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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 5/1998 Heft 1

Papst Johannes Paul II. verurteilte die jüngsten Gewaltakte in Jerusalem. In einem Telegramm an Ministerpräsident Benjamin Netanyahu äußerte er die Hoffnung, daß es keine weiteren Anschläge dieser Art mehr geben werde. „Eine Attacke auf unschuldige und wehrlose Menschen kann niemals moralisch erlaubt sein, auch nicht um berechtigte Ansprüche geltend zu machen“, betonte der Papst in dem vom Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano unterzeichneten Telegramm. Er forderte alle am Friedensprozeß beteiligten Gruppen zur Rückkehr zu Dialog und zu Verhandlungen auf und brachte seine Verbundenheit mit den Verwundeten und den Familien der Opfer zum Ausdruck. (L‘Osservatore Romano in deutscher Sprache, 12. September 1997.)

Vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund wurde am 7. September 1997 in Zürich erstmals ein „Sonntag der Begegnung mit dem Judentum“ durchgeführt, nachdem Bemühungen für einen gemeinsamen „Dies Judaicus“ in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK), der christlich-jüdischen Kommission und der Schweizerischen Israelitischen Gemeinde an einem Beschluß der SBK (Februar 1997) gescheitert waren. Ziel des Begegnungssonntags war, auf die „grundlegende und unaufhebbare Verbundenheit der christlichen Kirchen und Gemeinden mit dem jüdischen Volk in Theologie, Verkündigung und Handeln“ hinzuweisen. In Österreich wurde vom Koordinierungsausschuß für christlich-jüdische Zusammenarbeit in einem Schreiben an den Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen angeregt, den 10. Sonntag nach Trinitatis, an dem in der evangelischen Kirche der Zerstörung Jerusalems gedacht wird, als „Israel-Sonntag“ zum Gedenken der von Christen verursachten Leiden des jüdischen Volkes festzulegen.

Am 30. September 1997, dem 75. Jahrestag der ersten antisemitischen Gesetzgebung des französischen Vichy-Regimes, hat die katholische Kirche Frankreichs eine erstmalige Schulderklärung zu ihrem Schweigen während der Verfolgung und Deportation von Juden im Zweiten Weltkrieg abgegeben. Etwa 76 000 Juden waren von Frankreich nach Deutschland deportiert worden. Die meisten starben in Konzentrationslagern. Die Erklärung erfolgte auf Drängen von Johannes Paul II., der zu einer „Klärung der Erinnerung“ aufgerufen hatte. Die nächste Ausgabe des Freiburger Rundbriefs wird den Wortlaut der Erklärung in deutscher Sprache bringen.

Unter dem Titel „Ethik und Medizin 1947-1997, Auftrag für die Zukunft“ fand in Freiburg i. Br. vom 11. bis 15. Oktober eine Erste Weltkonferenz über Ethische Kodizes in Medizin und Biotechnologie statt. Mediziner, Rechtshistoriker, Theologen und Experten weiterer Fachbereiche befaßten sich mit dem nach dem Nürnberger Ärzteprozeß festgelegten Regelwerk zum Schutz des Menschen im Bereich medizinischer und biotechnologischer Forschung. Veranstalter der Tagung waren die Göttinger Akademie für Ethik in der Medizin e. V. und das Freiburger Zentrum für Ethik und Recht in der Medizin. Das Freiburger Zentrum wurde 1996 gegründet und ist in Deutschland das einzige Institut mit ethischem Auftrag, das einem Klinikum angeschlossen ist. Ähnliche Tagungen sollen alle zwei bis drei Jahre in anderen Ländern folgen.

Die Frage, ob die Bewahrung jüdischer Identität Ziel jüdischer Studien auf Universitätsebene sein soll und wie dieses Ziel erreicht werden könne, war eines der Themen einer internationalen Tagung in London (März 1997) unter der Schirmherrschaft von Jewish Policy Research, dem Oxford Centre und der Abteilung für hebräische und jüdische Studien am University College, London. Gefragt wurde auch, ob religiöse Identifizierung mit kritischem, wissenschaftlichem Studium vereinbar ist oder unvermeidlich zu Konflikten führt. Martin Goodman, Oxford, wies darauf hin, daß in England, entgegen vorliegender Statistiken, wenig Interesse an akademischen jüdischen Studien herrscht. Studenten jüdischer Studien seien vorwiegend nicht-jüdisch.

