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Bubis, Naomi; Mehler, Sharon

Shtika

Versuch, das Tabu zu brechen. suhrkamp taschenbuch 2670, Frankfurt 1996. 240 Seiten.

„Ich spürte, daß etwas Ungesagtes im Raum stand ...“ Dieser Halbsatz steht gegen Ende des ersten Drittels des Buches ,Shtika‘. Shtika ist das hebräische Wort für Schweigen. Ein ganz bestimmtes Schweigen ist hier gemeint — das Schweigen in Familien Schoa-Überlebender, das Schweigen zwischen Eltern und Kindern über dieses Thema. Die Autorinnen, Naomi Bubis, geboren 1963 in Frankfurt am Main, und Sharon Mehler, geboren 1970 in Berlin, machen mit ihrem Buch den Versuch, das Tabu zu brechen. Wie weit sie identisch sind mit den Buchfiguren Ann und Sarah, die selbst Kinder Überlebender sind und die einen Film drehen wollen über ihre Generation, wird nicht direkt offengelegt, kann aber vermutet werden; immerhin haben Naomi Bubis und Sharon Mehler 1995 gemeinsam einen Dokumentarfilm ,Nazi-Opfer brechen ihr Schweigen‘ gedreht, der von der Kritik als ,bemerkenswert‘ eingestuft wurde. Ann und Sarah beginnen ihre Recherchen in Israel auf einem dreitägigen Treffen von Getto-Überlebenden aus Lodz; rund 2000 sind gekommen, zum Teil von weither, alle zwischen 60 und 80 Jahre alt. Hier knüpfen sie erste Kontakte mit dem Ziel: drei Überlebende mit gleichen Wurzeln zu finden, die heute mit ihren Kindern in Deutschland, Polen und Israel leben. Ihre Absicht ist es, am Ende des Films mit den drei Familien, Eltern und Kindern, an den Ort der Vertreibung zurückzukehren: nach Lodz.

Bis zur Lektüre dieses Buches hatte ich das Problem des Verschweigens, das es mit umgekehrten Vorzeichen auch in Täter-Familien gibt, zu kennen geglaubt, indem ich es intellektuell wahrnahm und psychologisch zu erklären versuchte. ,Shtika‘ zeigte mir, daß das nur die äußerste Außenseite ist, daß dieses Phänomen sich dem Begreifen vielleicht überhaupt entzieht. Angesichts dieser Widerfahrnisse scheinen gewisse Lebensregeln und Lebenserfahrungen außer Kraft gesetzt. Zum Beispiel: Das Sprichwort „Die Zeit heilt alle Wunden“ gilt für die Verfolgten nicht — ihre Herzen bluten bis zu ihrem Tod. Oder, wie ein betroffener Vater sagt, „daß man das gar nicht in Worten wiedergeben kann, wie es gewesen ist. Die menschliche Sprache ist nicht geeignet, das alles zu schildern. Da müßte man neue Begriffe erfinden ...“

In Alon, dessen Großeltern in der Schoa umgekommen sind, haben die beiden Filmemacherinnen jemand von der zweiten, ihrer eigenen, Generation getroffen, der all das ausdrückt und verkörpert, wonach sie suchen. Ann und Sarah treffen natürlich auch auf Schwierigkeiten; nicht alle angestrebten Interviewpartner sind gesprächsbereit oder gesprächsfähig. In Polen begegnet ihnen die allgegenwärtige Präsenz der Todeslager, der tiefverwurzelte Judenhaß der Bevölkerung; gelegentlich packen sie Zweifel an der Realisierbarkeit des Vorhabens, an seiner Sinnhaftigkeit überhaupt. Streckenweise kommt der Text in einem munteren Plauderton daher, spürt man ihm das Lebensgefühl der heute jungen Generation ab, um dann unvermittelt wieder zu jener existentiellen Dichte zurückzufinden, die dadurch entsteht, daß erzähltes Leid verinnerlicht wird, ohne daß man es selbst erlebt hätte. Das Schluß-Fazit der Autorinnen lautet: „Die langen, stummen Jahre zwischen den Generationen sind nicht durch Gespräche in der Zukunft aufzuholen. Das Schweigen ist fester Bestandteil ihres Lebens: Sie müssen dies ohne Einschränkung akzeptieren lernen.“ Mit anderen Worten: Versäumtes ist nicht nachzuholen.

Ruth Ahl


Jahrgang 5/1998 Seite 43



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