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Gertrud Luckner
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Berichte

Gertrud Luckner Realschule Rheinfelden

Gertrud Luckner hat uns ihren Namen gegeben,
Vorbild für uns alle soll nun sein ihr Leben.
Mit Zivilcourage und Energie hat sie sich eingesetzt,
für alle, an denen Menschenrechte wurden verletzt.

Wir alle wissen, daß in unserer Gegenwart
ist für Schwächere und Minderheiten vieles wieder hart.
Darum ist es wichtig, solcher Menschen zu gedenken,
die entschlossen waren, die Geschicke selbst zu lenken.

Aus dem Realschul-Rap von Frau Vath,
Gertrud Luckner Realschule Rheinfelden

Am 13. Juni 1997 gab sich die Realschule Rheinfelden aus Anlaß ihres 40jährigen Bestehens den Namen Gertrud Luckner Realschule Rheinfelden. Diese Namensfindung war das Ergebnis einer monatelangen Beratung, zu welcher auch Ernst Ludwig Ehrlich, Basel, zugezogen wurde. Junge Menschen brauchen ein Ideal. Man kam schließlich auf Gertrud Luckner, diese außergewöhnliche, uns zeitlich und räumlich doch so nahestehende Frau. Die Fenster der Festhalle waren geschmückt mit zwei Bildern von Gertrud Luckner: als junge, soeben promovierte Referentin des Deutschen Caritasverbandes 1938 (Bild oben), und einmal im Alter, gezeichnet von den ertragenen Leiden, aber auch von Weisheit, Liebenswürdigkeit, Entschlossenheit und Glaube.

Die entscheidende Wende im Leben Gertrud Luckners war die Nacht vom 9. zum 10. November 1938, als in Freiburg die Synagoge brannte. Anstatt in Entsetzen zu erstarren, fuhr sie die ganze Nacht und am nächsten Tag mit dem Fahrrad zu ihren jüdischen Freunden, um ihnen in der akuten Gefahr andere Wohnungen zu vermitteln. Von da an erstreckte sich ihre unermüdliche und unendlich einfallsreiche Hilfstätigkeit fast fünf Jahre lang über das ganze Reichsgebiet, besonders nach Berlin zu ihrem verehrten Lehrer Leo Baeck, bis sie schließlich am 24. März 1943 im Zug verhaftet und nach monatelangen strengen Verhören in das Konzentrationslager Ravensbrück eingeliefert wurde. Nachdem sie diese Qual — körperlich schwer geschädigt, aber geistig ungebrochen — überlebt hatte, gehörte sie bis zu ihrem Lebensende zu den qualifiziertesten Pionierinnen und Förderinnen des christlich-jüdischen Gesprächs, das sich zu vorher ungeahnten Horizonten öffnete. Diese Gedanken, im Festvortrag vom Unterzeichnenden vorgetragen, prägten die Festschrift mit einer ausgezeichneten, von Jenny Preissner, einer 15jährigen Schülerin, redigierten Biographie der Namensgeberin und durchzogen alle Beiträge und Darbietungen, bis hin zu einem modernen Text, entworfen von einer Lehrerin und eindrucksvoll dargeboten vom Realschul-Rap. Anwesend war auch eine Delegation der Freiburger Gertrud Luckner Gewerbeschule, welche sich schon 1987 als erste Schule den Namen der ungewöhnlichen Freiburger Bürgerin gegeben hatte.

In Gertrud Luckner hat die Schule einen Namen gefunden, der, wie es in der Festschrift heißt, „unserer Jugend zeigen kann, wie auch in diesem Jahrhundert ein Leben, orientiert an einer festgegründeten Gewissensüberzeugung, gegen alle Trends der Zeit, aktiv gestaltet werden kann“.

Georg Hüssler

Jüdisch-christliches Gespräch an der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz, 23. bis 29. Juni 1997

Entsprechend den Vorbereitungsarbeiten sollte das Thema „christlich-jüdische Beziehungen“ in den Themenbereich „Dialog mit den Religionen und Kulturen“ einbezogen werden. Erst auf Interventionen des österreichischen Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, von Theologen europaweit unterstützt, wurde ein eigenes Dialogforum eingerichtet. Verantwortlich für die Vorarbeit zeichnete eine Abteilung des Weltkirchenrats in Genf unter der Leitung von Hans Ucko und Carlo Kardinal Martini, Erzbischof von Mailand. Das Arbeitsdokument behandelt das Thema in zwei Abschnitten. Abschnitt (A15), das öffentliche Schuldbekenntnis, ist nach Ansicht des österreichischen Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit „stark verallgemeinert worden. Bezüge zu einer direkten Schuld der Kirchen wurden gestrichen. Christen werden allein dort erwähnt, wo es um die Rettung einzelner Juden geht“. In Abschnitt (B13) „Verhältnis zum Judentum“ konnten, dank einer erneuten Überarbeitung, auch grundlegende theologische Aussagen zu den Beziehungen von Judentum und Christentum eingebracht werden.

