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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 4/1997 Heft 3

Obwohl schon längst (z.B. 1935) als böse Fälschung enttarnt, werden in Kroatien und in Ungarn die „Protokolle der Weisen von Zion“ wieder neu aufgelegt und verbreitet (vgl. oben S. 163). Die „Protokolle“ waren eine Lieblingslektüre Hitlers und dienten diesem zur Untermauerung seines Judenhasses.
Die in Ungarn herausgekommene Version fand inzwischen in Österreich schon wieder eine allzustarke Verbreitung, besonders bei konservativen Christen. In der kroatischen Öffentlichkeit löste sie Verärgerung und Proteste aus. Katholische Stimmen, darunter die Zagreber katholische Wochenzeitung „Glas Koncila“, reagierten heftig. „Antisemitismus, auch in seiner leisesten Form, muß bei Christen sofort Alarm und Widerstand auslösen. Jeder Antisemitismus sei gegen die Menschlichkeit gerichtet und stehe auch in Widerspruch zum christlichen Glauben.“ Die Wiedererstarkung antijüdischer Kräfte in Kroatien sollte „alle christlichen Kräfte aktivieren, öffentlich dagegen aufzutreten“. Solche Entwicklungen seien nicht nur eine Gefahr für die jüdische Gemeinschaft, sondern auch für den Staat, die Nation und für die Kirche. In einer Reaktionserklärung des Staatspräsidenten wurde die Vermutung ausgesprochen, die Publikation könnte ein Versuch sein, den Aufbau guter Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft in Kroatien und in Israel zu verhindern.

Laut Beschluß der polnischen Regierung sollen die Arbeiten zur Erhaltung und Umgestaltung des ehemaligen Konzentrationslagers und des Museums von Auschwitz mit einem Kostenaufwand von etwa 120 Millionen sFr bis zum Jahre 2007 abgeschlossen sein. Damit sollen die Polemiken, die sich regelmäßig um die Gedenkstätte entzünden, beendet werden.
Neben dem katholischen Journalisten Stefan Wilkanowiwcz aus Krakau gehören dem Internationalen Komitee des Museums von Auschwitz noch zwei weitere Vizepräsidenten an, Kalman Sultanik vom Jüdischen Weltkongreß in New York und Israël Gutmann, Historiker an der Hebräischen Universität von Jerusalem.
Der Umgestaltungsplan sieht vor, dem Museum ein „Internationales Bildungszentrum für Lehrkräfte“, in erster Linie für Geschichtslehrer der Gymnasien, anzugliedern. Das Internationale Komitee möchte, daß das Bildungszentrum im ehemaligen Karmeliterinnenkloster – einst ein Theatergebäude – untergebracht wird. Das knapp außerhalb des KZ-Geländes gelegene Gebäude gehört der Stadt und diente den Nazis als Lager für das in den Gaskammern verwendete „Zyklon B“ Gas.

Die französischen Bischöfe verweigerten die Druckerlaubnis für die dritte Auflage der „Bible des Communautés Chrétiennes“ (Bibel der christlichen Gemeinschaften)... Die fragliche Bibelausgabe ist eine Übersetzung der in Spanien erschienenen „Bible latino-espagnol“. Die mit der Prüfung der geplanten dritten Neuauflage beauftragte Kommission der französischen Bischofskonferenz fand, daß die Übersetzung trotz Überarbeitung noch immer antisemitische Züge aufweise.
Der Beschluß der Bischöfe wurde vom Zentralkonsistorium von Paris (Dachorganisation der Juden Frankreichs) mit Dankbarkeit aufgenommen. Zugleich wurde der Wunsch geäußert, daß nach dem französischen Beispiel auch der Vatikan eine ähnliche Haltung einnimmt, damit überall, wo die „Bibel der christlichen Gemeinschaften“ verbreitet wird, gleicherweise entsprechende Maßnahmen ergriffen werden.

Nach dem letztjährigen Bericht der ADL (Anti-Defamation League of B‘nai B‘rith) sind mit 1722 gemeldeten Fällen antisemitische Angriffe in den USA gegenüber dem Vorjahr um 7% gesunken. Belästigungen, Drohungen und Überfälle nahmen um 15% ab, während antisemitischer Vandalismus von 727 Fällen um 7% auf 781 anwuchs. ADL-Angestellte bezeichnen den Stand antisemitischer Ereignisse von 1996 als den bisher niedrigsten seit 1990. Sie führen den Rückgang in erster Linie auf die Verbindung zurück, die zwischen der Durchsetzung von Gesetzen und besserer Information über das Judentum besteht. Die Abnahme von Angriffen auf jüdische Gemeindezentren, im Berichtsjahr um 20%, wird auf bessere Sicherungsmaßnahmen zurückgeführt, die die Gemeinden heute viel ernster nehmen als früher.

