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Clemens Thoma

Ende des Jahrtausends — Ende des christlichen Antisemitismus?
Überlegungen zur Papstrede

Vom 30. Oktober bis 1. November 1997 trafen sich im Vatikan 60 international bekannte Wissenschaftler zu einem Kolloquium unter dem Titel „Die Wurzeln des Antijudaismus im christlichen Bereich“ (vgl. FrRu 4/1997, 316), um im Vorfeld des dritten Jahrtausends Mißverständnisse und Spaltungen der Vergangenheit zu überwinden und die ursprünglichen Beziehungen von Judentum und Christentum wieder neu zu entdecken.

Wenn in früheren Zeiten ein Papst vor schwierigen Entscheidungen stand, wurde das geheime Konsistorium der Kardinäle zusammengerufen. Johannes Paul II. führte in den letzten Oktobertagen 1997 eine neue Vorgehensweise ein: Etwa 60 Theologen sollten drei Tage lang zusammen mit einigen Kardinälen, Bischöfen und Geistlichen in der vatikanischen clausura ein wissenschaftliches Symposium durchführen und dabei „die Wurzeln des Antisemitismus in den christlichen Milieus“ freilegen. Mit einer Ansprache an dieses Forschergremium wollte der Papst seine eigenen Intentionen einbringen. So soll klar werden, worin die Katholische Kirche dem jüdischen Volk gegenüber schuldig geworden ist und in welchen Punkten Ansätze zur Versöhnung mit „unseren älteren Brüdern und Schwestern“ im Jubeljahr 2000 liegen.

1. Das Forschungsgremium

Alle Stellen in den neutestamentlichen Schriften, die in der Vergangenheit zur Legitimierung des christlichen Antijudaismus beigezogen worden waren, wurden vom Forschungsgremium auf die exakte wissenschaftliche Waage gelegt. Spricht aus ihnen ein Antijudaismus oder wurde ein solcher später in sie hineingelesen? Das Ergebnis war ziemlich eindeutig, brachte aber keinem Teilnehmer ungetrübte Freude: Keine neutestamentliche Stelle ist in sich judenfeindlich. Alle (z. B. 1 Thess 2,14-16; Mt 27,25; Joh 8,44) sind Echos aus innerjüdischen Auseinandersetzungen. Sie repräsentieren innerjüdisches Kolorit. Den in griechisch-römischen Kategorien denkenden Christen schillerte dieses Kolorit oft und leicht als Verführung zur Judenfeindschaft entgegen. Exegetische Ableitungen und wirkungsgeschichtliche Stichproben christlich-antijüdischer Interpretationen im Verlauf der Geschichte zeigen, wie leicht sich judenfeindliche Fehlinterpretationen kanonischer Texte in den Köpfen von Predigern, Theologen und Zuhörern einnisten konnten. Jeder heutige Deuter und Verkünder muß sich vor Augen halten, daß er zum falschen Vermittler der Bibel und der Wahrheit wird, wenn seine Interpretationen Feindschaften schüren.

2. Der Papst

Seine Ansprache bildete ein Gegengewicht zum Forschungsprogramm der sechzig Exegeten und Wirkungsgeschichtler. Sie wollte eine Antwort auf Forderungen sein, die in den letzten Jahrzehnten von jüdischen Repräsentanten immer wieder aufgestellt worden waren: Die Kirche solle endlich eine ihre Gläubigen verpflichtende Erklärung wagen, welche Inhalte und welche Würde dem Judentum vom Christentum her zuzuerkennen sei. Erst dann höre der judenfeindliche Spuk auf. Diese Forderung nach verpflichtender Umschreibung der katholischen Lehre über das Judentum wurde besonders nach dem 24. Juni 1985 erhoben. Damals wurden die „Hinweise für eine richtige Darstellung von Juden und Judentum in Predigt und Katechese der katholischen Kirche“ (vgl. FrRu 37/38 [1985/86] 9 ff.) seitens der „Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“ veröffentlicht.{1} Dieses Dokument wurde häufig als zu vage kritisiert. Dogmatische Rückzugstheoretiker hätten daran herumgeflickt. Johannes Paul II. hat sich in seiner Rede am 31. Oktober 1997 für dieses Anliegen vorgewagt:

„Dieses Volle wird von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde zusammengerufen und geführt. Seine Existenz ist also nicht eine von der Natur oder Kultur bedingte Tatsache ... Es handelt sich vielmehr um einen übernatürlichen Sachverhalt. Dieses Volk hält gegenüber allem und gegen alles stand, weil es das Volk des Bundes ist, und weil Gott — trotz der Untreue der Menschen — seinem Bund treu ist.“

Dies ist eine christliche Glaubensaussage über das Judentum, die leicht in ein Dogma einmünden könnte. Bei seiner Umschreibung des Judentums als erwählte Bundesgemeinschaft, die auch in der Sünde vom bundestreuen Gott gehalten wird und daher „gegenüber allem und gegen alles standhält“, hat der Papst auch an die Kirche gedacht, die er als Schwester des Judentums ähnlich im Bund befindlich und daher standfest sehen möchte.

Der zweite Punkt des Papstes ist ähnlich brisant. Jesus war Jude! Dies war „kein einfacher kultureller Zufall, der auch durch eine andere religiöse Tradition ersetzt und von der Person des Herrn losgelöst werden könnte, ohne ihre Identität zu verlieren“.

Wenn am Judesein Jesu — so geht es dem Sinn nach in der Papstansprache weiter — nicht festgehalten wird, dann wird das Mysterium der Menschwerdung geleugnet, und es ist keine Verwurzelung des Christusglaubens bzw. keine Inkulturation in den Völkern möglich. Jesus, der die Völker von innen her bewegt, ist auch der entscheidende jüdische Gotteszeuge gegen jede Form des Rassismus, der eine Leugnung der gleichen Würde aller Menschen als Abbilder Gottes ist. Darum sind alle mit christlichen oder nichtchristlichen Mäntelchen überzogenen Judenfeindschaften „ohne Rechtfertigung und absolut verdammenswert“.

