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Marquardt, Friedrich-Wilhelm

Was dürfen wir hoffen, wenn wir hoffen dürfen?

Eine Eschatologie. Christian Kaiser/Gütersloher Verlagshaus. Band 1, 1993, 482 Seiten; Band 2, 1994, 415 Seiten; Band 3, 1996, 564 Seiten.

In der protestantischen und katholischen Theologie der Gegenwart nimmt die Eschatologie einen wichtigen Platz ein. Marquardt versteht die Eschatologie mit den maßgeblichen Theologen unserer Zeit nicht mehr als die „Lehre von den letzten Dingen“, sondern als die „Lehre von der Weltrevolution“, wobei er aber keine marxistische Version der Theologie meint, sondern die radikale Veränderung von Welt und Geschichte von Gott her. Sie ist für die „Lehre von dem, was wir Menschen zuletzt — hoffentlich in Anbetung, Lob und Dank — zu sagen lernen und was wirklich auch das Letzte ist, weil es der Letzte ist, der Eschatos, also Lehre von Gott“. Marquardts Eschatologie folgt nicht mehr den Gliederungen alter theologischer Traktate, sondern ist eine Entfaltung dessen, was Menschen überhaupt und an der Bibel orientierte Christen unter Hoffnung verstehen. „Hoffnung“ ist für ihn die zentrale eschatologische Kategorie. Im ersten Band fragt er: „Dürfen wir hoffen?“ Hier entfaltet er so wichtige Themen wie Hoffnung, Verheißung, Gebot und Christus als Erfüllung aller Hoffnung. Der zweite Band stellt sich der Frage: „Was kommt auf uns zu?“, mit Überlegungen zum Sterben und Tod als den Mächten, die alle Hoffnung zu durchkreuzen scheinen. Der dritte Band versucht Antworten auf die Frage: „Was dürfen wir hoffen?“ Hier stellt er sich den alten Überlieferungen, die vom Kommen Jesu und dem Entgegenkommen der Toten und Lebenden, vom Jüngsten Gericht und Ewigen Leben handeln. Drei durchgängige Grundzüge — Eigentümlichkeiten dieser Eschatologie — erscheinen bemerkenswert.

1. Marquardt knüpft an alte theologische Traditionen an. Seine Eschatologie bezieht sich konsequent auf die Schriften des Ersten und des Neuen Testaments. Viele Auslegungen eröffnen ungewohnte Perspektiven. Luther steht im Blickpunkt. Von den neueren Theologen werden vor allem Barth und Bultmann häufiger genannt. Das protestantische Kirchenlied, das viele auch fragwürdige eschatologische Vorstellungen volkstümlich gemacht hat, erhält einen hohen Stellenwert.

2. Diese Eschatologie ist eine theologische Auseinandersetzung mit den Fragen der Moderne. Am Anfang, in der Mitte und am Ende steht die Frage nach der Hoffnung, die unserer Gegenwart so schwer geworden ist. Leider finden sich aber nur ganz sporadisch Auseinandersetzungen, z. B. mit Ernst Bloch und seiner Hoffnungsphilosophie. Das Absurde und die Verzweiflung in der neueren Literatur werden nicht eigens thematisiert. Eher ist das unmittelbare Lebensgefühl der Zeitgenossen im Blick und nicht dessen literarischer Ausdruck.

3. Wohl in keiner Eschatologie ist das Judentum so stark eingebunden wie hier. Die Meister des Talmud werden häufig zitiert. Maimonides und Spinoza finden große Aufmerksamkeit. Die jüdischen Denker des 20. Jahrhunderts sind dagegen weniger stark repräsentiert, wenn auch Martin Buber oder Leo Baeck gelegentlich in das Gespräch einbezogen werden. Faszinierend sind im 1. Band die über 130 Seiten Ausführungen zu den sieben noachidischen Geboten, die hier als die jüdische Tora für Gojim eingeführt und als ein Element konkreter Hoffnung verstanden werden. Anregend, aber auch zum Widerspruch reizend sind im 2. Band die Passagen über die Verheißung des Landes Israel und über den Heiligen Krieg. Hier berührt die Eschatologie die Nahostpolitik der Gegenwart. Vor allem aber sind diese drei Bände eine „Eschatologie nach Auschwitz“, da die Fragen, die diese Katastrophe aufwirft, immer in ihrer ganzen Furchtbarkeit bewußt bleiben.

Die Einbeziehung der Israel-Geschichtlichkeit christlichen Hoffens darf nicht mehr rückgängig gemacht werden, aber die Auseinandersetzung mit den Problemen, die sich für die Eschatologie in der Moderne und Postmoderne ergeben, ist auch konsequent weiterzuführen. Die Rechenschaft von der in Gott begründeten Hoffnung ist eine gemeinsame Aufgabe von Juden und Christen.

Werner Trutwin


Jahrgang 4/1997 Seite 292



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