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Lifschitz, Daniel

Auf drei Säulen ruht die Welt

Lebenswissen der Chassidim. Herder, Freiburg 1996. 72 Seiten.

Ein faszinierender Bildband liegt vor: Liebevoll sind Worte und Bilder einander zugeordnet, laden ein zu Meditation und Besinnung. Beeindruckend diese Komposition: die tiefgründigen Pastellzeichnungen des in Palermo lebenden Schweizers Daniel Lifschitz (geboren 1937 in Bern als Jude, konvertierte er später zum katholischen Glauben), daneben die sorgfältige Auswahl alter jüdischer Weisheitsgeschichten. Bild und Wort kontrastierend und zugleich korrespondierend: Hier öffnen sich Pforten einer Welt, die längst untergegangen ist. Ein Hauch Wehmut zieht durch die Bilder. Das Farbenspiel zieht in seinen Bann, weil in jedes Bild gleichsam ein Lichtstrahl an Hoffnung fällt — das im Judentum wichtige Symbol des Lichtes fängt das Atmosphärische wunderbar ein, läßt Versunkenes neu erstehen. Lifschitz spielt mit diesem Licht-Einfall. In diesem Licht werden Menschen verwandelt, werden sie Chassidim, von Weisheit und Torafrömmigkeit ergriffen und zu Taten der Liebe angeleitet.

Lifschitz selbst scheint in diesen Lichtkreis hineingezogen, seine Biographie zeigt es: die Jahre in Israel, in Indien und dann auf Patmos, der Insel des Lichts, wo er schließlich zum Pinsel greift. Die bewußt eng gefaßte Palette der Farbtöne lädt den Betrachter ein, sich ins Wesentliche des Chassidismus zu vertiefen. Viele Bilder dieses Bandes wirken wie mit Weitwinkelobjektiv eingefangen, die aussagekräftige Mitte sticht hervor, zu den Rändern hin verfließen die wenigen zarten Farben. Daniel Lifschitz malt mit der Seele. Dazu die Geschichten. Lifschitz schöpft aus einem tiefen Wissen um die Zusammenhänge der Welt und des Lebens, aus Weisheit, die weniger aus dem Denken und Philosophieren, als aus reflektierter Lebenserfahrung gewonnen wird. Wie Perlen auf einer Schnur sind die Geschichten aneinandergefügt: Da geht es um die Liebe zur Tora, um den Schabbat und den Vorgeschmack der Erlösung, um das Beten und Lernen, die Taten der Liebe, um den Messias und die Zionssehnsucht. „Rabbi Nachman von Bratzlav sagte: Andere glauben, das Erzählen von Geschichten fördere das Einschlafen; ich hingegen glaube, das Erzählen von Geschichten ist hilfreich, um Menschen aufzuwecken“ (52).

Chassidim hat es zu allen Zeiten gegeben. Schon die biblischen Psalmen erzählen von denen, die chesed üben, mehr geben, als von ihnen verlangt und erwartet wird. Am berühmtesten wurde der Chassidismus zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Podolien (Ukraine) und Ostgalizien nach den Judenpogromen unter Chmielnicki. Die mystische Bewegung der mittelalterlichen Kabbala wird aus ihrer Esoterik befreit und popularisiert.

Das Buch von Daniel Lifschitz läßt etwas spüren von der Ausstrahlung der chassidischen Bewegung. Nur am Rande sei kritisch auf einige Punkte hingewiesen. Da erscheint zunächst der Untertitel des Buches etwas irreführend: Den Chassidim geht es weniger um Wissen als um reflektierte Lebensweisheit, worauf Lifschitz selbst in seiner Einführung hinweist (7). „Die Sucht nach Wissen ist ein Götze“, sagt der Baal Schem Tow (18). In einer weiteren Auflage des Buches sollten das Glossar überarbeitet und um einige wichtige Begriffe und Namen ergänzt, Fehler korrigiert werden (es gibt keinen palästinensischen Talmud, das Tetragramm sollte man nicht ausschreiben, und Erez Jisrael ist immer noch Terminus technicus). Zudem wäre ein Quellenverzeichnis wünschenswert. Im Vorwort (6) muß es natürlich Westmauer und nicht Ostmauer heißen, und es fragt sich, ob in einem Buch über jüdische Lebensweisheit Bezug genommen werden muß auf neutestamentliche Stellen. Dem Anliegen des Buches wird dadurch jedoch in keinster Weise Abbruch getan: den betrachtenden Leser einzuladen in eine faszinierende Welt, ihm Zugang zu einem Schatz zu erschließen, der allen Menschen Wegweisung geben kann. Die Lehre der Chassidim läuft auf eins hinaus: Werde der, zu dem Gott dich bestimmt hat! Sieh zu, daß du auf die Frage der Fragen die Antwort nicht schuldig bleibst durch ein verfehltes Leben. Und vor allem: Trage durch dein Handeln zur Erlösung der Schöpfung bei.

Dieter Krabbe


Jahrgang 5/1998 Seite 54



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