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Wood, E. Thomas; Jankowski, Stanislaw M.

Jan Karski — Einer gegen den Holocaust

Als Kurier in Geheimer Mission. Vorwort von Elie Wiesel. Bleicher, Gerlingen 1997. 360 Seiten.

„Der Herr hat es mir bestimmt, während des Krieges zu reden und zu schreiben, wenn dies — wie es schien — denn helfen sollte. Es half nicht.“ So schloß Jan Karski seine Ansprache im Oktober 1981 bei einem Treffen ehemaliger Soldaten der alliierten Streitkräfte, die bei der Befreiung von Konzentrationslagern mitwirkten, in Washington. Weiters sagte er: „Als der Krieg zu Ende ging, mußte ich erfahren, daß die Regierungen, die Mächtigen, die Wissenschaftler, die Schriftsteller nicht einmal wußten, was mit den Juden geschehen war. Sie waren überrascht. Der Mord an sechs Millionen Unschuldigen war ein Geheimnis. Dann wurde ich Jude. Wie die Angehörigen meiner Frau — die alle in den Gettos, den Konzentrationslagern, den Gaskammern zugrunde gegangen sind —, so wurden alle ermordeten Juden meine Familie. Aber ich bin ein christlicher Jude. Ich bin praktizierender Katholik. Obwohl ich kein Ketzer bin, sagt mir mein Glaube, daß die Menschheit den zweiten Sündenfall begangen hat: durch Handeln oder Unterlassen, durch absichtliche Ignoranz oder Gefühllosigkeit, durch Egoismus, Feigheit oder herzlosen Pragmatismus. Diese Sünde wird die Menschheit bis ans Ende ihrer Tage verfolgen. Sie verfolgt mich. Und ich will, daß sie es tut.“

Jan Karski war während des Zweiten Weltkriegs polnischer Kurier im Untergrund. Seine Aufgabe bestand darin, die polnische Exilregierung in England mit Informationen aus dem besetzten Polen und dem polnischen Widerstand zu versorgen. Sein Weg führte ihn bis in die USA, wo er sogar Präsident Roosevelt persönlich über die polnischen Anliegen informierte. Als überzeugter Katholik betrachtete er es dabei als seine besondere Aufgabe, stets auf das Schicksal der Juden in Polen aufmerksam zu machen. Er informierte alle wichtigen Stellen aus Politik, Medien und jüdischen Organisationen Englands und Amerikas detailliert über die geplante Massenvernichtung der Juden durch die Nazis. Die meisten hielten ihn für verrückt, viele glaubten ihm nicht, die wenigen, die ihm glaubten, reagierten hilflos.

Thomas Wood und Stanislaw Jankowski haben das Leben Karskis, der 1982 mit der Yad Vashem Medaille als „Gerechter der Völker“ ausgezeichnet wurde, akribisch nachgezeichnet, basierend auf stundenlangen Gesprächen mit Karski selbst und genauester Recherchearbeit in einschlägigen Archiven. Ihre Arbeit, die von Jan Karski bis zur Veröffentlichung begleitet wurde, ist ihnen ausgezeichnet gelungen, vor allem das, was die beiden Autoren als ihr Motiv und Ziel angaben: „Jan Karski hat einen großen Teil seines Lebens der Förderung des Verständnisses zwischen Juden und Polen gewidmet. Wir hoffen, mit diesem Rechenschaftsbericht seiner Sache dienen zu können.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 4/1997 Seite 301



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