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Kulisiewicz, Aleksander

Adresse: Sachsenhausen

Literarische Momentaufnahmen aus dem KZ. Herausgegeben von Claudia Westermann. Aus dem Polnischen von Bettina Eberspächer. Bleicher Verlag, Gerlingen 1997. 183 Seiten.

Den Schwindsüchtigen

Ihr geht auf eine lange Reise ...
Da stehen schon Autos, da stehen schon Wachen —
es ist doch so nah: kaum 300 Meter.
Schornsteine spinnen fetten Rauch —
das  K r e m a t o r i u m.

Noch seid ihr am Leben,
aber seid euch im klaren,
so genau wie möglich,
in vierzig Minuten werdet —
ihr  g e b r a t e n.

Hier wurde nicht über das KZ gedichtet, sondern darin! Da steht in knappen Worten, daß im Februar 1945 4000 Häftlinge in Sachsenhausen liquidiert wurden. Den Vorwand für die Aktion gab der Verdacht auf Tbc — daher „den Schwindsüchtigen“. Einer der zum Tod Verurteilten bat den Autor jenseits des Zaunes, ihm noch ein paar Worte als Begleitung in den Tod mitzugeben. Aleksander Kulisiewicz diktierte dem jungen Polen Leszek Komornicki das Gedicht — und behielt es für den Rest seines Lebens im Gedächtnis.

Adresse: Sachsenhausen enthält eine Auswahl solcher Gedichte. 1939 wegen eines pazifistischen Appells in einer polnischen Zeitschrift (vor der Zeit des Krieges) verhaftet, blieb Aleksander Kulisiewicz bis Mai 1945 in KZ-Haft. Dem Programm der Vernichtung der Häftlinge durch Arbeit stellte er in einem Akt der Selbstbehauptung seine künstlerische Produktion gegenüber. Er textete Lieder und Gedichte, die bei geheimen Versammlungen im Lager auch vorgetragen werden konnten. In seinem ungewöhnlich guten Gedächtnis behielt er nicht nur die eigenen Texte, sondern ließ sich auch Gedichte von Freunden diktieren. In diesem Bewahren des Zeugnisses — des eigenen und des fremden — fand er den Antrieb, für sein Überleben zu kämpfen. Nach der Befreiung diktierte er in wenigen Wochen 716 Seiten aus dem Gedächtnis! Kulisiewicz wird dadurch zu einem realen Vorläufer des „letzten Juden“ in Yoram Kaniuks großem Roman, der die Gesamtheit jüdischen Lebens und jüdischer Kultur in der Erinnerung speicherte.

Die hier vorgelegte Auswahl der Gedichte wurde — mit den Kommentaren — 1965 erstmals in polnischer Sprache vorgelegt. Auf sieben Lieder wurde in der deutschen Übersetzung verzichtet, dafür „Autobiographische Fragmente“ aufgenommen — die gekürzte Fassung einer Autobiographie von 1977. Claudia Westermann ergänzt die Hintergrundinformationen von Kommentaren und Biographie, z. B. durch eine anschauliche Darstellung der Situation und der Funktion des Schreibens im KZ Sachsenhausen. So ist eine wohlüberlegte, runde Ausgabe entstanden, die zusätzlich bereichert wird durch passende Illustrationen. Man vermißt lediglich ein wenig Information über Bilder und Künstler. Dieses kleine Desiderat ändert aber nichts an der Gesamteinschätzung des Buches: Es enthält eine äußerst beeindruckende Sammlung authentischer Texte mit ihren Entstehungsumständen. Diese Texte sollte man kennen, wenn man sich seiner Geschichte stellen will. Für diejenigen, die solche Kenntnisse an junge Menschen weitergeben wollen, können die Gedichte sehr nützlich sein.

Horst Gorbauch


Jahrgang 5/1998 Seite 52



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