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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 4/1997 Heft 4

Chaim Herzog, 6. Präsident von Israel (1983-1993), ist am 17. April 1997 im Alter von 78 Jahren gestorben. Geboren 1918 in Belfast als Sohn des irischen Oberrabbiners, zog es Herzog bereits 1935 nach Palästina. Von 1939-1947 diente er in der britischen Armee und war einer der Befreier des Lagers Bergen-Belsen. Während seiner Amtszeit als Ständiger Delegierter zu den Vereinten Nationen bemühte sich Herzog vergeblich gegen die UN-Resolution, Zionismus mit Rassismus gleichzusetzen. Herzog wird in Israel als „unbestechlicher Landesvater“ und als „Staatsmann, wie ihn Israel vor ihm nicht gekannt hat“, verehrt.

Zu einem tieferen Verstehen des Judentums hat der Hamburger Erzbischof Ludwig Averkamp bei der Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit (am 1. März 1997 in Paderborn) aufgerufen. Für Christen sei es wichtig, „sich ihrer Verwurzelung im Judentum deutlicher bewußt zu werden“. In den katholischen Gemeinden müsse noch mehr Kenntnis von der Gottes- und Nächstenliebe als Zentrum jüdischer Existenz vorhanden sein. Der Einsatz im christlich-jüdischen Dialog ist nur sinnvoll, „wenn wir die Auffassung vertreten, daß Judenfeindschaft kein strukturbedingtes und unausweichlich vorhandenes Element des Christentums darstellt“.

Eine „Festakademie“ zu Ehren von Rabbiner Dr. Albert Friedlander/London anläßlich seines 70. Geburtstags (10. Mai 1997) fand am 1. Juni an der Bischöflichen Akademie Aachen statt. Sie stand unter dem Thema: „Das Leben leise wieder lernen. Jüdisches und christliches Selbstverständnis nach der Schoa“. In ihren Ansprachen würdigten die Festredner Wesen und Wirken des großen Gelehrten und Freundes, der schon seit langer Zeit im Dialog der Konfessionen führend tätig ist. Eine Festschrift mit etwa 15 Beiträgen wird im Verlag Kohlhammer/Stuttgart erscheinen. (Hildegard Schernus)

Paul Jäggi, Kirchenratspräsident der Evangelisch-reformierten Landeskirche Aargau, richtete am 20. April 1997 im Namen seiner Kirchengemeinde eine öffentliche Bitte um Vergebung an die jüdischen Mitbürger des Kantons Aargau. „Mit seinem Verhalten ist der Kirchenrat damals (während des Zweiten Weltkrieges) passiv mitschuldig geworden am Fortbestehen des Antisemitismus in unserem Land und an der verfehlten Flüchtlingspolitik unserer Behörden. Und darum anerkennt er heute diese Schuld ohne Wenn und Aber.“ (öki)

55 696 Namen von Berliner Holocaustopfern wurden am 4. Mai zum Yom-Ha-Shoa (Holocaust-Gedenktag) in Berlin innerhalb von 26 Stunden aus dem 1454 Seiten umfassenden „Gedenkbuch Berlins“ (Edition Hentrich) auf dem Wittenbergplatz von Passanten verlesen. „Jeder Mensch hat einen Namen, den Gott ihm gab“, aus einem Gedicht der israelischen Dichterin Selda, war das Motto der Gedächtnisveranstaltung. In Hamburg wurde auf ähnliche Weise 23 000 Opfern — im KZ nur als Nummer bekannt — „der Name zurückerstattet“.

„Die Wurzeln des Antisemitismus in der christlichen Welt“ wird das Thema einer internationalen Expertentagung im Vatikan (22. Oktober bis 2. November 1997) sein. Die Tagung, angeregt von Papst Johannes Paul II. in Vorbereitung auf das Jahr 2000, ist Teil einer „ Gewissenserforschung“ über Fehler der Kirche im Laufe ihrer Geschichte. Es soll dabei nicht um historische Aufarbeitung des Antisemitismus gehen, sondern um die Frage, wie es möglich war, daß „Christen, Bischöfe, Päpste angesichts der Verfolgung der Juden passiv blieben, sie tolerierten, vielleicht sogar ausführten und dies mit Glaubensgründen rechtfertigen konnten“. Unabhängig von der Arbeit der theologisch-historischen Kommission wird die jüdisch-christliche Kommission des Vatikans ein Dokument zum Holocaust erarbeiten. Ebenfalls geplant ist eine Fachtagung zum Thema Inquisition. (öki)

54 Jahre nach dem Tod des Österreichers Franz Jägerstätter hat das Berliner Landgericht das Todesurteil des Reichskriegsgerichts aufgehoben. Ebenfalls aufgehoben wurde das Urteil gegen den Priester Max Josef Metzger. Die Aufhebung der Urteile entspricht dem Berliner Wiedergutmachungsgesetz von 1951, demzufolge gerichtliche Entscheidungen des Reichskriegsgerichtes im Zeitraum vom 30. Januar 1993 bis B. Mai 1945 aufzuheben sind, „wenn die Entscheidungen in der Erkenntnis oder in den Gründen nachweislich auf Vorschriften beruhten, die die Festigung des Nationalsozialismus oder die Durchsetzung nationalsozialistischen Gedankenguts bezweckt haben, oder wenn die Entscheidung aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen ergangen ist“. Antragsberechtigt sind die Hinterbliebenen der Verurteilten und die Berliner Staatsanwaltschaft.

