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Mensink, Dagmar; Boschki, Reinhold (Hg.)

Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung

Versuche zu Elie Wiesel. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1995. 182 Seiten.

Als Elie Wiesel 1986 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, hieß es in der Begründung: „Elie Wiesel ist einer der wichtigsten geistigen Wegweiser unserer Zeit. Seine Worte künden von der Bedeutung des Friedens, der Versöhnung und der Menschenwürde.“ Dennoch ist Wiesels Werk, seine Romane, Dramen und Essays im deutschen Sprachraum weit weniger bekannt als etwa in den USA oder in Frankreich. Auch aus diesem Grund fand im März 1993 eine Veranstaltung der Katholischen Akademie der Erzdiözese Freiburg statt mit dem Titel „Das Gegenteil von Gleichgültigkeit ist Erinnerung. Das Werk Elie Wiesels als Zeugnis wider das Vergessen“. Im hier vorliegenden Buch sind die Vorträge, die dort gehalten wurden, in teils überarbeiteter und ergänzter Fassung gesammelt, neue Beiträge — vor allem ein Beitrag von Elie Wiesel selbst — kamen dazu. Den Herausgebern ist damit sicherlich ein großer Schritt dazu gelungen, das Werk Elie Wiesels und seine Bedeutung auch in unserem Sprachraum besser bekanntzumachen. Beim Lesen der einzelnen Beiträge wird zudem deutlich, wie Vieles und vor allem wie Wesentliches uns Elie Wiesel heute zu sagen hat.

Schon in der „Einführung in die literarische Welt Wiesels“ macht Reinhold Boschki deutlich, daß es Elie Wiesel in seinen Schriften um mehr als nur um Literatur geht. Er schreibt nicht um des Schreibens willen, auch nicht um der Ästhetik der Sprache willen, Wiesel schreibt aus seiner Erfahrung des Holocaust während des Nationalsozialismus heraus. Als jüdischer Überlebender will er Zeugnis geben und erinnern, damit die Opfer nicht vergessen werden, damit Ähnliches nie wieder geschieht.

Wiesel kämpft gegen die Gleichgültigkeit des Menschen an und auch gegen die Gleichgültigkeit Gottes. Letzterem widmet sich vor allem der Beitrag von Karl-Josef Kuschel „Verweigerung der Theodizee – Warten auf Theodizee. Zu Elie Wiesels Drama ,Der Prozeß von Schamgorod“. Elie Wiesel protestiert gegen einen Gott, der nur gleichgültig zuschaut, er protestiert aber auch gegen alle Versuche des Menschen, Gott aus seiner Verantwortung für den Menschen zu entlassen bzw. ihn von seiner Verantwortung gänzlich freizusprechen. Im „Prozeß von Schamgorod“ ist diese Art Rechtfertigung Gottes ein Werk des Teufels. Elie Wiesels Botschaft ist daher gerade auch für Christen von besonderer Bedeutung, heute, in der Zeit nach Auschwitz, in der die Theodizee-Problematik zu einem fundamentalen Problem christlicher Theologie geworden ist.

Diesem Thema widmet sich dann auch Rolf Rendtorff unter dem Titel „Auschwitz als Anfechtung des Christentums. Elie Wiesels Botschaft für Christen nach Auschwitz“. Auch wenn sich Elie Wiesel in seinem Werk nicht direkt an die Christen wendet, so hat er doch eine Frage für sie, nämlich wie es möglich wurde, daß im christlichen Europa ein derart menschenverachtendes Regime an die Macht kommen konnte. Elie Wiesel ist dadurch natürlich — und glücklicherweise — kein angenehmer Schriftsteller. Aber er will seinen Lesern und Zuhörern auch nicht nach dem Mund reden, sondern Stachel gegen die Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit sein. So wie es Dorothee Sölle im Schlußbeitrag dieses Buches unter dem Titel „Erinnern. Elie Wiesel zu Ehren“ zum Ausdruck bringt: „Ich verstehe Wiesels Schriften als ein Gebet zu Gott, um unsere Gefühllosigkeit zu überwinden und die entfremdeten Menschen zu befreien — die sich so lange voneinander entfernt hatten.“

Herbert Winklehner


Jahrgang 4/1997 Seite 214



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