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Hammerstein, Notke

Antisemitismus und deutsche Universitšten 1871-1933

Campus Verlag, Frankfurt/New York 1995. 124 Seiten.

In dem von ihm behandelten Zeitraum widmet Notker Hammerstein besonders der Epoche des Kaiserreichs, weniger der Zeit der Weimarer Republik, seine Aufmerksamkeit. Dabei fußt er auf Arbeiten, in denen die Stellung der Juden im deutschen universitären Bereich behandelt wird, wie auch auf Quellen der deutschen Universitäts- und Gelehrtengeschichte. Seine Analyse der Motive des akademischen Antisemitismus an den deutschen Universitäten, die eingestandenermaßen kein „einheitliches Erscheinungsbild“ bieten, gründet sich auf die Feststellung, daß sich seit etwa 1880 eine „antimoderne Grundstimmung“ im Bildungsbürgertum bemerkbar machte, die in eigentümlichem Kontrast zum Fortschrittsglauben der Zeit stand. Vor allem aber sieht der Verf. im „Kulturprotestantismus“ die dominierende geistige Richtung, die das Staats- und Nationalbewußtsein als einen den Deutschen angeborenen Glauben definierte, der sich in der Polemik gegen andere Konfessionen profilierte. Dem entspricht es, daß dem protestantischen Antikatholizismus ein eigener Abschnitt gewidmet wird — als wurzelgleiche Analogie zum Antisemitismus; der massive katholische Antisemitismus wird nur am Rande gestreift.

Im ganzen zutreffend, wenn auch knapp, wird die Entwicklung skizziert, die, vornehmlich in Preußen, das Verhältnis von Juden und Hochschulen geprägt hat. Der kurze Abschnitt „Die Rolle der Rassentheorie“ stellt durchaus richtig fest, daß mit der Rassenideologie „ein neues Kapitel antisemitischer Argumentation“ aufgeschlagen wurde. Ihre Verbreitung im akademischen Horizont wie auch ihr Einfluß auf die gebildeten Schichten hätte deutlicher markiert werden können. Es wird aber zutreffend belegt, daß es in manchen akademischen Kreisen verbreitete Meinung war, die „Judenfrage“ sei durch konsequente Assimilation zu lösen.

Im Zusammenhang mit der Abkehr vom traditionellen Universitätsideal im letzten Jahrzehnt des 19. Jhs. wird die bekannte Tatsache erwähnt, daß gerade jüdische Gelehrte auf Spezialgebieten hervorgetreten sind. Das Schwinden allgemeiner Gelehrsamkeit wurde indirekt mit dem zunehmenden Spezialistentum in Verbindung gebracht. Dieser Verlust wurde kompensiert durch ein gesteigertes Nationalgefühl, das wissenschaftlichen Leistungen den Stempel des nationalen Prestiges aufdrückte und so indirekt Ansatzpunkte für Antisemitismus bot.

Für die Zeit der Weimarer Republik wird, wie für die vorangegangene Epoche, ein uneinheitliches Bild gezeichnet, in dem einerseits national-antisemitische Tendenzen vorhanden waren, andererseits aber deutliche Gegenpositionen hervortreten, nicht zuletzt in der offiziellen Hochschulpolitik und in der Konstatierung, daß „es nach wie vor nur wenige aktive und überzeugte Antisemiten unter den Professoren“ gab. Lapidar wird konstatiert: „Kruder Antisemitismus galt als unakademisch.“ Durchaus zutreffend wird im letzten Abschnitt „Extremer Antisemitismus“ vermerkt, daß rassistische antisemitische Vorstellungen von außen in die Universitäten hineingetragen wurden. Daß sich der vehemente Antisemitismus der späten Weimarer Zeit auch gegen nichtjüdische Professoren richtete, wie etwa gegen Emil von Behring in Marburg oder Otto Baumgarten in Kiel, bedürfte weiterer Untersuchungen. So sollte die vorliegende Untersuchung, die sich weitgehend auf Zitate aus Sekundärliteratur stützt, Anregung sein, die Thematik anhand originärer, nicht zuletzt auch bisher ungenutzter jüdischer Quellen, aufzuarbeiten.

Gottfried Mehnert


Jahrgang 4/1997 Seite 284



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