(Aus Dialog, christlich-jüdische Informationen, Juli 1997,16 f.)

Christen und Juden (Arbeitsdokument A15)

Wir haben eine lange Geschichte der Schuld gegenüber dem jüdischen Volk. Obwohl Jesus aus dem jüdischen Volk kam, nach dem Fleisch, und obwohl unser Glaube ohne den Glauben des Bundesvolkes undenkbar ist, wird unsere Kultur bis heute von tiefen Spuren des Antisemitismus bestimmt. Durch die Jahrhunderte wurden die Juden in vielen Teilen des „christlichen“ Europa verfolgt. Beispiele dafür reichen bis in die frühchristliche Zeit zurück und tauchen wieder in den Verfolgungen des Mittelalters auf. Besonders in unserem Jahrhundert war Europa Zeuge der unglaublichen Tragödie der Schoa. In Dankbarkeit erinnern wir uns der Christen, die unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden vor dem Tod bewahrt haben. Trotzdem flammt der Antisemitismus immer wieder auf.

Verhältnis zum Judentum (Arbeitsdokument B13)

Jesus, den wir als Christus bekennen, ist als Jude geboren. Als Mensch war er gläubiger Jude. Durch Christus wurde für uns der Gott Israels offenbart, der seinem Volk die Bundestreue nie aufgekündigt hat. Wir haben teil an demselben Wort Gottes im Ersten Testament, am Glauben an den Gott, der uns zu seinem Ebenbild geschaffen hat und aus der Sklaverei und Unterdrückung befreit. Das gemeinsame Gebet der Psalmen und die Worte der Propheten haben uns als Christen geistlich geprägt. Dies alles erklärt, daß das Christentum im Judentum verwurzelt ist (Röm 11,17 f.). Unsere Beziehung zum Judentum ist im Hinblick auf das Verhältnis zu anderen religiösen Traditionen unverwechselbar.

Die europäische Kultur verdankt dem jüdischen Erbe einen entscheidenden Beitrag in so vielen Bereichen, daß wir sie im einzelnen nicht benennen können. Das Verbrechen der Ermordung und Vertreibung des größten Teils der europäischen Jüdinnen und Juden ist ein Verlust, den die europäische Kultur nie mehr wieder wird ausgleichen können. Die Schuld daran liegt in besonderer Weise bei dem menschenverachtenden Regime des Nationalsozialismus, das den Versuch unternommen hat, das Judentum in Europa vollkommen auszurotten, und bei Deutschen und Österreichern und anderen, insoweit sie dieses Regime mitgetragen und keinen ausreichenden Widerstand geleistet haben. Auch einige Kirchen haben versagt. Wir müssen mit Scham bekennen, daß Judenfeindschaft in ganz Europa verbreitet war und immer wieder ausbricht. Der rassistische und sozialdarwinistische Antisemitismus, der seit dem 19. Jahrhundert sogar im Gewand aufgeklärter Wissenschaft auftrat, konnte sich außerdem auf eine lange antijüdische Tradition innerhalb des Christenturns berufen, die bis in seine Anfänge zurückreicht. Sie hat weder alle Teile der Christenheit noch alle Phasen der Christentumsgeschichte geprägt. Es gab und gibt Beispiele für ein anderes Verhältnis zum Judentum. Trotzdem bleibt die Schuld bedrückend groß.

Wir sind dankbar, daß sich die Auseinandersetzung von Christen und Kirchen mit dem Judentum verstärkt hat und daß dadurch eine Neuorientierung theologischer Lehre und kirchlicher Praxis beginnt. Eine Vielzahl jüngerer kirchlicher Dokumente belegt dies. Dankbar sind wir auch, daß die Zahl jüdischer Gemeinden in vielen Ländern Europas wächst, daß Christen wieder die Möglichkeit haben, mit Juden zusammenzuleben und ihr gemeinsames Erbe zu entdecken und zu verstehen.

Stellungnahme zur Ansprache Johannes Paul II. vor der Vollversammlung der Päpstlichen Bibelkommission

Ernst Ludwig Ehrlich, Generalsekretär der christlich-jüdischen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz, kommentiert die Ansprache vom 11. April 1997 aus jüdischer Sicht (vgl. FrRu 4/1997, 269-272).

