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Herbert, Ulrich

Best

Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft 1903-1989. J. H. W. Dietz Nachf., Bonn 1996. 695 Seiten.

Für viele seiner deutschen Zeitgenossen blieb Werner Best eine nur wenig beachtete Persönlichkeit, obwohl er einen bedeutenden intellektuellen Einfluß innerhalb des Nationalsozialismus ausübte und maßgeblich am Aufbau der Gestapo beteiligt war. Wenn Best überhaupt bekannt wurde, ist dies nur einem geschichtlichen Mißverständnis — und der überdurchschnittlichen Wendigkeit und Intelligenz von Best — zuzuschreiben: den Jahren, in denen Werner Best Reichsbevollmächtigter in Dänemark war (1942-1945). Es ist ihm gelungen, der Geschichte und der dänischen öffentlichen Meinung ein positives Bild von sich zu vermitteln, in dem er, Best, nicht nur ein „weicher“, kompromißbereiter und entgegenkommender Obernazi des Landes war, sondern auch ein versteckter Retter der dänischen Juden gewesen sein soll. Daß dieses Image im Gegensatz zur Wirklichkeit und der Persönlichkeit von Best selbst stand, widerlegt dieses Buch aufgrund von gründlicher, origineller und wohlfundierter Forschungsarbeit.

Die Wichtigkeit dieses Buches liegt auf zwei Gebieten: erstens, es enthüllt Werner Best in seiner höchsteigenen politischen und historischen Position, deren Machtbefugnis eine der bedeutendsten in der Naziherrschaft war; zweitens, sie räumt gründlich mit dem Image eines verkappten Judenretters auf, einem Image, in dem die meisten einschlägigen Historiker bis jetzt übereinstimmten und ihm sozusagen auf den Leim gingen. Seine dominante Rolle als Mann Nummer Zwei verdankte Best vor allem seinem Organisationstalent, aber nicht weniger seinem immensen intellektuellen Einfluß, den er auf das Denken vor allem der jüngeren, von ihm persönlich ausgewählten und geförderten akademischen Mitarbeiter ausübte. Nach dem Attentat auf Heydrich (Prag, 1942) amtierte Best als Reichsbevollmächtigter für Dänemark. Nach dem Kriegsende wurde er vor drei dänische Gerichte gestellt, die ihn mit drei sehr verschiedenen Urteilen bedachten — von der Todesstrafe bis zu fünf Jahren Haft. 1951 kehrte Best nach Deutschland zurück, wurde Direktor eines Industrieunternehmens und setzte sich erfolgreich und intensiv für ehemalige Nazis ein, die von Strafverfahren bedroht waren.

Die vorliegende Biographie unterscheidet sich von den üblichen Biographien der Nazi-Größen vor allem darin, daß sie, abgesehen vom akribisch durchforschten äußeren Ablauf der Lebensgeschichte Bests, auch viele seiner überaus zahlreichen Veröffentlichungen erstmals einer kritischen Analyse unterzieht. Dabei tritt seine völkische Ideologie zutage, die die ultrarechten Studentenverbände zu Ende des Ersten Weltkriegs prägte und die bereits gefährliche Merkmale eines Rassismus sowie Überlegenheitsdünkels mit Machtanspruch auf deutsche Weltherrschaft in ihrem Keime trugen. Begriffe wie „Völkische Raumordnung“, die letztlich ihre fürchterliche Saat während des Zweiten Weltkriegs ausreifen ließ, die verschrobenen Lehren von Oswald Spengler und die Welteistheorie von Hanns Hörbiger, der Rassen-Antisemitismus eines Grafen Gobineau, Houston Chamberlain und Richard Wagner, sie alle und ähnliche Theorien bildeten die Ingredienzien der Nazi-Giftküche, die Best in sich sog und dann in der SS ideologisch weitervermittelte. Im Grunde genommen blieb Best zeit seines Lebens sich selbst und seiner Ideologie treu. Im Gegensatz zu seinen anderen Mitkämpfern, die die ungeheuere moralische Schuld auf andere schoben, stand Best für seine Nazi-Ideologie bis zu seinem Tode gerade. Erst diese umfangreiche Studie enthüllt die wahre und verhängnisvolle Rolle des wenig bekannten und verkannten Best.

Reuven Assor


Jahrgang 4/1997 Seite 285



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