Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Archiv Neue Folge > 1997 > 472  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge
1993/94
1995
1996
1997
1998
1999
2000
PDF-Dateien ab 2001

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Berichte Heft 2 1997

Dokumente synagogaler Musik

Eine „sensationelle Entdeckung“ hat der Direktor des Europäischen Zentrums für jüdische Musik (Hannover), Andor Izsák, gemacht. In einem Archiv in Philadelphia, USA, hat er die Erstausgabe des Ejn Keloheinu, ein Lied, das in allen Synagogen der Welt gesungen wird, gefunden. Die Noten, die aus der zerstörten Synagoge in Hannover stammen, seien von großer Bedeutung, weil sie beweisen, daß es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, alle Dokumente synagogaler Musik zu zerstören. Auch könne nun davon ausgegangen werden, daß Ejn Keloheinu in Braunschweig komponiert worden sei und nicht, wie ursprünglich angenommen, aus England kommt. In Braunschweig hatte die Jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert unter dem toleranten Herzog Karl Wilhelm Ferdinand eine besondere Blütezeit erlebt. Auch Partituren von Alfred Roses, die ebenfalls erst jetzt entdeckt wurden, gelten als gelungener Versuch, eine einheitliche Musik für die jüdischen Gemeinden vorzulegen. Die Musik soll nun „so schnell wie möglich“ auf Tonträgern veröffentlicht werden.

Buchraritäten in Wilna

Im 17. und 18 Jh. war die litauisch-polnische Stadt Wilna ein Zentrum jüdisch intellektueller und geistlicher Erneuerung. Was übriggeblieben ist von jener bedeutenden jüdischen Kultur sind zehntausende Bücher von unschätzbarem Wert, darunter tausende von Erstausgaben des Verlagshauses Romm, des größten Verlags von hebräischen und jüdischen Werken im 19. Jahrhundert. In kalten und schlecht beleuchteten Räumen einer ehemaligen katholischen Kirche in Wilna, wo die Bücher lagern, mühen sich zwei Frauen um die Erfassung und Sortierung der Bücher und Schriften. Jüdische Experten sähen die Veröffentlichungen gern an aktiven Studienzentren, wo sie wiß- und lernbegierigen Juden zugänglich wären. Für viele der meist älteren 4000 in Wilna lebenden Juden würde die Auslagerung der Schätze das Ende der 600 Jahre alten Kultur, wenn nicht gar das Ende des ortsansässigen Judentums, bedeuten.

Jüdische Kulturtage 1996

Berlin: Im Rahmen der Feier des 325jährigen Bestehens der Berliner jüdischen Gemeinde gaben Ausstellungen, Vorträge und Musik Einblick in die Geschichte des Berliner Judentums. Die Ausstellung „Erbe und Auftrag“ im Centrum Judaicum stand für den erneuten Anfang jüdischen Lebens in Berlin. Drei weitere Ausstellungen behandelten die Vergangenheit: die Fotodokumentation ,Deutsche Juden‘, Jüdische Orte in Berlin‘, und ,Die Geschichte des jüdischen Krankenhauses‘. Die Ausstellungskataloge zu ,Deutsche Juden‘ und ,Jüdische Orte in Berlin‘ sind in der Nicolai‘schen Verlagsbuchhandlung Berlin als Bildbände erschienen.

Köln: Das Thema der 2. Kulturwoche war zugleich auch ihr Ziel: „Wir wollen uns von der Schoa lösen, wir wollen mit neuen Themen jüdischen Lebens zeigen, daß das Judentum eine lebendige Angelegenheit ist.“ Auftakt war eine Aufführung des Jüdischen Komödien Theaters Tel Aviv: ,A meschuggene Welt‘, jüdischer Humor und jüdische Weisheit in Jiddisch. Weitere Angebote: synagogale Gesänge, eine Fotoausstellung des Kölner Fotografen Hans Sachs in der Germania Judaica, eine Dokumentenausstellung über jiddische Dichter aus der Bukowina (Jitzig Manger und Eliezer Steinberg), das Theaterstück ,Der weiße Rabe — Eichmann in Jerusalem‘, Besuch der Synagoge und des jüdischen Gemeindezentrums unter der Führung von Ernst Simon und eine Podiumsdiskussion zur Frage nach dem Beitrag der Juden zum Kultur- und Geistesleben in Deutschland.

Zürcher Lehrhaus

Das Zürcher Lehrhaus ist ein Angebot der Stiftung Kirche und Judentum in Zusammenarbeit mit der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks. Es richtet sich hauptsächlich an Nicht-Juden, ist aber auch für jüdische Kursteilnehmern offen. Die Leiter des Lehrhauses, der Theologe Martin Cunz und Michel Bollag, Rabbinatsassistent der Israelitischen Kultusgemeinde Zürich, wünschen sich eine stärkere jüdische Beteiligung. Nach Bollags Ansicht scheuen sich Juden vor der Auseinandersetzung mit dem Fremden, so daß vielfach Christen mehr profanes Wissen über das Judentum haben als umgekehrt.