Lady Hazel und Sir Sigmund Sternberg sind als erstes jüdisches Ehepaar vom Vatikan für ihre Verdienste um die Beziehungen zwischen Katholiken und Juden öffentlich geehrt worden. Lady Sternberg wurde im September 1997 zur Dame des Päpstlichen Silvesterordens ernannt. Den Orden hatte Papst Gregor XVI. im Jahre 1841 zur Ehrung von Persönlichkeiten außerhalb der katholischen Kirche gegründet. Sir Sternberg war bereits vor 11 Jahren der Titel Ritter des Päpstlichen Ordens Gregor des Großen verliehen worden. Sir Sigmund Sternberg engagierte sich stark in der Kampagne zur Freigabe der Konten von Naziopfern bei Schweizer Banken. Im Sternberg-Zentrum in London gründete er kürzlich ein „Three Faiths Forum“ zur Verständigung zwischen Juden, Christen und Muslimen.

Im Jüdischen Gemeindezentrum in Frankfurt hat sich Mitte des Jahres 1997 ein „Freundeskreis Yad Vashem, Jerusalem, in Deutschland“ konstituiert. Neben der Förderung der Arbeit der seit 1957 bestehenden Gedenkstätte hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, „Erkenntnisse über die Vernichtung der Juden zur Zeit des Nationalsozialismus und ihre pädagogische Vermittlung an Schüler und Studenten zu fördern“. In seinem Grußwort betonte der israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, Yad Vashem sei „weit mehr als ein Ort der Erinnerung und Besinnung. Sowohl in Israel als auch außerhalb steht diese Institution als Wegweiser für jüdisches Selbstverständnis“.

Israel muß sich mit seinem eigenen Verhältnis zum armenischen Völkermord auseinandersetzen, verlangt der Tel Aviver Historiker und Lehrer Yair Auron in seiner aufsehenerregenden hebräischen Publikation „Die Banalität der Gleichgültigkeit. Das Verhältnis des Yischuw und der zionistischen Bewegung zum Völkermord an den Armeniern“ (Dvir Publishing House, Tel Aviv 1995). Bisher sei Israel dem armenischen Holocaust gleichgültig gegenübergestanden. Historische Quellen wie u. a. die einflußreiche hebräischsprachige St. Petersburger Tageszeitung „Hamliez“ weisen sogar eine antiarmenische, den Völkermord gutheißende, Einstellung nach. Als ersten Schritt hat Yair Auron die Einführung einer Unterrichtseinheit zum Thema „Völkermord im zwanzigsten Jahrhundert“ an israelischen Schulen durchgesetzt. Kritiker werfen ihm vor, er stelle die Einzigartigkeit der Schoa in Frage.

In der Kathedrale von Buenos Aires enthüllte Antonio Kardinal Quarracino am 14. April 1997 eine große Vitrine mit 13 jüdischen religiösen Manuskripten. Die Ausstellungsstücke stammen teils aus zerstörten jüdischen Gemeinden in Europa, teils handelt es sich um Stücke, die nach den Anschlägen auf die israelische Botschaft (17. März 1992, 29 Tote) und auf das jüdische Gemeindezentrum von Buenos Aires (18. Juli 1994, 86 Tote) gerettet werden konnten. Das Geschehen wurde als „weitreichender Schritt auf dem nachkonziliaren Weg interreligiöser Brüderlichkeit“ gewertet. John Kardinal O‘Connor (New York) verurteilte in einer Predigt (Ende Juli 1997) die Anschläge und sprach sich für die jüdische Bevölkerung Argentiniens aus. Die Flucht vieler Nazi-Funktionäre nach Argentinien hatte in den letzten 50 Jahren zu gespannten Beziehungen mit der jüdischen Bevölkerung geführt.

