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Magonet, Jonathan

Wie ein Rabbiner seine Bibel liest

Aus dem Englischen übersetzt von Sieglinde Denzel und Susanne Naumann. GTB 1440, Gütersloh 1994. 240 Seiten.

Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: A Lesen lernen; B Die alten Fragen, die alten Antworten.

Fast im Plauderstil, augenzwinkernd und mit humorvoll-ironischem, auch selbstironischem Unterton, und doch sehr ernsthaft, erfahren Christen viel über die jüdische Art, die Bibel zu lesen und mit ihr und ihrer langen Überlieferungsgeschichte umzugehen. Es kann einem aufgehen, welchen Unterschied es macht, die Texte im hebräischen Original statt in der Übersetzung zu lesen. Wie die Wortspiele sich nur im Hebräischen entschlüsseln, welche Bedeutung Leitworte haben, die an ganz verschiedenen Stellen auftauchen, die Sinn erschließen und Zusammenhänge herstellen. Der Autor, Rabbiner und Direktor des Leo Baeck College in London, gibt nicht vor, auf alle Fragen Antworten parat zu haben, ganz im Gegenteil: Er mutet uns zu, mit offenen, mit nicht beantwortbaren Fragen zu leben (und zu glauben) — oder auch zu akzeptieren, daß mehrere, vielleicht sogar widersprüchliche Antworten möglich sind, wenn neueste literaturwissenschaftliche, aber auch frühe rabbinische Autoritäten zur Sprache kommen. Oder wenn biblische Erzähltechnik verglichen wird mit Großaufnahmen, Rückblenden und Rücklauf, mit Zeitraffer- und Zeitdehnungstricks heutiger Filmkunst. Magonets Folgerung: Niemand hat „das Exklusivrecht auf die Bibel und ihre Auslegung“.

Jonathan Magonet flicht immer wieder Anekdoten und autobiographische Erinnerungen ein, besonders aus seiner Kindheit. Vielleicht könnte die Fremdheit zwischen Angehörigen verschiedener Religionen leichter abgebaut werden, wenn wir uns mehr solche zutiefst menschlichen Begebenheiten erzählten!

In Teil B werden so zentrale Themen behandelt wie Gen 1-4 „Sündenfall oder Gnadenstoß?“ Schon diese Fragestellung läßt unkonventionelle Antworten erwarten: „Ist der ,Sündenfall‘ wirklich die entsetzliche Katastrophe, die manche Theologien in ihm sehen? Oder ist er ein erster, notwendiger Schritt in die Emanzipation der Menschheit ...?“ Wenn es hier „um eine Befreiung geht, so bitter und schmerzlich sie auch im Augenblick der Ablösung sein mag, dann tragen die Menschen wirklich die Verantwortung für ihr Leben und Tun, für ihre Entscheidungen und letztlich sogar für ihren Tod. In der Sprache des biblischen Glaubens haben sie damit aber auch die alleräußerste Freiheit — die Freiheit, sich für oder gegen Gott zu entscheiden; und darin besteht ja gerade das Abenteuer, das mit Abraham begann.“

Die Frage „Sind Sie erlöst?“ fordert Christen heraus, ihr Verständnis von Heilsgeschichte und Erlösung zu überdenken. In „Universalismus und Partikularismus“ führt Magonet in die Spannung hinein: „der Gott Israels“ ist „der Gott der ganzen Welt“ — bis zu Konsequenzen in die heutige Realpolitik. „Propheten im Widerspruch“ — da kann einem neu aufgehen, wie breitgefächert und auch ambivalent das Phänomen biblischer Prophetie ist. Was wir von den Propheten lernen können, ist „mißtrauisch gegenüber dem konventionellen Wissen, den überkommenen Traditionen und den modischen Wahrheiten unserer eigenen Zeit zu sein ...“ Zu den zahlreichen Gottesbildern der hebräischen Bibel sagt Jonathan Magonet: „All das sind menschliche Versuche zu beschreiben, was nicht beschrieben werden kann.“

Wer der Meinung ist, jüdische Bibelgelehrte würden die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung nicht wahrnehmen, kann sich durch die Lektüre dieses Buches eines Besseren belehren lassen. Allerdings hält Jonathan Magonet diese Ergebnisse auch nicht für der Weisheit allerletzten Schluß, sondern macht auf ihre Bedingtheit aufmerksam: „Alle Wissenschaft ist immer auch zeitgebunden und bewegt sich zwangsläufig innerhalb der Wertvorstellungen und Ansichten ihrer jeweiligen Epoche.“

Ein Buch, das in einer Zeit „verdunstenden Glaubens“ neue Freude am Glauben und Leben mit der Bibel wecken kann.

Ruth Ahl


Jahrgang 4/1997 Seite 212



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