Die Ansprache des Papstes ist von großer Bedeutung, weil seine Ausführungen die Beziehungen von Juden und Christen einmal mehr klarstellen. Es hat ja bekanntlich in der Geschichte der Kirche keinen anderen Papst gegeben, der sich derart tiefgehend und ausführlich über dieses Problem geäußert hat. Es geht um die Bestimmung der eigenen christlichen Identität, und diese ist nicht ohne die Erhellung der Beziehungen zwischen Christen und Juden möglich.

Die Kirche war allzu oft versucht, das Neue Testament vom Alten zu trennen. Der Papst meint, daß vor allem Unwissenheit schuld sei, wenn behauptet wird, die Christen hätten mit den Juden nichts gemeinsam. Der Papst weiß um die jahrhundertealten Vorurteile und um den tiefen Graben, der zwischen Juden und Christen bestand und der erst durch das Zweite Vatikanische Konzil langsam aufgefüllt wird. Der Papst weiß auch um die frühen Spannungen zwischen den urchristlichen Gemeinden und jüdischen Gruppen. Heute geht es jedoch darum, daß solche schmerzlichen Erinnerungen durch die von Christus gebotene Nächstenliebe überwunden werden. Die exegetische Arbeit der Päpstlichen Bibelkommission soll die Spannungen zwischen Juden und Christen verringern und Mißverständnisse ausräumen. Der Papst weiß, daß es sich hier um schwierige Aspekte und empfindliche Punkte handelt. Gleichzeitig berechtigt eine sorgfältige Exegese jedoch zu großen Hoffnungen. Läßt man diese Erklärung voll und ganz auf sich wirken, so erkennt man die Tiefe dieser Gedanken, und man kann sich wohl fragen, warum bei dieser Vollversammlung der Päpstlichen Bibelkommission es dem Papst am Herzen lag, gerade dieses Problem der Verwurzelung Jesu im Judentum hervorzuheben und ebenfalls die Bedeutung der hebräischen Bibel für die Kirche. Offenbar muß er den Eindruck gewonnen haben, daß die vatikanische Erklärung „Nostra aetate“ sowie die ihr folgenden Verlautbarungen noch nicht ausreichend an die Basis gelangt sind. Die Ansprache hatte offenbar den Sinn, all das noch einmal zu begründen und zu bestärken, was heute kirchliche Lehre ist, nämlich die Abweisung von jeder Form des Antijudaismus durch falsche und oberflächliche Exegese. Daher hat sie eine nicht zu überschätzende Bedeutung für das Verhältnis von Juden und Christen heute, denn eine tragfähige Grundlage kann nur erfolgen, wenn die Theologie nicht weiterhin durch jahrhundertealte Vorurteile belastet wird. Diese Ansprache des Papstes sollte nicht nur in die wissenschaftliche Arbeit eingehen, sondern auch in die Predigt und in die Katechese.

„Juden, Christen und Muslime brauchen eine Post-Holocaust-Theologie“

Vom 20. bis 22. Juni 1997 fand im Christlichen Bildungswerk „Die Hegge“, Willebadessen, unter dem Titel „Erlösung und Erlöser“ die 25. Tagung zur christlich-jüdischen Begegnung statt. Wir bringen eine Zusammenfassung der Beiträge von Emil Fackenheim und Eveline Goodman-Thau.

„Erfahrungen sind bald vorbei, aber die Tatsache, daß Auschwitz geschehen konnte, ist immer noch nicht verarbeitet.“ Mit diesen Worten forderte Fackenheim eine Trennung von Erfahrung und Denken und rief dazu auf, daß auch nach dem Tod der letzten Überlebenden aus Konzentrationslagern — zumindest für die Theologie — Auschwitz unvergeßlich bleiben muß. Fackenheim stellte dazu Anfragen an die Geschichte Gottes mit den Menschen. Da durch den Nationalsozialismus erstmals in der Geschichte Juden aufgrund ihrer Geburt gänzlich vernichtet werden sollten, stellt sich für ihn die Frage: „War es vielleicht falsch von Abraham, daß er die Zusage Gottes nach Leben und Segen annahm, wenn doch alles in Tod und Fluch in Auschwitz münden sollte? Hätte er nicht besser in Haran bleiben sollen?“ Ohne Schuldzuweisungen oder Überheblichkeit wandte sich Fackenheim an christliche Theologen und an die Kirchen, die bisher die gewaltige Dimension dieser Frage — auch im Hinblick auf das Leben und die Botschaft des Juden Jesus von Nazaret — nur in Ansätzen verstanden hätten. In diesem Zusammenhang zitierte er Dietrich Bonhoeffer, der bereits 1940 die Bedeutung der Judenvernichtung für die christliche Theologie erkannt hatte: „Für Christen ist die Austreibung der Juden die Austreibung Christi, denn Jesus ist ein Jude.“ Mit dem Appell, den Gott Abrahams und Auschwitz nicht zu verbilligen, forderte Fackenheim jüdische und christliche Theologen auf, gemeinsam den Bruch in der jüdischen, christlichen und deutschen Geschichte zu verarbeiten, „damit die Hoffnung nicht ein zweites Mal stirbt“.

