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David Flusser

Christen und Juden als Brandstifter Roms

Der Brand Roms geschah im Juli 69 n. Chr. (siehe nachträgliche Korrektur am Ende des Beitrags) unter Kaiser Nero. Der Kaiser war fast sicher an der Katastrophe unschuldig. Unschuldig waren gewiß auch die Christen, die der Untat beschuldigt wurden. Die darauf folgende blutige Verfolgung der Christen ist historisch und von den Quellen bestätigt. Die ungeheuerliche Beschuldigung wurde weder von den Christen noch von den römischen Quellen ernst genommen. Man vermutete damals allgemein, daß der wirkliche Brandstifter der gehaßte Nero selbst gewesen sei; man meinte (und meint), der Kaiser habe gewollt, die Beschuldigung von sich auf die Christen abzuwälzen. Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Der römische Geheimdienst scheint wirklich einer (falschen) Spur nachgegangen zu sein. Das lehren uns die damaligen Umstände und die modernen Parallelen.

Der Schwede Pär Lagerquist (1891-1979) hat im Jahre 1950 seinen berühmten Roman „Barabbas“ geschrieben und im folgenden Jahr dafür den Nobelpreis erhalten. Der Held ist aus dem Evangelium bekannt. Es ist der „Räuber“ (in Wirklichkeit ein jüdischer Terrorist), der von Pilatus anstatt Jesus freigelassen wird. Lagerquist schildert im Roman sein weiteres Leben. Unter anderem hilft dort Barabbas, als jüdischer Patriot, das verruchte Rom anzuzünden. Diese Episode wurde für mich bedeutend. Man könnte also den Brand Roms unter Nero als eine apokalyptische Strafe am römischen Imperialismus verstehen, einem Geschehen, welchem ein wenig nachzuhelfen Gott gefällig ist.

Vor einigen Jahrzehnten wurde die El-Aqsa Moschee in Jerusalem angezündet. Mir kam damals instinktiv der Gedanke, daß „ein Urchrist“ die Tat verbrochen hat. Der Brandstifter war wirklich ein christlich-apokalyptisch-charismatischer Sektierer aus Australien. Der Staat Israel hat ihn als nicht-zurechnungsfähig erklärt und nach Australien zurückgeschickt. Der idealistische Brandstifter ist nun auf die Juden böse, weil sie seine ,selbstlose‘ Tat nicht genügend ,schätzen‘. Andererseits lassen sich die arabischen Völker nicht überzeugen, daß nicht ein teuflischer Jude die Moschee verbrennen wollte.

Im Jahre 1984 wurde eine jüdische Untergrundbewegung aufgedeckt, welche die Moscheen auf dem Tempelplatz sprengen wollte. Einer der Verschwörer (aus Frankreich) war mein Schüler. Als ein frommer Proselyt (er hatte katholischer Priester werden wollen) nahm er an dem problematischen Unternehmen teil. Was wollte er erreichen? Einen islamischen Ansturm gegen Israel — und was dann? Dann wird die Erlösung erzwungen.

Diese geschmacklosen modernen Geschichten würden sicher zu Neros Zeiten dem Bösewicht Tigellinus gut in den Kram gepaßt haben. Obwohl wir von der Unschuld sowohl der Christen als auch der Juden am Brand Roms überzeugt sind, wollen wir doch dem römischen Geheimdienst ein wenig helfen.

Spätestens im 4. Jahrhundert n. Chr. wurde ein angeblicher Briefwechsel in lateinisch zwischen dem Philosophen Seneca und dem heiligen Paulus fabriziert,1 ein unschuldiges Spiel. Allgemein ist der Inhalt der Briefe als dürftig zu bezeichnen. Eine gewisse Sonderstellung nimmt der XI. Brief ein. Er handelt über den Brand Roms und die Christenverfolgung. Offensichtlich geht er auf eine nicht bekannte historische Quelle zurück.2 Man hat schon verschiedene Spannungen zwischen diesem Brief und den anderen Briefen der Sammlung festgestellt oder auch feststellen wollen, aber wichtig ist, daß man da eine ältere wertvolle Quelle annehmen kann, die nicht unbedingt mit Paulus und Seneca zu tun haben mußte. So liest man in dem Brief: „132 Paläste, 4000 Mietshäuser verbrannten in sechs Tagen. Am nächsten Tag trat eine Pause ein.“ Der Verfasser des Briefes vertritt (verblümt) die Beschuldigung, der wirkliche Brandstifter wäre der Kaiser selbst, aber „Christen und Juden werden immer wieder — entsetzlich hingerichtet, als seien sie die Brandstifter“.3

