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Perkal, Max

Schön war draußen

Aufzeichnungen eines 19jährigen Juden aus dem Jahre 1945. Outside was beautiful ... The notebooks of a 19-year-old Jew written in 1945. Chronos-Verlag, Zürich/The Menard Press, London 1995. 144 Seiten.

Nicht nur die Tatsachen in diesen Aufzeichnungen schnüren einem beim Lesen die Kehle zu, sondern auch die Ahnung der ungeheuren Kräfte, die es für so eine empfindliche poetische Seele brauchte, zweieinviertel Jahre in den KZ Birkenau, Auschwitz und Buchenwald zu überleben. Und diese Seele gehört nicht einem abgeklärten, lebenserfahrenen Mann, sondern einem 17jährigen: Max Perkal, einem von vier Kindern einer jüdischen Familie, einer innig verbundenen und aufgeschlossenen, in einer kleinen polnischen (heute weißrussischen) Stadt. Die Familie wird nach Birkenau deportiert — der jüngste Bruder ist knapp ein Jahr alt — und gleich nach der Ankunft vergast, bis auf Max. Er ist groß und stark und gibt sein Alter mit 19 statt mit 17 Jahren an und wird als arbeitsfähig eingestuft. Die Arbeit besteht aus Leichen transportieren aus dem „Baderaum“ in die Krematorien, Kleider und andere Habseligkeiten der Ermordeten sortieren, etc. Diese Tätigkeiten sind uns nachgerade bekannt, die Leiden auch. Erschießungen, Totprügeln, Hunger, Durst, Kälte, aber auch die immer wieder enttäuschte Hoffnung auf die Alliierten und die schließliche Befreiung. Eine ganz besonders perverse Form der Tortur war „Sport machen“. In Verhöhnung des Spruches mens sana in corpore sano ließen die Herrenmenschen ihre Sklaven so lange unsinnige Turnübungen machen, bis der Geist ebenso krank war wie der ausgemergelte Körper. Im Bericht Max Perkals klingt sogar noch im Schweizer Auffanglager nach der Befreiung das Grauen dieses Sportes nach.

All das stellt heute keine Sensation mehr dar, wir haben es zigmal gelesen, wenn auch jedesmal mit dem gleichen Verstehensdefizit und der beinahe Unmöglichkeit, das alles als tatsächlich geschehen hinzunehmen. Was aber außerordentlich an diesen Aufzeichnungen ist und deren absolut einmaligen Wert ausmacht, ist der Reichtum und der inspirierte Gestus der Sprache. Sie wirkt unmittelbar, scheint fast unbewußt aus dem nunmehr 19jährigen polnisch/jiddischen Jungen herauszuströmen, der nach der Befreiung mit einem Rotkreuztransport in einem Schweizer Heim für KZ-Kinder für ein paar wenige Wochen Aufnahme findet. Dort kümmert sich die Leiterin, Charlotte Weber, mütterlich zart und unaufdringlich gescheit um die verstörten Kinder. Es lohnt sich, Charlotte Webers Buch zu lesen. (Charlotte Weber, Gegen den Strom der Finsternis. Als Betreuerin in Schweizer Flüchtlingsheimen 1942-1945. Chronos-Verlag, Zürich.) Ihr übergibt Max vor der Auflösung des Heims und seiner Übersiedlung nach Zürich drei blaue Schulhefte, in sorgfältiger lateinischer Schrift in einem Deutsch aus seinem angestammten Jiddisch und dem Deutsch der KZ, ad hoc während des Schreibens erfunden. Auffallend ist, wie schnell sein Deutsch von Seite zu Seite besser wird, weil er sich das Gehörte sofort zu eigen macht. Charlotte Weber ist erschüttert und fasziniert von der Sprache, die der Junge ja erst erfinden mußte, um sich der wiedergefundenen Welt überhaupt verständlich zu machen und seinen im KZ gefaßten Vorsatz, mitzuteilen, ausführen zu können.

Doch ist nicht nur diese Sprach(er)findung an sich schon bewundernswert, sondern auch die Gabe, das Unsagbare zu sagen, Bilder zu finden, die den Leser unmittelbar berühren. Er bringt es fertig, daß wir seine Liebe zu den Eltern, den Geschwistern, allen Ermordeten und auch seinen unbändigen Lebenswillen so intuitiv erfahren, als ginge es um unser eigenes Leben.