Das frühere Gelände des Warschauer Gettos ist dem Jüdischen Historischen Institut zur Errichtung eines Museums für die Geschichte des polnischen Judentums übereignet worden. Wie eine Sprecherin des Instituts betonte, soll es nicht ein weiteres Holocaust-Museum werden, sondern ein Museum mit erzieherischem Auftrag, das dem Besucher Kultur, Religion und das alltägliche Leben der Juden in Polen veranschaulicht.

In Kiriat Ono, Israel, wurde am 29. Mai 1997 ein „Paul-Grüninger-Platz“ eingeweiht in Erinnerung an den St. Galler Polizeihauptmann, der mit gefälschten Einreiseerlaubnissen Tausenden von Juden mit dem Weg in die Schweiz das Leben gerettet hat (vgl. FrRu NF 1993/94, 149-151 u. 1996, 145-146). In Wien wurde der Schweizer durch die Einweihung einer „Paul-Grüninger-Schule“ geehrt.

Zu den Besonderheiten der diesjährigen internationalen Buchmesse (6.-11. April) in Jerusalem zählten seltene Manuskripte und Faksimile aus der Bibliothek des Vatikan: eine Bibel aus dem 14. Jahrhundert, ein Sidur aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und eine Kopie von Rambams ,Mishne Torah‘ von 1283. Der jeweils anläßlich der Buchmesse verliehene Jerusalem-Preis ging an den spanischen Autor Jorge Semprun, ein Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald.

Die 1995 in Israel unter der Präsidentschaft des damaligen Religionsministers Shimon Shitreet gegründete Organisation „Religionen für den Frieden“ hatte am 12. Februar 1997 ihre erste öffentliche Veranstaltung. Eingeladen waren Repräsentanten der drei großen Religionsgemeinschaften. Ziel der Organisation ist es, durch den Einsatz der Religionen für den Frieden einzutreten.

Zum Abschluß der Woche der Brüderlichkeit (2. bis 9. März 1997) präsentierte das Marburger Kindheitsmuseum, zusammen mit der Marburger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die von Prof. Dr. Helge-Ulrike Hyams-Peter und ihrem verstorbenen Mann zusammengetragene Sammlung jüdischer Kinder- und Jugendbücher von der Aufklärung bis zum Dritten Reich. Der Bremer Wissenschaftler Dr. Michael Nagel vermittelte einen historischen Überblick dieser bisher wenig bekannten jüdischen Literatur von der Zeit Moses Mendelssohns bis in die beginnende Nazizeit. Die Skala dieser Bücher reicht von Lese- und Religionsbüchern bis zu Erzählungen, Romanen, Kalendern und Liederbüchern. (Gottfried Mehnert)

Die Jerusalemer Arbeitsstelle des Leo-Baeck-Instituts und deren Wissenschaftlicher Beirat haben beschlossen, eine Hebräische Anthologie wissenschaftlicher Aufsätze von deutschen Historikern zu veröffentlichen. Die Absicht ist, neue Literatur auch israelischen Studenten und historisch interessierten Kreisen nahezubringen. Priorität soll Beiträgen gegeben werden, die durch ihre Originalität oder neue Methode hervorstehen oder auf bisher unbekannten Quellen basieren. In einem Rundschreiben erbittet das Institut die Mitarbeit von Fachleuten.

Laut Information der Israelischen Botschaft in Bonn läuft in Yad Vashem der Antrag auf Auszeichnung mit dem Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ für den Jesuitenpater Alfred Delp. Als „Glied in einer großen Kette von Freunden, aufgrund deren Zusammenhalt verfolgte Juden nicht nur den Weg in die Schweiz fanden, sondern auch unterwegs mit allem zum Leben Nötigen versorgt wurden “, hat er an der Rettung vieler mitgewirkt. Zur Zeit werden noch Überlebende gesucht, die Delps Einsatz eidesstattlich bestätigen können.

In Zusammenfassung einer Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain unter dem Thema „Es gelte euch das Jobeljahr“ (Januar 1995) hat die Gruppe „Studium in Israel e. V.“ einen zweisprachigen (Deutsch/Englisch) Diskussionsbeitrag zur achten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare (1998) herausgegeben mit dem Titel „Unterwegs von Jerusalem nach Harare“. Der Beitrag behandelt das Thema Ökumene von seiner biblischen Grundlage her mit der Frage: Was wäre die ökumenische Christenheit ohne das Alte Testament? und geht dann über zum Hauptthema in Harare: der universalen Verpflichtung zu Sabbat, Sabbatjahr und Jubeljahr.


Jahrgang 4/1997 Seite 315



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