Die Erwähnung der Juden zusammen mit den Christen kann nicht von dem Verfasser der Briefsammlung stammen, denn seine Beziehung zum Judentum ist keineswegs positiv. So steht z. B. in dem letzten Brief der Sammlung: „Die Regeln der Heiden und der Israeliten dürfen wir nicht für gut halten.“ Die Hinweise, daß man damals die Juden als notorische Brandstifter gesehen hat,4 sind sehr schwach. Man könnte höchstens behaupten, daß man zu Neros Zeiten zwischen Juden und Christen nicht sehr unterschieden hat.

Neros Geheimpolizei hat mit dem Verdacht der christlichen Brandstiftung Roms gespielt, weil schon damals — nicht erst zur Zeit der Offenbarung des Johannes — apokalyptisch-antiimperialistische Kreise unter den römischen Christen den Fall Roms herbeigewünscht haben. Diese Erwartung kann man am ehesten bei den römischen Christen jüdischen Ursprungs annehmen.

Warum dann nicht auch bei den römischen Juden, besonders bei solchen, welche von der Apokalyptik angezogen waren? Die Flamme des Hasses gegen Rom loderte schon längst im Herzen vieler Juden, manchmal verbunden mit messianischer Sehnsucht nach Befreiung. Diese antiimperialistische Apokalyptik war nicht auf die Juden (und Christen) beschränkt. Sie begann schon mit dem hellenistischen Vordringen in den Osten.5 Es ist also verständlich, daß nicht nur die Christen, sondern auch extreme Kreise unter den römischen Juden als vermutliche Brandstifter Opfer des imperialen Geheimdienstes wer-den konnten. Man könnte sogar sagen, wenn es nicht in dem angeblichen Briefwechsel zwischen Paulus und Seneca — in dem einzig historisch wertvollen Brief! — stehen würde, daß nicht nur Christen, sondern auch Juden unter Nero als Opfer ihrer Hoffnung gestorben sind. Wenn meine Vermutung richtig ist, dann wäre die neroische Verfolgung ein frühes Beispiel der möglichen Schicksalsgemeinschaft zwischen Juden und Christen. Eigentlich sollten wir zusammengehören!


Nachtrag / Korrektur: eingereicht von Alena Boje am 13.03.2012

Prof. Flusser datiert ganz zu Anfang seiner Arbeit den Brand Roms auf 69 n. Chr. Tatsächlich aber brannte Rom im Juli 64 n. Chr. Zu der gleichen Zeit hatte Nero im Jahre 69 schon Suizid begangen, nachdem er am 9. Juni 69 vom Senat zum Tode verurteilt wurde. (Nachzulesen u. a. bei Jürgen Malitz, Nero. C. H. Beck-Wissen, München).


 

  1. Eine kritische Ausgabe der lateinischen Korrespondenz zwischen Seneca und Paulus ist von L. B. Palagi, Il carteleggio apocrifo di Seneca e San Paolo, Firenze 1978. Eine deutsche Übersetzung mit Einleitung von C. Römer befindet sich in W. Schneemelcher (ed.), Neutestamentliche Apokryphen II, Tübingen 1989, S. 44-50.
  2. C. Römer, S. 45. Siehe auch besonders Palagi, S. 43-47.
  3. Christiani et Judaei quasi machinatores incendii — pro! — supplicio adfecti fieri solent.
  4. Siehe Palagi S. 167.
  5. Das klassische Buch auf diesem Gebiet: H. Fuchs, Der geistige Widerstand gegen Rom in der antiken Welt, Berlin 21968. Siehe auch A. Peretti, Sibila babilonese, Firenze 1943, und D. Flusser, Das römische Reich in den Augen der Makkabäer und in der Sicht der Essener, hebräisch in Zion, Jerusalem 1983, S. 149-176. Ders. Hystaspes and John of Patmos, in: Judaism and the Origins of Christianity, Jerusalem 1988, S. 390-453. Über die antihellenistische Apokalyptik, siehe S. K. Eddy: The King is Dead, University of Nebrasca, 1961, und meine Besprechung des Buches in Journal of Jewish Studies, 15, 1964, S. 83-86.

David Flusser ist Professor em. für vergleichende Religionswissenschaft an der Hebräischen Universität Jerusalem.


Jahrgang 5/1998 Seite 88



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