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Johannes Paul II

Über die Unentbehrlichkeit des Alten Testamentes

Ansprache am 11. April 1997 vor der Vollversammlung der Päpstlichen Bibelkommission

Die jährliche Vollversammlung der Päpstlichen Bibelkommission tagte im Vatikan vom 7. bis 11. April 1997 unter dem Vorsitz des Präsidenten der Kommission, Joseph Kardinal Ratzinger. In dieser Ansprache kommt der Papst als weitschauender Exeget zu dem Ergebnis, daß ein Christ, der nach dem Geist der Bibel lebt, nicht akzeptieren kann, „daß die Juden, insofern sie Juden sind, geringgeschätzt oder, noch schlimmer, schlecht behandelt werden“. Diese Exegese war zur Zeit Pius XI. und Pius XII. noch nicht gang und gäbe. Die Päpstliche Bibelkommission dient dem Papst und der Kurie als beratendes Organ zur Interpretation der Bibel in der Kirche.

Gemeinsame Nachkommenschaft Abrahams

Seit dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert war die Kirche mit der Versuchung konfrontiert, das Neue Testament ganz und gar vom Alten zu trennen und das eine gegen das andere zu stellen, indem sie jedem eine unterschiedliche Herkunft zuschrieb. Nach Markion stammt das Alte Testament von einem Gott, der dieses Namens unwürdig sei, da er rachsüchtig und blutrünstig sei, während das Neue Testament den versöhnlichen und großzügigen Gott offenbare. Die Kirche hat diesen Irrtum entschieden zurückgewiesen und alle daran erinnert, daß sich die göttliche Mildherzigkeit bereits im Alten Testament manifestiert. Dieselbe markionitische Versuchung stellt sich uns leider auch in der heutigen Zeit. Dabei zeigt sich immer mehr, welch eine Unwissenheit über die tiefe Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen Testament herrscht. Aus dieser Unwissenheit gewinnt so mancher den Eindruck, die Christen hätten mit den Juden nichts gemeinsam.

Jahrhundertelange Vorurteile und Gegensätze haben einen tiefen Graben aufgerissen, den die Kirche, angeregt durch die Stellungnahme des Zweiten Vatikanischen Konzils, nun aufzufüllen bemüht ist. Die neuen liturgischen Lektionarien haben den Texten des Alten Testamentes mehr Platz eingeräumt, und auch im Katechismus der Katholischen Kirche ist es ein ständiges Anliegen, sich an den Schatz der Heiligen Schriften zu halten.

In der Tat kann man das Mysterium Christi gar nicht vollends zum Ausdruck bringen, wenn man nicht auf das Alte Testament zurückgreift. Die menschliche Identität Jesu wird von seiner Bindung an das Volk Israel her bestimmt, war er doch aus dem Geschlecht Davids und ein Nachkomme Abrahams, und es handelt sich dabei nicht nur um eine physische Zugehörigkeit. Jesus nahm an den synagogalen Zeremonien teil, bei denen die Texte des Alten Testaments gelesen und kommentiert wurden, und so nahm er auch auf menschliche Weise Kenntnis von jenen Texten. Er nährte damit Geist und Herz, indem er sich ihrer dann in seinen Gebeten bediente; auch sein Verhalten war ganz von ihnen durchdrungen. So wurde er ein echter Sohn Israels, tief verwurzelt in der langen Geschichte seines Volkes. Als er zu predigen und zu lehren begann, schöpfte er reichlich aus dem Schatz der Schriften, und er bereicherte denselben durch neue Inspirationen und unerwartete Initiativen. Diese — und das sei wohl bemerkt — zielten nicht auf eine Abschaffung der alten Offenbarung, sondern im Gegenteil darauf, sie gänzlich zur Erfüllung zu bringen. Selbst der immer hartnäckigere Widerstand, mit dem sich Jesus bis nach Golgota konfrontiert sah, wurde von ihm im Licht des Alten Testaments verstanden, welches ihm das den Propheten vorbehaltene Los offenbarte. Er wußte auch aus dem Alten Testament, daß am Ende die Liebe Gottes immer wieder siegt.

