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Einladung zu einem Neuanfang — Dialogbemühungen der Evangelischen Kirchen

Zusammengestellt von der Redaktion.

Nach einem Beschluß der Landessynode der Evangelischen Kirche in Bayern auf ihrer Tagung in Ansbach am 23. April 1997 sind die Gemeinden aufgerufen, sich im Laufe eines Jahres (Herbst 1997 bis Herbst 1998) mit den Grundfragen des Glaubens und der Gottesfrage und besonders mit dem Verhältnis von Christen und Juden und deren gemeinsamer Wurzel zu befassen. Das vom Arbeitsausschuß der Landessynode „Christen und Juden“ erarbeitete Rahmenprogramm bietet Gedankenanstöße, Fragen und Arbeitshinweise sowie eine Fülle überregionaler Veranstaltungen und Seminare. Es folgt der Wortlaut der Erklärung zum Beschluß der Landessynode.

Christen und Juden haben in ihrem Glauben gemeinsame Wurzeln. Lange Zeit haben wir Christen das vergessen und nur die Unterschiede zu Juden betont. So haben wir die Wurzeln unseres christlichen Glaubens immer weniger verstanden. Durch theologische und historische Forschung wurde uns in den vergangenen Jahren der Blick für Verbindendes und Gemeinsames in der Bibel und im Glauben von Christen und Juden neu geöffnet. Darin liegt eine Chance für uns, unseren christlichen Glauben besser zu begreifen und Schritte zu einem neuen Miteinander von Juden und Christen zu gehen. Es gilt, Gemeinsames und je Eigenes zu entdecken, das Trennende auf seine Gültigkeit hin zu überprüfen und einander neu zu begegnen. So können Christen und Juden nach einer jahrhundertelangen Geschichte der Entfremdung zu einem Neuanfang finden, der Toleranz, Verstehen und gegenseitige Achtung ermöglicht.


Die Mitglieder des „Ausschusses Kirche und Judentum“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands/Denkendorfer Kreis (VELKD/DNK) haben bereits 1996 folgende richtungweisende ,Grundsätze für Christen‘ für den Dialog mit den jüdischen Nachbarn erarbeitet:

Vor-Satz: Lange Zeiten haben Christen nur Unterschiede zu Juden betont. Dies trug zu Diskriminierung, Verfolgung und Vernichtung bei. Es ist an der Zeit, die Gemeinsamkeiten deutlich zu benennen. Nur so können wir die Verirrungen der Vergangenheit überwinden. Zugleich lernen wir, unseren eigenen Glauben tiefer zu erfassen.

  • Unser Gott, der Vater Jesu Christi ist der Eine Gott der Bibel; der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
  • Unser Glaube gründet in der ganzen Heiligen Schrift Alten und Neuen Testamentes. Das Alte Testament verbindet uns mit den Juden.
  • Jesus war Jude: Er wurde von einer jüdischen Mutter geboren und lebte in seiner jüdischen Glaubenstradition.
  • Die alttestamentlichen Gebote der Liebe zu Gott und zum Nächsten gelten für Juden und Christen. Jesus hat sie im
  • Doppelgebot der Liebe bekräftigt; darin stand er den Pharisäern nahe.
  • Schuld an Jesu Tod haben nicht „die Juden“. Religiöse und politische Machthaber haben ihn verurteilt und hingerichtet.
  • Jesus ging diesen Weg zum Kreuz bewußt im Gehorsam gegen Gott. „Schuld“ an seinem Tod haben alle Menschen.
  • Die erste christliche Gemeinde bestand aus jüdischen Männern und Frauen. Christusgläubige Juden trugen das Evangelium zu den Völkern.
  • Auch Gebet, Gottesdienst und Feste der Christen haben ihre Wurzeln in der jüdischen Frömmigkeit.
  • Gott hat Israel als sein Volk erwählt und in Dienst genommen. Durch Christus wurde diese Erwählung bestätigt. Sie besteht fort.
  • Gemeinsam mit den Juden sind wir verantwortlich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wie sie bitten wir Gott: „Dein Reich komme.“

Nach-Satz: Bis heute ist das Judentum eine lebendige Gemeinschaft ... Trotz aller Verfolgungen in der Vergangenheit sind Begegnungen mit Juden möglich. Wir ermutigen jede/n, diese Möglichkeit zu nutzen.—


