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Sichelschmidt, Lorenz

Mala

Ein Leben und eine Liebe in Auschwitz. Mit einem Geleitwort von Arno Lustiger. Donat Verlag, Bremen 1995. 165 Seiten.

Der Autor sieht auf einer Ausstellung von Werken jüdischer Häftlinge „das Gesicht einer jungen Frau, angefertigt von Häftling 37255, Zofja Stepien. Die Frau auf der Kreidezeichnung scheint mich direkt anzuschauen, doch gleichzeitig blickt sie durch mich hindurch. Unter dem Bild der Name der Porträtierten: Mala Zimetbaum. — Bei der Gelegenheit fasse ich den Entschluß: Ich werde versuchen, über diese Person Näheres zu erfahren“ (136).

Lorenz Sichelschmidt, Sprachpsychologe an der Universität Bielefeld, tritt mit Zeitzeugen in Verbindung, deren Namen im Anhang angegeben sind. Er schreibt und besucht, fragt und forscht und erhält Antwort. Daraus stellt er eine Biographie zusammen, deren literarische Komposition schon ungewöhnlich ist. In sieben Kapiteln wird jeweils auf sieben Anfangsseiten das „Heute“ der Forschungszeit (Orte, Zeugen, KZ) kurz umrissen und zugleich zurückbezogen auf die Vergangenheit, die abwechselnd in kurzen Abschnitten Malas Leben erzählt, das ständig in eingestreuten zeitgeschichtlichen Ereignissen, vor allem der Nazi-Diktatur und der Endlösung der Judenfrage, eingerahmt wird. Die Sorgfalt der Recherchen zeigt sich neben den Zeugenaussagen in Dokumenten, die an passender Stelle den Text begleiten: Stammbaum der Familie Zimetbaum, Karte der „Reisen“ Malas, Fotos der Familie Zimetbaum und Gruppenaufnahmen mit Mala, Mala mit ihrem Verlobten Charles Sand, fünf Einzelaufnahmen Malas (deren Gesicht auf der letzten nicht mehr lächelt), Lageplan und Fotos von Auschwitz, Fotos zur Endlösung, Malas Postkarten aus Auschwitz, Edward Galinski — Malas große Liebe in Auschwitz, Dokumente ihrer Flucht und Gefangenschaft, und als letztes Zeugnis Graffiti der beiden Liebenden auf den Kerkerwänden sowie auf dem Einband die Kreidezeichnung des Häftlings Nummer 19880.

Im Rahmen dieser literarischen Form wird das Leben „einer der legendärsten und hierzulande trotzdem weitgehend unbekannten heldenhaften Gestalten des jüdischen Widerstandes“ (7) sichtbar. Malka Zimetbaum, später Mala gerufen, geboren am 26. Januar 1918 in Brzesko (Polen), kommt mit ihren jüdischen Eltern Pinkas Zimetbaum und Chaja Schmelzer sowie mehreren Geschwistern über Deutschland nach Antwerpen in Belgien, wo sie ihre Kinder- und Jugendzeit erlebt, ihren Verlobten „Charlotie“ kennen- und liebenlernt, aber auch ihr tragisches Schicksal und das ihres Volkes vorausahnt: „Ja, ihr glaubt, die Deutschen würden uns nichts tun, würden uns Brot und Arbeit geben; aber eines Tages kommen sie unverhofft und nehmen uns von der Straße weg fest“ (36). Genau das geschieht am 22. Juli 1942, als die deutsche Feldgendarmerie aus den Zügen zwischen Brüssel und Antwerpen rund 200 jüdische Reisende festnimmt und im üblichen Verfahren in die KZ verfrachtet. In der Folgezeit wird fast die ganze Familie verhaftet und getötet. Nur ihre Schwester Joschka kann sich verbergen und später das Leben ihrer Schwester bezeugen.

Ihrer Intelligenz und Sprachkenntnisse wegen wird Mala in Auschwitz Läuferin und setzt sich mit Klugheit und Leidenschaft für die Lagerhäftlinge ein, soweit es ihre hervorgehobene Position zuläßt. Dort auch begegnet sie dem polnischen Häftling Edward Galinski, verliebt sich in ihn, flieht mit ihm und wird doch wieder gefangengenommen. Nach Verhör und Folterungen werden beide zur Hinrichtung geführt. „Edek“, 21 Jahre alt, wird am 15. September 1944 öffentlich gehenkt. „Mally“ schneidet sich im Angesicht aller Lagerinsassen des Frauenlagers und der Lagerleitung vor dem drohenden gewaltsamen Tod am gleichen Tag mit einer Rasierklinge die Pulsadern auf, schlägt dem sie begleitenden Arbeitsdienstführer, der sie daran hindern will, vor aller Augen mit der freien Faust mitten ins Gesicht und stirbt, bevor „dieses Vieh lebend in den Kamin kommt“ (vgl. 150). „Ein Kreideporträt ist Anlaß für diese Recherche, an deren Ende das vorliegende Porträt eines Lebens und einer Liebe in Auschwitz steht“ (136).

Bernd Bothe


Jahrgang 4/1997 Seite 143



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