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Schwemer, Anna Maria

Studien zu den frühjüdischen Prophetenlegenden

Vitae Prophetarum. Einleitung, Übersetzung und Kommentar. 2 Bände (TSAJ 49). J. C. B. Mohr, Tübingen 1995/96. 448 Seiten; 389 und 76 Seiten.

Der Prophet Jesaia wurde von König Manasse zersägt. Als er in seiner Todesstunde um Wasser betet, wird es ihm sofort gesandt. Deshalb heißt die Quelle bis auf den heutigen Tag „Siloah“, der „Gesandte“. Jesaia wurde in der Nähe dieser Quelle begraben. Jeremia dagegen wurde nach der Legende in der Diaspora, im ägyptischen Taphnas, gesteinigt. Sein Gebet soll besonders wirksam sein gegen Schlangen und Krokodile, so daß König Alexander die Gebeine des Jeremia ehrenvoll rings um das neugegründete Alexandrien bestattet und so die Stadt geschützt haben soll. Diese und zahlreiche weitere Legenden werden in den „Vitae Prophetarum“ überliefert. Trotz ihres legendarischen Charakters bietet diese Schrift wichtige Materialien zur Geschichte des frühen Judentums. Die Tübinger Theologin legt mit ihrer zweibändigen Arbeit einen äußerst materialreichen Kommentar zu diesem Werk vor.

Band I des Kommentars enthält eine detaillierte Einleitung in die Vitensammlung. Im ersten Kapitel kommt die Frage der Textüberlieferung und der Übersetzungen zur Sprache, ein zweites Kapitel behandelt den literarischen Charakter der Vitae Prophetarum. Weitere Abschnitte befassen sich mit den Quellen und Traditionen, mit der Entstehung, den theologischen Themen und mit der Wirkungsgeschichte der Schrift. Der zweite Teil des ersten Bandes enthält Text, Übersetzung und Kommentar zu den Viten der vier großen Propheten des christlichen Kanons: Jesaia, Jeremia, Ezechiel und Daniel. Abgeschlossen wird der erste Band durch ein Literaturverzeichnis zum gesamten Kommentarwerk.

Band II kommentiert die Viten der zwölf kleinen Propheten sowie die Viten von Prophetengestalten aus den Samuel- und Königsbüchern (Nathan, Achia von Silo, Joad, Azarja, Elia, Elischa und Sacharja ben Jojada). In einem abschließenden Kapitel geht die Autorin gesondert auf die sekundären Anhänge jüngerer Manuskripte ein. Der zweite Band wird mit einem Stellen- und Namensregister, einem Register der griechischen und hebräischen Begriffe und Wendungen sowie einer 76 Seiten umfassenden Synopse der wichtigsten Rezensionen abgeschlossen. Diese Synopse kann auch gesondert bezogen werden.

Das Material ist übersichtlich gegliedert und durch die Register leicht zugänglich gemacht, so daß der Kommentar eine Fundgrube für die Wirkungsgeschichte der Prophetie der Zeit unmittelbar vor der Zerstörung des zweiten Tempels bildet und damit auch zu einem Verständnis späterer jüdischer und christlicher Entwicklungen beiträgt. Schwemer verteidigt die Ansicht, daß die Vitae in ihrem Grundbestand eine jüdische Schrift ist, die vor der Zerstörung des zweiten Tempels entstanden ist (68) und später hauptsächlich durch Christen überliefert und bearbeitet wurde (87-90). In zahlreichen detaillierten Vergleichen der Vitae mit den Werken der frühjüdischen, aber auch der neutestamentlichen Literatur, weist Schwemer überzeugend nach, daß diese Schrift im Kontext dieser Zeit verstanden werden kann und eine Spätdatierung in byzantinischer Zeit nicht notwendig ist (vgl. etwa I 128. 146. 201 f. 203. 220. 255. 318. 328. 368; II 5.15.58.59.77 f. 81. 148. 175. 189. 198. 205. 229. 265. 281. 306. 320). Die verschiedenen Textzeugen sind ein Beispiel dafür, wie stark diese ursprünglich jüdischen Texte in ihrer Überlieferung von der frühen christlichen Literatur interpoliert und umgedeutet wurden. Die Darstellung des Textes in gut überschaubaren Synopsen erleichtert es, die Entwicklung dieses volkstümlichen und daher auch sehr beliebten Werkes in frühester Zeit nachzuvollziehen.

Hans A. Rapp


Jahrgang 4/1997 Seite 297



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