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Stemberger, Günter

Jüdische Religion

Beck‘sche Reihe 2003. C. H. Beck, München 1995. 115 Seiten.

Wie läßt sich das allgemein Gültige einer Religion darstellen, wenn die Religion keineswegs ein einheitliches Gebilde ist? Denn nahezu alle großen Religionen sind uneinheitlich und in Konfessionen, Denominationen, Sekten und Gruppen aufgeteilt, allen voran das Christentum, aber auch das Judentum. Günter Stemberger ist sich der Schwierigkeit durchaus bewußt und spricht sie gleich in der Einführung an. „Das“ Judentum gibt es nicht (8); aber es gibt „religiöse Grundvorstellungen“. „Als Grundlinie der Darstellung gilt eine gemäßigte orthodoxe, der biblischen und talmudischen Tradition verpflichtete Lebensform“ (9). Nach diesem Grundsatz werden die Lebensphasen eines jüdischen Gläubigen von der Geburt bis zum Tode als formaler Rahmen gewählt, der mit den Inhalten des jüdischen Glaubens in Theorie und Praxis ausgefüllt wird, immer unter der Voraussetzung, daß im Judentum alles unter religiösem Vorzeichen steht, weil es eine Trennung zwischen religiösen und profanen Bereichen nicht gibt.

In sieben Kapiteln wird der Leser kurz und sachlich ins Judentum eingeführt nach den Stichworten: Eintritt, Haus, Ausbildung, Gesetz, Synagoge, Familie, Tod. Die jüdische Religion ist damit eine Weltanschauung, die dem Gläubigen in seinen positiven wie negativen Lebenserfahrungen eine sinnvolle Gesamtdeutung seines Lebens gibt. Dabei lassen sich unveränderliche Glaubensaussagen von geschichtlichen wie zeitgeschichtlichen Entwicklungen im Judentum unterscheiden. Zu den ersten gehören die allen jüdischen Gruppen gemeinsamen Kernworte: der Gott JHWH, der Bund, das auserwählte Volk, der Sabbat, die Tora, das Land Israel, das Pesachfest und anderes mehr. Unter den geschichtlichen Entwicklungen ist mit dem Untergang des Tempels von Jerusalem der Übergang von einer Kultreligion zu einer Buch- oder Wortreligion die Bedeutendste. „Grenzenlose Hochachtung vor dem Lernen und dem Buch, die das Judentum zum ,Volk des Buches‘ schlechthin gemacht hat“ (50) — darin zeigt sich die Wirkung dieser Entwicklung. Sie hat auch endgültig die Synagoge als Ort des Gebetes und der Lesung der Heiligen Schriften hervorgebracht. Mit ihr ist zugleich der Ort religiöser Praxis die Familie, in der die großen Feste wie Pesach, Chanukka und Purim gefeiert werden. Hinzu kommen viele Vorschriften und Gebräuche, die den Alltag des jüdischen Lebens regeln und prägen wie die religiöse Kleidung, die Speisegesetze, Heirat und Scheidung, Hochzeits- und Beerdigungsriten und vieles andere mehr.

Die Auseinandersetzung des Judentums seit der Aufklärung hat zur Gleichberechtigung geführt und die liberalen Strömungen im Judentum hervorgerufen oder gar ein atheistisches Judentum entstehen lassen. Eine noch nicht abgeschlossene zeitgeschichtliche Entwicklung führt zu einer immer deutlicheren Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau mit dem Mann. So wird angestrebt und in manchen jüdischen Gruppierungen schon verwirklicht, daß die Jüdin gleich dem 13jährigen Jungen schon mit 12 Jahren in einer Feier „Bat Mitzwa“ (Tochter des Gebotes) wird, daß sie für den Minjan mitgezählt wird, daß die Trennung zwischen Männern und Frauen in der Synagoge aufgehoben wird, daß gemischte Synagogenchöre eingeführt werden, daß auch sie in der Synagoge aus den Heiligen Schriften vorliest und schließlich auch Gemeinderabbinerin werden kann. Koedukation und Berufsausübung gehören ebenfalls zur modernen Jüdin; dagegen ist die Frau bei der Scheidung noch benachteiligt, weil der Mann dazu die Zustimmung geben muß. So kann als Zwischenergebnis gegenüber früher festgehalten werden: „Doch hat das Streben nach voller Gleichberechtigung der Frau breiteste Kreise des Judentums erfaßt und auch in Grundsatzfragen ein Umdenken bewirkt, am radikalsten natürlich in reformierten und liberalen Gemeinden, fast ebenso aber auch im konservativen Flügel, am wenigsten in orthodoxen Kreisen“ (100).

Das Buch kann jedem empfohlen werden, der eine kurze und sachlich verfaßte Studie über das Wesen des Judentums lesen möchte.

Bernd Bothe


Jahrgang 4/1997 Seite 220



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