„Und dan bin ich noch so lange gestanden inaufschauendig zum Himmel, zu die Sterne und habe bewundert die schöne von der Nacht. Und jetzt genau so wie immer, wann ich war nehe zum Tod, hat mir ein schrecklicher Lebenslust beherrscht. Nein, ich wil nicht sterben. Ich muß leben, ich muß ... Und jetzt in dem Moment, wan der Hitlerism zu Grunde geht, in dem Moment, wo viele Völker sind schon frei geworden von den Nazi Regiem, müssen wir umkommen. Nein und nochmal nein, ich will noch Leben. Wie schrecklich das ist, hier ums Leben zu kommen, von ein S.S. Mann erschossen zu werden und unten bei der Straße im Schnee eruntergeschmiesen zu werden.“

Am erstaunlichsten ist aber die ingenuine Poesie. Nichts ist da an den Haaren herbeigezogen, alles ist spontan und echt. Woher nimmt ein Junge von 19 Jahren die dichterische Ausdruckskraft, die Liebe und Güte seines Herzens ohne Umschweife in unseren zum Klingen zu bringen? Nie kommt er auch nur in die Nähe zu sentimentalem Kitsch.

„Und so stehendig alle drei, haltendig sich an den Rand von Wagong, daß wir nicht umkippen sollen, hat einer dan von uns gesagt. Schau wie schön ist draußen, schaut mal, wie schön der Schnee blanckt unter die Sonnenstrahlen. Werden wir noch wan betreten lebenderheid diesen Boden? Werden wir noch mit unsere Kreften von diese Wagongs aussteigen, oder wird man uns inuntertragen in dem aussehen von Leichen?“

Die schrecklichen Geschehnisse berichtet er ohne Verbrämung, als eben das, was sie sind, menschenverachtende Verbrechen. Da ist dann nichts Dichterisches, nur noch Bericht. Und es gibt einen großen Unterschied zwischen Max Perkal und den meisten anderen Überlebenden: Nie, gar nie fragt sich Max, warum er noch lebt und die anderen sterben müssen; er fühlt nie die oft erwähnten eigenen Schuldgefühle gegenüber den als wertvoller empfundenen zerstörten Leben. Er will sein Leben leben, auf das er Anspruch hat. Dieser elementare Lebenswille, doch nie auf Kosten anderer, macht die Aufzeichnungen so faszinierend; nichts ist angekränkelt oder durch die grauenvollen Erlebnisse verkrüppelt worden, sie fließen aus dem reichen Schatz des Erbes von vielen Generationen des Volkes des Buches. Die Erinnerung läßt ihn nie im Stich, die Bösartigkeit der Kapos, die Quälereien, Schmerzen, Angst, aber auch die Liebe und Dankbarkeit für die Hilfe von Kameraden, seine eigenen damaligen Gedanken und Gefühle, der Wunsch nach Rache, sollte er überleben, alles ist frisch im Gedächtnis geblieben. Die Rache will er allerdings jetzt nach der tatsächlichen Befreiung nicht mehr. Aus diesen blauen Schulheften tritt uns ein Hochbegabter und sehr Ehrlicher entgegen.

Über 40 Jahre lagen diese Hefte unveröffentlicht bei Charlotte Weber. Es fand sich kein Verleger dafür, das Publikum wollte nicht erinnert werden, weder die aktiv noch passiv an den Schandtaten Beteiligten, noch die Verschonten und Geretteten. Es war bequemer, das „Dossier zu schließen“. Den Büchern Primo Levis oder Imre Kertész‘ ging es ebenso. Doch das Erinnern läßt sich nicht beherrschen. Den sehr kurzen Aufzeichnungen Max Perkals (57 Seiten) folgt ein knapper Bericht von Charlotte Weber und ein längerer „Brief“ des Zürcher Psychiaters Aron Ronald Bodenheimer sowie vier Fotos der ersten vier Seiten der blauen Schulhefte, die in der kräftigen, bestimmten Schrift viel von der Vitalität und Ordnung dieses Jungen erkennen lassen. Auf Wunsch des Verfassers wurden die Aufzeichnungen ins Englische übersetzt, so daß sie seine Kinder in den USA und in Israel lesen können. Uns bleibt nur die aufrichtigste Dankbarkeit für dieses Buchgeschenk, das wie ein Stück strahlender blauer Himmel in düsterem Gewittergewölk wirkt.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 5/1998 Seite 59



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