Neben Fackenheim entwickelte Eveline Goodman-Thau Grundzüge des jüdischen Gebets um Erlösung: „Der jetzige Zustand der Welt ist ein Provisorium, aber das tägliche Gebet erneuert die Schöpfung.“ Allein die Tatsache, daß Menschen beten, erlaube es Gott, in die Geschichte einzugreifen. Mit Beispielen aus der rabbinischen Gebetstradition machte Goodman-Thau deutlich, daß die Heils- und Profangeschichte im Judentum nicht künstlich getrennt wird.

Yaacov Ben-Chanan beleuchtete die Gestalt Jesu aus jüdischer Sicht. Dabei wurde eindrucksvoll vor Augen geführt, wie stark Jesus von Nazaret im Kontext der damaligen Welt jüdisch dachte und lebte. In drei Gedankengängen benannte Ben-Chanan dann allerdings auch sein jüdisches „Nein“ zu Jesus, das er mit der Radikalisierung der Ethik, der (zumindest überlieferten) Vernachlässigung der Halacha und dem Selbstverständnis Jesu als dem Lehrer begründete. Im Hinblick auf die bleibenden gemeinsamen Wurzeln stellte Ben-Chanan zur Diskussion, wie es sei, wenn Christen anfingen, über eine Heimholung der Halacha ins Christentum nachzudenken. „Es würde ihr Schade nicht sein, und jüdisch brauchte deshalb kein Christ zu werden.“

Michael Gennert

Der Zwölfte „World Congress of Jewish Studies“

Der Weltkongreß findet alle vier Jahre an der Hebräischen Universität in Jerusalem statt. Der diesjährige Kongreß mit über 1200 Vorträgen tagte vom 25. Juli bis 5. August 1997. Ein Bericht von Hans A. Rapp

Thematisch stammten die Beiträge aus den verschiedensten Disziplinen und waren jeweils in fünf Bereiche gegliedert: Bibelwissenschaften, jüdische Geschichte, Geistesgeschichte, Sprache, Literatur und Kunst sowie jüdische Gesellschaft der Gegenwart. Ein großer Teil dieser Vorträge erörterte historische Fragen des Verhältnisses zwischen Juden und Christen. Gideon Bohak befaßte sich mit dem vorchristlichen, heidnischen Antisemitismus. Dieses Phänomen darf nach seiner Meinung nicht überschätzt werden: Gemessen an den großen Völkern des fruchtbaren Halbmondes wurden die Juden durch die griechischen Schriftsteller des Hellenismus nur wenig beachtet. Sowohl die negativen als auch die positiven Vorurteile ihnen gegenüber müssen in vorchristlicher Zeit im Zusammenhang mit den Vorurteilen der Griechen und Römer allen Orientalen gegenüber, namentlich den Ägyptern, Phöniziern oder Babyloniern, gesehen werden. Erst im Zusammenhang mit der Polemik des Heidentums gegenüber dem Christentum wurden diese Vorurteile vermehrt auf die Juden angewandt. Dementsprechend wurden Texte, die sich mit dem Judentum befaßten, in dieser Zeit viel besser tradiert als vergleichbare Abschnitte zu anderen Völkern des Vorderen Orients. Helmut Castritius sprach über die Bedeutung des Judentums in der späten Antike. Er stellte eine Verbindung zwischen den auch aus dem Neuen Testament bekannten „Gottesfürchtigen“ und den vor allem in Nordafrika bekannten Caelicolae, den „Himmels fürchtigen“, her. Die scharfen Maßnahmen im Codex Theodosianus sowie später im Codex Justinianus deuten darauf hin, daß es sich hier nicht um heidnische „judaisierer“ handelt, sondern um Christen, die zu einer Konversion zum Judentum tendierten.