Das Verhalten katholischer Priester in der NS-Zeit ist Thema zweier neuer Studien. Im Erzbistum Freiburg ist eine Feldforschung unter dem Titel „Die Unbeherrschbaren. Priesterlicher Widerstand im Landkapitel Donaueschingen 1933-1945“ erschienen. Aufgrund von Nachforschungen und Gesprächen mit Zeitzeugen weist der pensionierte Religionslehrer Richard Zahlten nach, daß sich viele Priester gegen das Hitlerregime stellten.
Die Stadtbibliothek Trier und der Verein Kurtrierisches Jahrbuch e. V. veröffentlichten eine Studie von Martin Persch, „Spurensuche – Spurensicherung. Vom Einsatz Trierer Bistumsgeistlicher für jüdische Mitbürger“ mit dem Fazit: ,,Wenn auch kein breiter Strom an Hilfsbereitschaft zu konstatieren ist, so soll dennoch das Andenken derjenigen, die sich um ihre jüdischen Mitbürger verdient gemacht haben, nicht schweigend untergehen“ (317). Die Studie ist über das Bistumsarchiv Trier erhältlich.

Wie aus den „T4“- (für Tiergarten Nr. 4, Berlin) Unterlagen hervorgeht, starben auf Schloß Sonnenstein, der Schaltstelle des NS-Euthanasie-Programmes, in der sächsischen Kleinstadt Pirna zwischen Juni 1940 und August 1941 mindestens 13 720 Männer, Frauen und Kinder aus Heimen, Kliniken und Konzentrationslagern. Gemordet wurde bereits mit Gas. Die Opfer waren Juden, Kriminelle und Regimegegner. Von Oktober 1939 bis Ende 1941 wurde von Sonnenstein aus der planmäßige Mord an mindestens hunderttausend geistig und körperlich Behinderten gesteuert. Als psychiatrische Einrichtung reicht die Tradition von Schloß Sonnenstein bis in das Jahr 1811 zurück. Seit einigen Jahren befaßt sich das „Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein“ mit der Einrichtung einer Erinnerungsstätte. Die Kellerräume sollen nicht rekonstruiert, wohl aber die verbliebenen Spuren herausgestellt werden, sagt der Historiker Boris Böhm, der die historische Aufarbeitung leitet. Ein Band über die Euthanasieverbrechen in Sachsen ist eben in zweiter Auflage erschienen.

Mitglieder der türkischen Sekte der Sabbatianer wollen offiziell als Juden anerkannt werden und nach Israel einwandern. In der Türkei leben heute etwa 60 000 Sabbatianer. Obwohl offiziell eine moslemische Sekte, werden sie von den Muslimen nicht als wahre Glaubensgenossen angesehen. Die jüdische Gemeinschaft dagegen betrachtet sie als Verräter. Untereinander sind die Sabbatianer wiederum in drei verschiedene Glaubensrichtungen aufgeteilt. Ihren Ursprung führen die Sabbatianer (türk. Dönme ,Konvertiten‘ genannt) auf Sabbatai Zwi (1626 in Smyrna geboren) zurück, der sich 1666 in Saloniki als Messias erklärte. 1683 trat er mit einer Gruppe von Juden zum Islam über. 1922/23 wurden die Dönme aus Saloniki in die Türkei umgesiedelt.

Für Verdienste um Versöhnung und Dialog wurden im Jahr 1997 u. a. ausgezeichnet:

  • der New Yorker Rabbiner James Rudin mit dem polnischen Preis für christlich-jüdische Versöhnung;
  • Henryk Muszynski, Erzbischof von Gnesen, Polen, mit dem Leopold-Lukas-Preis für seinen Beitrag zur polnisch-jüdischen und polnisch-israelischen Verständigung;
  • Hans Koschnik, früherer Bremer Bürgermeister und EU-Administrator in Mostar, mit der Buber-Rosenzweig-Medaille;
  • Bundespräsident Roman Herzog mit dem Internationalen Karlspreis im Rah-men eines Kulturprogramms der Bischöflichen Akademie Aachen;
  • Bundeskanzler Helmut Kohl mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland;
  • der deutsch-israelische Arbeitskreis Ettenheim mit der Hermann-Maas-Medaille;
  • Naftalie Bar-Giora Bamberger mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse für seine Forschungsarbeit über jüdische Friedhöfe;
  • Ruth Klüger, Germanistin und KZ-Überlebende, mit dem Heinrich-Heine-Ehrenpreis;
  • Cecile Bühlmann, Schweiz, Nationalrätin, mit dem Nanny-und-Erich-Fischhof-Preis für Menschlichkeit;
  • das „Institut für Deutsch-Türkische Integrationsforschung“ in Mannheim erhielt den Karl Kübel Preis 1997 für seine Initiativen im interreligiösen Dialog.

Jahrgang 5/1998 Seite 75



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