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Koelle, Lydia

Paul Celans pneumatisches Judentum

Gott-Rede und menschliche Existenz nach der Schoa. Reihe Theologie und Literatur Bd. 7. Herausgegeben von Karl-Josef Kuschel. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1997. 440 Seiten.

Die theologische Begegnung mit dem jüdischen Dichter Paul Celan führt fast zwangsläufig zur Theodizeefrage und zum Problem des Gottesverständnisses nach Auschwitz, denn die Vernichtung der Juden durch die Nazis ist das historische Datum, von dem Celans Dichtung sich herschreibt und das sie angesichts des Unfaßbaren oft nur stammeln und lallen läßt.

Aus dem Werk des Dichters soll, so Lydia Koelle, nicht einfach eine theologische Theorie herausdestilliert werden, aber die Traditionen sind zu benennen, in denen Celan im Wieder- und Gegenlesen der religiösen Überlieferungen von Judentum und Christentum seinen geistigen Standpunkt bestimmt.

Paul Celan hat seine Gedichte einmal als Geschenke an die Aufmerksamen bezeichnet. Sie sind ein verzweifeltes Gespräch, ausgerichtet auf einen ebenso realen wie utopischen Gesprächspartner. Diese Ambivalenz von Realem und Utopischem, Immanentem und Transzendentem, stellt die Autorin bei Celan häufig fest, etwa in dessen Rede von letzter Dinglichkeit, eine Formulierung, die an die theologische Lehre von den letzten Dingen erinnert und dabei dem sinnlich-Realen verbunden bleibt. Oder ganz zentral in dem Motiv des Atems: Atem als elementarer Ausdruck des Kreatürlichen und zugleich als Medium des Geistes, wie das hebräische ruah und auf andere Weise das griechische pneuma nahelegen. Der Begriff pneumatisch charakterisiert für die Autorin am besten, wie Celans individuelles Jüdischsein zu verstehen ist. In Celans Werk wird Jüdisches zwar auch thematisch behandelt, es kommen Motive und Topoi der jüdischen Tradition vor; entscheidend aber ist, daß sein Judesein sich gleichsam als etwas geistig und sinnlich Existentielles vollzieht, in seinem Dichten wie in seiner gesamten Existenz: Das Medium seiner Auseinandersetzung mit dem Judentum sei seine Dichtung, betonte Celan.

Um dieses pneumatisch Jüdische bei Celan etwas näher zu bestimmen, ist es nötig, auf eine methodische Eigenheit von Lydia Koelles Buch näher einzugehen. Celan interessiert Lydia Koelle nicht nur als Dichter, sondern auch als Leser. Viele ihrer Aussagen stützen sich auf Unterstreichungen und Anmerkungen in Celans Büchern. Vor allem in den sechziger Jahren fällt die intensive Beschäftigung Celans mit jüdischer Religionsphilophie auf. Durch Werke von Martin Buber, Franz Rosenzweig, Hugo Bergmann, Gershom Scholem u. a. gelangt er zu einem tiefen und zugleich sehr subjektiven Verständnis der jüdischen Mystik und des Chassidismus. Besonders inspiriert hat Celan der Gedanke der Zurücknahme und der Selbstbegrenzung Gottes, wie er sich schon in der Kabbala und modifiziert bei modernen jüdischen Autoren wie Buber und Bergmann findet, nicht zuletzt auch bei dem Philosophen Hans Jonas. „Gott selbst liefert sich also der Welt aus und muß durch den Menschen erlöst werden.“ Diese Idee, die aufs erste spekulativ erscheinen mag, ist Resultat der schmerzlichen Erfahrung der Macht- und Tatenlosigkeit Gottes angesichts der Massenvernichtung. Paul Celans Gedichte bleiben — bei aller Radikalität des sprachlichen Ausdrucks — überkommenen jüdischen und christlichen Motiven der Deutung von Geschichte, Welt und Mensch verpflichtet. Manche der zitierten religionsphilosophischen Positionen bleiben etwas unvermittelt nebeneinander stehen, wie etwa die von Hans Jonas und Irving Greenberg. Schwerer wiegt, daß gelegentlich der Eindruck der Überidentifikation der Autorin mit der Dichtung Celans entsteht. Bei aller Wertschätzung der Dichtung als Ort theologischer Erkenntnis kommt der kritische Aspekt etwas zu kurz. Von Celans zerbrochener lyrischer Rede kann Theologie gewissermaßen das Stammeln lernen. Um verantwortliche Gott-Rede muß, wie um das dichterische Wort, stets aufs neue gerungen werden. Eine Theologie nach Auschwitz wird nur glaubwürdig sein, wenn es ihr immer wieder die Sprache verschlägt. Daß das umfangreiche Werk weder ein Begriffs- noch ein Namenregister, noch ein Verzeichnis der behandelten Texte Celans enthält, macht gezieltes Nachschlagen leider unmöglich. Lydia Koelles Buch bietet eine gründliche wissenschaftliche Untersuchung für alle, die an moderner Lyrik und Religion interessiert sind.

Christian Schuler


Jahrgang 5/1998 Seite 50



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