Herzl Jubiläum in Wien

Zum Gedächtnis des 100. Jahrestages des Ersten Zionistenkongresses und dem Erscheinen des Buches „Der Judenstaat“ von Theodor Herzl wurde vom damaligen Bundeskanzler Franz Vranitzky die Ausstellung „JudenFragen – Jüdische Positionen von Assimilisation bis Zionismus“ eröffnet. Die Ausstellung gruppiert sich um das schwebende Arbeitszimmer Herzls und behandelt Themen jüdischer Positionen und Antworten auf die Herausforderungen der nichtjüdischen Umwelt: „Sehnsucht nach Zion“, „Diaspora, Religiöse, Politische, Individuelle, Zionistische und Israelische Positionen“, „Positionen nach der Schoa“, die in der Erkenntnis gipfeln: „Es gibt viele Wege, jüdisch zu sein, und sie alle sind gut.“

Zur Jahrtausendwende: Zwei Kongresse in Rom

Die katholische Kirche will zur Jahrtausendwende ihr Gewissen im Blick auf den Antisemitismus und die Inquisition erforschen. Zwei Kongresse sind für 1998 geplant. Vorgesehen ist ein Schuldbekenntnis für das Jahr 2000. Die katholische Kirche will — so Papst Johannes Paul II. — mit gereinigtem Gewissen in das Jahr 2000 gehen. Auf Wunsch des Papstes soll dazu eine Kommission von 26 Geistlichen, Theologen und Historikern eingesetzt werden. Diese beiden Kongresse sollen die Fehler der Kirche offen ansprechen, jedoch keine einzelnen Vorfälle behandeln. Dies bleibt den Diözesen überlassen. Es sind zwei Abschlußdokumente vorgesehen mit allgemeinen Schuldbekenntnissen, die der Papst unterzeichnen wird und in denen die Welt um Verzeihung für die Irrtümer und Schuld gebeten wird. Es werden also neuralgische Punkte auf Wunsch des Papstes angesprochen. Doch was kann dabei herauskommen? Es soll z. B., wie bereits 1982, auch jetzt nicht die Institution der Inquisition verurteilt werden, sondern nur die Exzesse der Inquisition. Das gleiche gilt für den Antisemitismus. Sämtliche Stimmen und Schriften zu dem Kongreß des Antisemitismus sprechen nicht von einer generellen Schuld der Kirche zum Entstehen des Antisemitismus, sondern von gewissen Exzessen, denen sich die Kirche stellen wird. So entsteht zur Zeit in der Öffentlichkeit der Eindruck, diese Kongresse haben vorwiegend eine Alibifunktion. Das Ergebnis hängt jedoch im wesentlichen davon ab, wie die Kommissionen besetzt sein werden.

„Die Weisheit ruft“

Eine Einführung in die Weisheitsliteratur der Hebräischen Bibel, das war das Ziel eines Israel-Bibelkurses in Freudenstadt. Referenten waren Abraham Frank (Jerusalem), Dozent Gerhard Burck (Theologisches Seminar Reutlingen) und Pastor Walter Schwaiger (Reutlingen), der auch die Leitung dieser Woche übernommen hatte. Die Einführung in das Thema erfolgte anhand von Textbeispielen aus der Weisheitsliteratur im Alten Israel. Es folgten Ausführungen zur Bedeutung der Weisheitsliteratur für Israel. Aus der Hebräischen Bibel wurden folgende Bücher ausgewählt: Das Buch der Sprüche, Das Buch Hiob, Prediger Salomo. Außerbiblische Texte wurden aus den Apokryphen und den Sprüchen der Väter dazugenommen. Oft sind es einzelne Sentenzen, die Anleitung zu einer geordneten Lebensweise geben. Als Textbeispiel: Wer ist weise? Der von anderen lernt (und andere lehrt). Wer ist ein Held? Der seine Leidenschaft bezwingt. Wer wird von den Menschen geehrt? Der andere ehrt.

Im Vergleich zwischen der Weisheitsliteratur der Hebräischen Bibel und dem christlichen Glauben wurde die Überleitung zur christlichen Weisheitsliteratur geschaffen: Jesus als Lehrer. Am Theodizee-Problem wurden die Grenzen der Weisheit aufgezeigt. Hier bleibt als mögliche Antwort Hoffnung und Vertrauen.

Die alljährlich stattfindende Israel-Bibelwoche (bereits zum 18. Mal!) ist mit ihren Themen aktuell und zeitlos zugleich.

Zum Nacharbeiten wurden die Texte (in guter Qualität) auf MC aufgenommen und können bestellt werden bei Erich Mack, Hohe-Acker-Straße 18, 73061 Ebersbach.

