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Interkonfessionelle Gruppe, Mailand

,TESHUVA‘

Brief an die Delegierten der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung vom 23.-29. Juni 1997 in Graz von der interkonfessionellen Gruppe, Mailand.*

Wir sind katholische und protestantische Christinnen und Christen und arbeiten in unseren jeweiligen Gemeinden für einen Prozeß der Versöhnung der christlichen Kirchen mit dem Judentum. Unsere Gruppe ist auf Anregung der Diözesankommission für Ökumene und Dialog, Mailand, entstanden. Sie hat verschiedene Studien und Treffen von Christen und Juden initiiert und hierzu Pfarrer, Pastoren und Katecheten der verschiedenen Kirchen Mailands eingeladen. Seit Jahren erarbeitet sie Unterlagen für den 17. Januar, der Tag, den die Italienische Bischofskonferenz der Beschäftigung mit dem Judentum gewidmet hat.

Bisher haben wir einen Weg beschritten, der reich an Augenblicken der Begegnung und eines wahren und tiefen Dialogs war: Dialog im Licht des Weges, auf den Gott in verschiedener Weise (wir denken auf komplementäre Weise) sowohl das Judentum als auch das Christentum gerufen hat; Begegnung, die sich um ein besseres gegenseitiges Verständnis im Geiste bemüht. In diesen Augenblicken haben wir uns auch gefragt, warum unsere Kirchen bisher noch kein klares und offenes Schuldbekenntnis abgelegt haben zu all den Verleumdungen, dem Haß und den Verfolgungen, die dem Volk Israel gegenüber geschehen sind und wegen ihres fortwährenden Schweigens, ihres stillen Einverständnisses und der Verantwortung, die sie während der schrecklichen Jahre der Schoa hatten. Die Erfahrung, die wir bisher machen konnten, scheint uns ein Anfang oder zumindest ein Versuch zu sein, der sich auf dem Weg der Versöhnung im Geiste der Europäischen Ökumenischen Versammlung von Graz 1997 fortsetzen könnte.

Aus diesem Grunde möchten wir Euch an unseren Überlegungen teilhaben lassen und einige Fragen stellen in der Hoffnung, daß Beiträge wie dieser Eurer Arbeit nützlich sein mögen, so wie ,einzelne Weizenkörner helfen, das gemeinsame Brot vorzubereiten‘.

Der Prozeß der kritischen Aufarbeitung des christlichen Antijudaismus hat mit großer Mühe erst nach 1945 begonnen. Große Unsicherheiten begleiteten ihn in diesen 50 Jahren. Aber es wurden auch wichtige Schritte vorwärts getan. Trotzdem halten wir es für notwendig, darauf hinzuweisen, daß der Antijudaismus (diese Annahme ist weit verbreitet) kein Problem ist, das das Christentum eigentlich nur am Rande (ad extra) berührt (als ob es hier lediglich um seine Beziehung zum Judentum gehe), sondern daß es hier um eine genuine (ad intra) christliche Frage geht, nämlich um die spezifisch christliche Identität. Denn oft definierte sich christliche Identität im Grunde als ,Überwindung‘ und ,Substitution‘ des Judentums. Von einer wirkungsvollen Überwindung des christlichen Antijudaismus können wir aber aufrichtigerweise nicht sprechen, solange nicht in Predigt, Katechese und christlicher Erziehung die Theorie der ,Substitution‘ ausgelöscht wird, solange eine ,typologisierende‘ Lektüre der hebräischen Bibel nicht ins Umfeld historischer Exegese zurückgeführt wird. Diese verzerrte Lektüre war die Wiege jener verachtenden Lehre, in der der ganze Antisemitismus genährt wurde. Noch heute hat sie eine wichtige Schlüsselfunktion für das theologische Verstehen, ja noch mehr, sie lebt nach wie vor in der kirchlichen Praxis (in biblischen Kommentaren, in Lektionaren, in liturgischen Texten).

Der Ausgangspunkt für die Frage nach Gott kann heute kein anderer als Auschwitz sein, ein Punkt, hinter den es kein Zurück gibt.

Nach diesem eigentlich unvorstellbaren Geschehen Gott zu denken oder an Gott zu denken, bringt einen tiefen Bruch im heutigen christlichen Selbstbewußtsein mit sich. Die Schoa ist ein Ereignis, das sich im modernen und christlichen Europa ereignete, das von getauften Menschen geplant und ausgeführt wurde. Christen können sich diesem Faktum nicht entziehen. Sie müssen sich der Frage stellen, daß hier versucht wurde, ,Gott umzubringen, indem man sein Volk tötete‘.

Gleichzeitig müssen sich Christen heute, wenn sie neuerlich auf das Judentum schauen, vor dem Risiko in acht nehmen, die jüdische Tradition zu instrumentalisieren oder sie sich so als Eigenes anzueignen, als ob sie damit ihrer eigenen Identität einen neuen Anstrich geben könnten. Auch hiermit würde das Anderssein des Judentums verkannt. Dies wäre neuerlich eine Form von Gewalt. Es gibt eine unzerstörbare Integrität (irriducibilità) des Judentums, die die Christen wahrnehmen müssen.

Punkte, die u. a. als Traktanda behandelt werden:

  • Welche Konsequenzen hat es für unseren christlichen Glauben, wenn wir dem Alten Testament, der Heiligen Schrift Israels, einen eigenständigen Wert im Inneren der göttlichen Offenbarung beimessen und das Alte Testament nicht lediglich als Ankündigung von etwas, das sich erst noch erfüllen muß, sondern als Ereignis betrachten, das in sich schon erfüllt ist, sowohl in der Wurzel als auch in der Perspektive?
  • Welche Konsequenzen hat es für unseren christlichen Glauben, wenn wir das Neue Testament nicht als Modifizierung oder als Ersatz des Alten betrachten, sondern als eine bereichernde Ergänzung des Ersten? Welche Beziehung kann sich dann auf dieser Basis zwischen Altem und Neuem Testament ergeben? Welche Folgen hat dies für unsere Bibellektüre?
  • Unser christlicher Glaube steht Seite an Seite mit anderen Glaubensbekenntnissen. Sie fordern uns. Sie erwarten unsere Auseinandersetzung, unseren Austausch mit ihnen. Aber der Glaube Israels, der auch ohne uns existiert, existiert in gleicher Weise in uns als untrennbarer Teil unseres Glaubens. Müssen wir – in diesem Lichte betrachtet – der Beziehung zwischen Christen und Israel nicht eine ganz besondere, eine fundamentale Rolle einräumen, unterschieden von unserer Beziehung zu anderen Glaubensbekenntnissen?
  • Müssen wir als christliche Kirchen nicht vielleicht die große ökumenische Möglichkeit erkennen, wenn wir uns gemeinsam auf diesen Prozeß einlassen, daß sich im Blick auf Israel die eigene Identität vollkommen neu definiert?

Die 2. Europäische Ökumenische Versammlung in Graz will Menschen einladen, Schritte der Versöhnung zu suchen.

Wir glauben, daß Versöhnung zwischen Juden und Christen möglich ist, weil sie in Gott ihre Wurzel hat.

Jahrgang 4/1997 Seite 195



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