Die Denkendorfer Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“ der Evangelischen Landeskirche in Württemberg hat im September 1997 folgende grundsätzliche Erklärung für eine ökumenische Gesinnung gegenüber Juden herausgegeben:

Im Zuge des politischen Umbruchs in Osteuropa kamen viele Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. Durch ihr Kommen wurde in unserer Landeskirche ein Streit über die Frage ausgelöst, ob die Zugewanderten Ziel missionarischer Bemühungen sein können. Darauf hat unsere Arbeitsgruppe bereits 1995 mit einem deutlichen Nein geantwortet. Wir sprachen uns für die Abkehr von jeglicher „Judenmission“ aus und betonten: „Wir verzichten auf sie nicht nur, weil uns die Last der Vergangenheit dies gebietet, sie ist für uns vielmehr ein theologischer Irrweg, den wir hinter uns lassen wollen.“ Statt dessen plädieren wir für eine ökumenische Gesinnung gegenüber Juden.

Wir suchen das Juden und Christen Verbindende. In Denkendorf pflegen wir seit zwei Jahrzehnten das Gespräch zwischen Christen und Juden. Viele Gemeinden unserer Landeskirche beteiligen sich an diesem Gespräch, das für uns wesentlich ein Gespräch über der Bibel ist.

Wir haben erkannt, daß es zwischen Juden und Christen weit mehr Verbindendes als Trennendes gibt. Beide hören wir auf die Weisung von Gottes Geboten. Uns beiden gelten Heilsworte und Kritik der Propheten. In Synagogen und Kirchen beten wir die Psalmen.

Wesentliche Inhalte des Glaubens sind Juden und Christen gemeinsam: vom Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer des Himmels und der Erde über den Glauben an Gottes Liebe und Erbarmen bis hin zur Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Nach dem Wort des Apostels Paulus gehören Israel die Kindschaft, die Herrlichkeit, der Bund, das Gesetz, der Gottesdienst, die Verheißungen und die Väter (Röm 9,4). Dies ist für uns die umfassende biblische Grundlage für ein Miteinander und ein gemeinsames Suchen in den Fragen unseres Glaubens und Handelns.

Das Miteinander von Juden und Christen bleibt belastet durch die jahrhundertelange Feindschaft von Christen gegen Juden. Antijüdische Predigten, Anstiftung und Rechtfertigung von Gewalt gegen jüdische Frauen, Männer und Kinder, Wegsehen oder gar heimliche Zustimmung bei Verfolgungen wie auch Zwangsbekehrungen und anders geartete Versuche, sie von ihrem Judesein abzubringen, machten Jüdinnen und Juden mißtrauisch und bis heute vorsichtig gegenüber christlicher Annäherung. In der Erklärung der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vom 15. September 1988 „Verbundenheit mit dem jüdischen Volke“ heißt es: „Als Christen leiden wir unter der schweren Last dieser Vergangenheit. Wir erkennen und bekennen unsere Schuld vor Gott und vor dem jüdischen Volk und bitten den Herrn, daß er uns helfe zur Umkehr im Glauben und Tun.“ Ein aufrichtiges Schuldbekenntnis müßte nach unserer Überzeugung alle missionarischen Bestrebungen zum Verstummen bringen.

Nach Jahrhunderten der Konfrontation suchen wir nach Wegen der Verständigung, die zu einem partnerschaftlichen Miteinander führen. Wenn die Landeskirche in der genannten Erklärung formuliert: „Gottes Treue gilt uneingeschränkt sowohl seinem erwählten Volk Israel wie der in Christus Jesus berufenen Gemeinde aus allen Völkern“, so erkennt sie Israel und seinen Weg mit Gott an. Auch die Ökumene der Kirchen konnte erst gedeihen, als die einzelnen Konfessionen darauf verzichteten, einander zu ihrer Wahrheit bekehren zu wollen. Heute nehmen sie einander als Partnerinnen ernst, entdecken den Reichtum ihrer unterschiedlichen Traditionen und lernen voneinander. Juden und Christen stehen auf dem gemeinsamen Fundament der Hebräischen Bibel. Darum treten wir für eine neue, ökumenische Gesinnung gegenüber Juden ein.


Jahrgang 5/1998 Seite 115



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