Am 29. Juni 1997 wird das griechische Außenministerium gemeinsam mit dem Weltrat der in Übersee lebenden Hellenen (SAE) und dem weltparlamentarischen Ausschuß der Hellenen in Thessaloniki die griechischen Juden ehren, die im Zweiten Weltkrieg starben. In einer Pressekonferenz, an der der stellvertretende Außenminister George Papandreou und SAE-Präsident Andreas Athens in Thessaloniki teilnahmen, wurde betont, „unsere Gesellschaft muß sich daran erinnern, wohin der Nazismus uns geführt hat, und unsere Jugend muß die Geschichte ihres Landes kennenlernen“.
Zu den Feierlichkeiten und zur Enthüllung eines Mahnmals für die jüdischen Opfer werden Delegationen jüdischer Gemeinden aus der ganzen Welt erwartet. Für den gleichen Tag ist eine Veranstaltung unter dem Namen „Jüdisches Leben in Griechenland“ geplant.

Beinahe die Hälfte der 1600 Juden Norwegens war dem Holocaust zum Opfer gefallen. Ein kleiner Rest konnte sich nach Schweden retten, verlor aber sein Hab und Gut an das norwegische Quisling-Regime. Kaum etwas aus dem einstigen jüdischen Besitz wurde zurückerstattet. Auf Bemühen des Jüdischen Weltkongresses soll nun auch die jüdische Gemeinschaft Norwegens Wiedergutmachung empfangen. Zur Bereinigung der Angelegenheit hat der skandinavische Staat einen Untersuchungsausschuß eingesetzt, der Entschädigungsmöglichkeiten für die Erben von 800 Opfern der Judenverfolgung prüfen soll, deren Eigentum nach dem Krieg in Norwegen versteigert worden war.

Mit dem Aussterben der Zeitzeugen des Nationalsozialismus droht die Gefahr, daß der Schrecken dieser Epoche immer abstrakter wird. Das befürchtet der Publizist und Historiker der Columbia-Universität Fritz Stern. Die Schulen und Medien haben die Verpflichtung, die Erinnerung an das Grauen der Konzentrationslager, aber auch an das Vorbild der wenigen Widerständler, der „Unbeugsamen im Zeitalter der Niederträchtigkeit“ wachzuhalten. Zum Auschwitz-Gedenken am 27. Januar sagte Stern in München, daß ein „ritualisierendes Gedenken einmal im Jahr“ nicht genügt.

Am 18. Schwat 5757 (26. Jan. 1997), dem Vortag zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus, wurde in Recklinghausen, Am Polizeipräsidium 3, eine neue Synagoge eingeweiht. Als einzige Gemeinde in der Bundesrepublik hat die drei-Städte-Gemeinde Bochum-Herne-Recklinghausen heute mehr Mitglieder als vor der Schoa. Allein seit 1989 war die Zahl von 85 auf 1139 angestiegen.

Unter dem Titel „Schweigen ist verboten — Sprechen ist unmöglich“ (Elie Wiesel) hat die Kommission Nationalsozialismus/Rechtsextremismus der katholischen Friedensbewegung Pax Christi eine Textauswahl für Veranstaltungen zum Schoa-Gedenktag herausgegeben. Die ausgewählten Texte bieten Auszüge aus historischen Dokumenten, Stimmen der Opfer und literarischen Zeugnissen für die Gestaltung von Gottesdiensten, Religionsunterricht und Gesprächsrunden.

Das Motto „Lernen ist die höchste Form jüdischer Lebensweise“ prägt die neue Zeitschrift „LAMED“ (hebr. für lehren und lernen) der schweizerischen Stiftung „Kirche und Judentum“. „Geh und lerne“ (Hillel) — die erste Titelnummer — darf in diesem Sinne wohl auch als Einladung verstanden werden.

Die Schoa-Forscherin Eva Reichmann feierte am 16. Januar 1997 ihren 100. Geburtstag. Bekannt wurde die im oberschlesischen Lublinitz geborene Soziologin mit ihrem 1954 erschienenen Buch „Flucht in den Haß“ (siehe FrRu IX, 1956/57, 61 f.).
Im Jahre 1982 faßte sie ihre Lebenseinstellung in knappen Worten zusammen: „Gerade weil ich als Angehörige der jüdischen Minderheit ein ganzes Leben lang mir das Streben nach Toleranz zu eigen gemacht habe, war ich mir bewußt, daß Toleranz etwas Großes ist, daß sie aber nicht genügt.“


Jahrgang 4/1997 Seite 236



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