Innerhalb des Forums „Juden und Christen in der frühen Neuzeit“ widmete sich Shalom Goldman den christlichen Hebraistinnen Europas zwischen 1600 und 1800. Diese Frauen waren in Netzwerke integriert, die das Studium des Hebräischen fördern sollten. Maria Diemling beschäftigte sich mit dem Frauenbild in den Schriften des jüdischen Konvertiten Victor von Carben (1423-1515). Einerseits war dieser nachmalige Priester bemüht, gegenüber den — nach seiner Auffassung benachteiligten — jüdischen Frauen die bevorzugte Stellung der Christinnen zu betonen. Andererseits beschrieb er den besonderen religiösen Fanatismus jüdischer Frauen. Die Historiographie der Vertreibung der Juden aus Regensburg (1519) stand im Zentrum der Ausführungen von Elisheva Carlebach. Die christlichen Quellen beschreiben die wachsenden Spannungen zwischen den Juden und Christen als Vorgeschichte dieser Vertreibung. Das Interregnum wird als unmittelbare Ursache gesehen, da die Juden hier den kaiserlichen Schutz verloren. Demgegenüber sehen jüdische Konvertiten in den internen Spannungen der jüdischen Gemeinde zwischen den etablierten Alteingesessenen und den benachteiligten Zuzüglern den Grund für die Vertreibung. Wieder anders interpretiert der zeitgenössische jüdische Chronist Josel von Rosheim in seinem Sefer ha-miknah die Ereignisse. Aus seiner Sicht sind die jüdischen Konvertiten die unmittelbar Schuldigen. Carlebach führt diese jüdische Interpretation darauf zurück, daß im Fall Regensburg der Mythos vom judenfreundlichen Kaiser nicht mehr aufrechterhalten werden konnte und der jüdische Historiker andere Schuldige finden mußte. Ada Rapoport-Albert stellte die Frage, ob sich die osteuropäischen Juden vor dem 19. Jahrhundert überhaupt als Minderheit verstanden. Eine Untersuchung des hebräischen Begriffs ‘ôlam (Welt) in osteuropäischen jüdischen Quellen weist darauf hin, daß damit ausschließlich die jeweils ortsansässigen Juden gemeint sind. Welt bedeutet jüdische Welt. Ein Begriff für eine Kultur, in der die Juden die Minderheit ausmachen, existiert hier nicht. Diese Tendenz ist in den Kreisen der Chassidim auch heute noch zu beobachten.

Das einzige Referat zu christlich-theologischen Fragen des Verhältnisses zwischen Juden und Christen hielt Ursula Rudnik. Sie untersuchte die Entwicklung der fünf Hauptpunkte der Studien zu ,Kirche und Israel‘, die im Auftrag der EKD 1975 und 1991 veröffentlicht wurden: das Schuldbekenntnis, die Ablehnung des Antisemitismus, die untrennbare Verbindung von Kirche und Israel, die bleibende Erwählung Israels und die Haltung gegenüber dem Staat Israel.

  

Toraschrein aus einem Mosaik in Khirbet
Samara. Der um eine Säule geschlungene
Vorhang soll deutlich machen, daß keine
Anspielung auf den Dewir im Tempel
beabsichtigt ist.

Ein umfangreicher Schwerpunkt des Kongreßprogrammes waren die über dreißig Beiträge zur Erforschung und Verarbeitung der Schoa. Am deutlichsten fühlbar wurden die Schmerzen dieses Themas im Referat von Yosefa Loshitzky über die filmische Thematisierung des Holocaust durch Künstler der sogenannten ,zweiten Generation‘. Am Beispiel des Dokumentarfilms „‘al tig‘û lî baschô‘a“ („Berührt mir nicht die Schoa“) des israelischen Regisseurs Asher Tlalim wurde die Kluft zwischen den Generationen in Israel besonders deutlich. Er beschreibt das Leiden der Nachkommen am Leiden ihrer Eltern. Gezielt werden hier Tabus verletzt, um das Gespräch über dieses vererbte Leiden zu ermöglichen. Mit der Literatur dieser zweiten Generation befaßte sich Rachel Feldhag Brenner. Am Beispiel von David Grossman („Stichwort: Liebe“) und Michal Govrin („Der Name“) legte sie das Ringen der Kinder mit dem Schweigen ihrer Eltern dar. Während jedoch Grossman eine Vision der Reparatur der zerstörten Sprache durch das Erzählen entwirft, sieht die Protagonistin Govrins keinen Ausweg mehr. Der Ort der Tora im Schrein hinter dem Vorhang ist leer, der Ort Gottes ist damit nach der Schoa verwaist.


Jahrgang 5/1998 Seite 67



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