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Carlebach, Joseph

Jesajas, Jirmija, Jecheskel

Die drei großen Propheten. Morascha, Basel/Zürich 1994. 133 Seiten.

Der orthodoxe Oberrabbiner Dr. Joseph Zwi Carlebach (1883-1942) ist ein Vertreter der großen deutschen Rabbinerfamilie Carlebach, die das jüdische Leben Deutschlands im späten 19. und im 20. Jh. mitgeprägt hat. Joseph Zwi Carlebach war ein Vertreter von „Thora ‘im Derekh Eretz“, d. h. von einer Synthese zwischen jüdischer Religiosität und weltlicher Bildung. Ausdruck davon ist sein Bildungshorizont, der neben der traditionellen Rabbinerausbildung auch Mathematik, Naturwissenschaften, Philosophie, Kunst und Kenntnisse der christlichen Bibelexegese umfaßte. Entsprechend dieses geistigen Hintergrundes will auch sein Prophetenkommentar als Synthese zwischen gründlicher historischer Kenntnis und uneingeschränkter Akzeptanz des Wesens der prophetischen Botschaft verstanden sein (Vorwort zur Neuauflage S. IV).

Das Buch beinhaltet folgende Kapitel: Das Kernproblem der Prophetie (1-17), Jesaja (18-44), Jirmija (42-82), Jecheskel (83-115) und ein Nachwort über die Unhaltbarkeit der Deuterojesaja-Theorie (117-133). Das Kernproblem der Prophetie sieht Carlebach darin, daß den Propheten ihre Legitimierung abgesprochen wird „von der am Unglauben orientierten Wissenschaft“ (3). Nach ihm muß „echtes Prophetentum die Schranken des Rationalen durchbrechen“, die Offenbarung muß realisierbar und rational sein (5). Das heißt, es handelt sich immer um ein „Zusammenwirken von Gott und Menschheit“ (6). Es liegt auf der Hand, daß diese Grundeinstellung gegenüber der Prophetie mit der historisch-kritischen Bibelexegese kollidierte. Die Grundsätze bezüglich göttlich-menschlich und historisch-visionär treten im Kommentar zum vielschichtigen Jesajabuch deutlich zutage: In Kap. 1-39 steht der Prophet mitten im Leben seiner Zeit, bangt und hofft mit Israel und greift mitunter ins Rad der Geschichte ein. Das Zukunftsbild, das Jesaja in dieser Zeit entwirft, knüpft unmittelbar an sein zeitgenössisches Weltbild an (26). Die große Wende in Jesajas Leben, wie auch in der Geschichte seines Volkes, das babylonische Exil, bewirkt den Wandel in Jesajas Prophetie: Kap. 40-66 sind ein Trostbuch, es ist die teleskopische Fernsicht im Gegensatz zu Kap. 1-39, welche ein Nahbild darstellen (21). Im Mittelpunkt steht nun nicht mehr der Messias, sondern der leidende Gottesknecht.

Der Prophet Jeremia (Jirmija) wird ebenfalls vor den ausführlich dargestellten politischen Ereignissen der Jahre vor der endgültigen Wegführung interpretiert. Er ist Mahner der schwankenden Könige und des heuchlerischen Volkes und Kritiker falscher Propheten. „Der Gottesgedanke muß lebensbeherrschend sein, sonst wird er zur Karikatur“ (51).

Carlebach charakterisiert Jeremia als von Mitleid zerrissenen Menschenfreund in der Zeit der Selbstüberschätzung. In seiner Liebe zu Israel kann Jeremia sogar als Abbild Gottes gesehen werden (79 f.).

Ezechiel (Jecheskel), der wortgewandte Prediger, ist der Erzieher der Exilsgemeinde (86), der in radikaler Direktheit an der „psychoanalytischen Aufhellung der Schuld seines Volkes“ (88) arbeitet. Sein Wirken umfaßt drei Epochen: 1. Die Zeit vor der endgültigen Zerstörung Jerusalems, in der der Gottesmann versucht, den selbsttäuschenden Glauben Israels an die Unzerstörbarkeit Jerusalems zu entlarven. 2. Die Epoche nach der Zerstörung, in der Ezechiel ein neues jüdisches Selbst-, Gottes- und Glaubensverständnis in der Exilgemeinde aufbaut und so zum Deuter der Exilexistenz wird (96). Er zeigt auf, daß der einzelne Mensch ohne Tempelkult einen inneren Weg zur Sühne finden muß, zu einem neuen Herzen und einem neuen Geist (vgl. Ez 36,26). Die 3. und letzte Epoche ist der Vorbereitung auf die Heimkehr gewidmet. Nach der inneren Reinigung und Selbstfindung kann die Exilsgemeinde zu einem neuen Volk erstehen (Ez 37,1-14). Abschließend betont Carlebach, daß Ezechiel trotz der spezifisch jüdischen Thematik seiner Prophetie der Prophet der Humanität ist. „...wenn Gott dort ist, wo das neue Jerusalem sich erhebt, Er, der jüdische Gott, so ist es der Gott des reinsten Menschentums“ (115).

Olivia Franz-Klauser


Jahrgang 4/1997 Seite 282



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