„Weihnukka — Synagoge et Opera“

Wenn in jedem Jahr Chanukka und Advent in den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit gefeiert wird, braucht es eigentlich nicht mehr erwähnt zu werden. Doch in München bekam diese Feier 1996 einen besonderen Akzent durch das „Wie“: Andor Izsák, Leiter des Europäischen Zentrums für jüdische Musik in Hannover, gestaltete zusammen mit Kantor Emanuel Rund den Hauptteil dieser Feier. Andor Izsák am Flügel brachte Betrachtungen zu Weihnachten und Chanukka in einem musikalischen Vortrag mit Kostproben aus synagogaler und christlicher Musik. Wieweit z. B. Johann Sebastian Bachs Musik Niederschlag in der Synagogenmusik gefunden hat, wem war es bekannt? Und was schafft mehr Verbindung als ein gemeinsam gesungenes Lied wie „Tochter Zion“ mit deutschem Text und als Chanukkalied mit hebräischem Text?

Djerba — „Jerusalem Afrikas“

In den einst rein jüdischen Dörfern ,Hara Kebira‘ und ,Hara Sghira‘ auf der Insel Djerba (Tunesien) wohnen heute noch etwa tausend Juden. Nach der Gründung des Staates Israel haben ungefähr 3500 ihre alte Heimat verlassen. Die zwei orthodoxen Gemeinden sind stolz darauf, in über 2000 Jahren Diaspora an ihrem Glauben festgehalten zu haben. Zeugnis dieser einst berühmten Zentren jüdischer Frömmigkeit und Gelehrsamkeit und der noch immer lebendigen Gemeinden geben zwanzig erhaltene Synagogen, Talmudschulen und Bibliotheken. Alte Rivalitäten trennen jedoch die beiden Gemeinden. Hara Sghira führt seine Gründung auf Priester zurück, die nach der Zerstörung des Ersten Tempels nach Djerba geflohen sein sollen. Außerdem rühmt es sich der legendären Synagoge „Al Ghriba“, die nach der Erzählung auf heiligem Boden steht. Hara Kebira ist für seine reine Lehre und seine Gelehrsamkeit bekannt, die bezeugt wird durch eine funktionierende Jeshiwa. Die Beziehungen zur moslemischen Bevölkerung werden von beiden Seiten als problemlos bestätigt. Die jüdischen Bewohner fühlen sich gleichberechtigt, respektiert und toleriert.

Juden in Amsterdam heute

Bis zum 2. Weltkrieg lebten von den 140.000 holländischen Juden 120.000 in Amsterdam. Heute sind es 15.000 von 25.000. In Amsterdam gibt es eine Vielfalt von Synagogen: russische, portugiesische, sephardisch- und aschkenasisch-orthodoxe, liberale. Mit Ausnahme der Liberalen sind alle Synagogen Amsterdams Mitglieder der „Nederlands Israelitisch Kerkgenottschap“ (N.I.K.). Die Problematik der Frage „Wer ist ein Jude“ läßt sich auch in Amsterdam nicht vermeiden. Sie beeinträchtigt die Zusammenarbeit der orthodoxen N.I.K. mit dem liberalen „Verbond van Liberaal-Religieuze Joden“ in den vielfältigen Aspekten jüdischen Lebens, vom Gottesdienst bis zur Aufnahme der Kinder in eine der zwei jüdischen Schulen. Rabbi Y. E. Huisman von der Portugiesischen Synagoge plädiert für die Vielfalt: „Der Baum des Lebens, je größer und gesünder, hat um so mehr Zweige.“

Aktion Sühnezeichen

Seit Bestehen der Jugendbegegnungsstätte der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) haben sich dort mehr als 14.000 Jugendliche aus ganz Europa mit der schlimmsten Form des Nationalsozialismus, dem Massenmord in Auschwitz und Birkenau, auseinandergesetzt und sind Überlebenden begegnet. Trotz erheblicher Widerstände gegen ein deutsch-polnisches Begegnungszentrum in Auschwitz war die Stätte 1986 innerhalb von sechs Monaten errichtet worden. Ein Dialog zwischen den Nachkommen von Tätern und Opfern kommt überwiegend zwischen Deutschen und Polen zustande. Andere Gruppen kommen aus Norwegen, Litauen und der Ukraine. Besuche jüdischer oder israelischer Jugendlicher sind dagegen selten und nur kurz. Dazu Christoph Heubner, Osteuropareferent der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste: „Die Schicht über der Wunde von Auschwitz ist nach wie vor sehr dünn.“ Es ist für jüdische Jugendliche auch unerträglich, auf dem größten Friedhof des Judentums zu übernachten.

Antisemitismus im Internet

Auf einer internationalen Konferenz von Wissenschaftlern an der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde diese moderne Form von möglicher weltweiter Verbreitung antisemitischer Gedanken angesprochen. Dr. Steven Wasserstrom, Professor für Judentum am Reed College, Oregon, sprach in diesem Zusammenhang von der Verbreitung von „satanischen Mythen“ über Internet. Er zitierte auch Beispiele von Verzerrungen und Haßparolen, mit denen Judenhaß weltweit verbreitet wird und in Sekundenschnelle „abrufbar“ ist.

Eingeladen zu dieser Konferenz hatten die Hebräische Universität Jerusalem und die Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Internet sollte die gemeinsame Forschung der beiden Universitäten unterstützen.


Jahrgang 4/1997 Seite 150



top