3. Das Versöhnungsjahr 2000

Die Kirche soll sich am Beginn des dritten Millenniums mutig als sündige und trotzdem in der Barmherzigkeit des zuverlässigen Gottes stehende Mit-Bundesgemeinschaft an der Seite des jüdischen Volkes zeigen. Sie soll bekennen, daß auch die Verheißung ihrer Wahrheit sie nicht vor geschichtlichen Hilflosigkeiten, Fehlurteilen und Sünden bewahrt hat. Sie soll sich vor den verzeihenden Gott stellen und dadurch neue Hoffnung in den Herzen von Christen, Juden und anderen Völkern und Religionen wecken.

Wie aber soll das geschehen? Die Kirche könnte sich daran erinnern, daß die Christusbotschaft von der Vollmacht zur Verzeihung und Versöhnung (z. B. Mt 16,19; Joh 20,22 f.) vom großen, im Ersten Testament grundgelegten (bes. Lev 16), jüdischen Entsühnungs- bzw. Versöhnungstag (Yom ha-Kippûrîm) her inspiriert ist. Jesus lebte, litt und starb, damit Verzeihung und Versöhnung alle Menschen erreiche. In diesem Sinn war er der personale Versöhnungstag. In der jüdischen Versöhnungstags-Liturgie zur Zeit des Bestehens des Zweiten Tempels — und damit auch zur Zeit Jesu — war die Reihenfolge der Schuldbekenntnisse verpflichtend festgelegt. Der Hohepriester und seine Familie mußten als erste vor dem ganzen Volk ihre Sünden bekennen. Die Formel lautete: „Vergib doch bitte, anwesender Gott (wörtlich: Du, der Name) die Vergehen, Freveltaten, Sünden, mit denen ich mich vergangen, verfehlt, versündigt habe: ich und mein Haus! Es steht ja in der Tora Moses, Deines Knechtes, geschrieben: ,Denn an diesem Tag wird Er über euch Sühne erwirken, um euch zu reinigen von allen euren Sünden, damit ihr vor dem Ewigen rein seid‘ (Lev 16,30)“ (mYom 3,8). Beim nachfolgenden zweiten Sündenbekenntnis wurde „Dein heiliger Stamm, die Söhne Aarons“, also die gesamte Priesterschaft, mit ins Sündenbekenntnis des Hohenpriesters hineingenommen (mYom 4,2). Erst nach dem ausführlichen Sündenbekenntnis der religiösen Repräsentanten folgte das Sündenbekenntnis des Volkes (mYom 6,2). Die Reihenfolge war bedeutsam und nicht umkehrbar. Erst nachdem die leitenden Liturgen kraft ihres Reuebekenntnisses und durch ein Opfer von ihren Sünden entlastet waren, durften sie ihre liturgischen Funktionen weiterführen und auch für das ganze Volk Verzeihung und Versöhnung erwirken.

Der Papst sollte im Hinblick auf die jüdischen Verzeihungs- und Versöhnungsauffassungen keine Bedenken haben, auch „die Kirche als solche“ primär unter die Notwendigkeit der Verzeihung zu stellen. Es gibt keine von den schuldig gewordenen Menschen abgehobene makellose Kirche oder Oberkirche! Kirche ist vielmehr stets Ausdruck der Bundesverbundenheit mit dem verläßlich verzeihenden Gott und des Hineingenommenseins in die sündigen Menschen. Um dies zu bezeugen, sollten Repräsentanten der Kirche — der Papst und die Bischöfe — wie einst der Hohepriester und die Priester — als erste die Sünden des Antijudaismus in ihrem Namen und im Namen ihrer Vorfahren bekennen. Erst dann dürfen der Papst und die Bischöfe im Namen Gottes auch Versöhnung und Verzeihung auf „die christliche Welt“ bzw. auf die judenfeindlichen „christlichen Milieus“ herabrufen. Und erst dann kann eine gemeinschaftliche Läuterung frei von aller Juden- und Fremdenfeindlichkeit in der Kirche voll zu wirken beginnen. Es ist nicht gut, „die Kirche als solche“ gegen die „christliche Welt“ oder „die christlichen Milieus“ in Schutz zu nehmen. Gerade die Päpste und der vatikanische Hof haben sich ja gegen den seit mindestens 1880 in Europa wild grassierenden Rassismus hilflos und ungeschickt benommen. Sie haben diese Super-Häresie nicht rechtzeitig verurteilt. So konnte sich das mörderisch-rassistische Getue Hitlers, von der Kirche ziemlich ungestört, entfalten.

Der große Versöhnungs- und Verzeihungstag des Jahres 2000 könnte — falls er in Analogie zum jüdischen Versöhnungstag ausgerufen und gefeiert würde — auch die Konsequenz haben, daß endlich gemeinschaftlich-sakramentale Bußfeiern in der katholischen Kirche (wieder) institutionalisiert würden. Eine Sünde ist ja nur teilweise individueller Herkunft. Zum anderen Teil hat sie Gemeindecharakter und betrifft die Hirten und die Herde. Die Hirten sollen stets mit dem guten Beispiel des Bekenntnisses der eigenen Sünden vorangehen. Sie sind niemals nur Absolutionsgeber, sondern immer auch schuldige Empfänger der Verzeihung.

1. Die Kirche und das Judentum von 1945-1985, hg. v. Rolf Rendtorff/Hans H. Henrix, Paderborn 1988, 92-103.


Jahrgang 5/1998 Seite 81



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