Spannungen verringern und Mißverständnisse ausräumen

Spricht man Christus seine Verbindung mit dem Alten Testament ab, dann bedeutet das, ihn von seinen Wurzeln zu trennen und sein Mysterium allen Sinnes zu entleeren. In der Tat bedurfte auch die Fleischwerdung einer Einbindung in Jahrhunderte der Vorbereitung, um ihren Sinngehalt erkennen zu lassen; denn sonst wäre Christus nur, gleich einem Meteoriten, der zufällig auf die Erde fällt, ohne jegliche Verbindung mit der menschlichen Geschichte empfunden worden.

Von ihren Anfängen an hat die Kirche diese Verwurzelung der Fleischwerdung in der Geschichte und folglich auch die Eingliederung Christi in die Geschichte des Volkes Israel gut verstanden. Sie hat die hebräischen Schriften immer als stets gültiges Wort Gottes aufgefaßt, das, außer an die Söhne Israels, an sie selbst gerichtet war. Es ist von erstrangiger Wichtigkeit, ein solches kirchliches Bewußtsein der wesentlichen Verbindungen zum Alten Testament zu bewahren und zu erneuern. Ich bin sicher, daß Ihre Arbeiten in hervorragender Weise dazu beitragen werden, worüber ich mich jetzt schon freue und wofür ich Ihnen von Herzen danke.

Sie sind berufen, den Christen zu helfen, ihre eigene Identität zu begreifen, eine Identität, die sich vor allem vom Glauben an Christus, den Sohn Gottes, herleitet. Dieser Glaube ist aber untrennbar mit dem Alten Testament verbunden, denn es ist ein Glaube an Christus, „der für unsere Sünden gestorben ist gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,3-4). Der Christ muß wissen, daß er durch seine Zugehörigkeit zu Christus ein „Nachkomme Abrahams“ geworden ist (Gal 3,29) und daß er in den edlen Ölbaum eingepfropft wurde (vgl. Röm 11,17; 24), das heißt, er wurde in das Volk Israel eingegliedert, um so „Anteil zu erhalten an der Kraft seiner Wurzel“ (Röm 11,17). Wenn der Christ diese feste Überzeugung besitzt, dann wird er nicht mehr akzeptieren, daß die Juden, insofern sie Juden sind, geringgeschätzt oder, noch schlimmer, schlecht behandelt werden.

Wenn ich solches sage, ignoriere ich damit nicht, daß das Neue Testament die Spuren deutlicher Spannungen zwischen den urchristlichen Gemeinden und einigen Gruppen nichtchristlicher Juden aufzeigt. Der hl. Paulus selbst bezeugt in seinen Briefen, daß er als nichtchristlicher Jude stolz die Kirche verfolgt habe (vgl. Gal 1,13; 1 Kor 15,9; Phil 3,6). Diese schmerzlichen Erinnerungen müssen in der von Christus gebotenen Nächstenliebe überwunden werden. Es ist Aufgabe der exegetischen Arbeit, immer mehr in dieser Richtung weiterzugehen und so dazu beizutragen, die Spannungen zu verringern und die Mißverständnisse auszuräumen.

Im Lichte all des Gesagten ist die von Ihnen begonnene Arbeit höchst wichtig und verdient es, mit Sorgfalt und Eifer durchgeführt zu werden. Dies bringt natürlich schwierige Aspekte und empfindliche Punkte mit sich, ist jedoch äußerst vielversprechend und reich an großen Hoffnungen.


Zitiert nach: L‘Osservatore Romano. Wochenausgabe in deutscher Sprache Nr. 18, 2. Mai 1997, 10. (Orig. ital. in L‘O. R. 12. April 1997.)


Jahrgang 4/1997 Seite 269



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