Masse der von potenten Rassisten Umworbenen intellektuell nicht aufgenommen werden kann und es fast unmöglich scheint, dieses Thema ohne inhaltlichen Verlust an den Mann oder die Frau von der Straße zu bringen. Solches könnte vielleicht Leuten vom Schlage eines Claude Lévi-Strauss gelingen, der die Gabe hat, sehr komplizierte abstrakte Dinge ohne professoralen Ton — auch für Laien verständlich — zu vermitteln. Seien wir aber vorerst dankbar für die engagierte erhellende Arbeit Claussens und versuchen wir selbst, das daraus Gelernte weiterzugeben.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 5/1998 Seite 129



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