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Gertrud Luckner
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Kohn-Ley, Charlotte; Korotin, Ilse (Hg.)

Der feministische „Sündenfall“?

Antisemitische Vorurteile in der Frauenbewegung. Picus-Verlag, Wien 1994. 263 Seiten.

Es ist sehr zu begrüßen, daß sich ein Verlag fand, die wichtigen und äußerst aktuellen, aber sicher nicht publikumswirksamen Untersuchungen zum Thema Feminismus/Antisemitismus herauszubringen. Der Band enthält die Beiträge von Wissenschaftlerinnen, Theologinnen, Historikerinnen und Soziologinnen (Johanna Gehmacher, Susanne Heine, Susannah Heschel, Charlotte Kohn-Ley, Ilse Korotin, Anita Natmessnig, Hannelore Schröder, Maria Wölflingseder). Gemeinsam ist ihnen das Engagement für die Rechte der Frauen und die Gabe, ihre Anliegen und Erkenntnisse in klarer Form darzustellen, mit der Einschränkung allerdings, daß das Lesen zu einem visuellen Hindernislauf wird wegen der heute unvermeidlich gewordenen häufigen Verwendung der häßlich-schwerfälligen männlich/weiblichen Substantivformen.

Bei der Lektüre der sieben Essays zum Thema Feminismus/Antisemitismus steht man immer wieder vor dem unglaublichen Phänomen, daß das, wogegen die Autorinnen ihr ganzes Wissen aufbieten, so ernst genommen werden muß. Es ist ungeheuerlich, was für abstruse Gedanken und „Erkenntnisse“ einige vielbeachtete feministisch-christliche Theologinnen propagieren. Teilweise stammen diese Weisheiten noch aus der NS-Zeit, und andere berufen sich auf J. J. Bachofens Matriarchatsforschung, die ja selbst auf hypothetischem Fundament ruht und längst wissenschaftlich überholt ist. Am gefährlichsten — nicht nur — für die notwendige unterstützungswürdige Frauenbewegung und die Anerkennung und Besserstellung der Frau in der modernen Welt ist neuerdings die Verquickung mit New-Age-Bewegung und Esoterik. Dort entbehrt fast alles der Logik, und alles beruht auf einem absoluten Glauben an die Wahrheit, was eo ipso zur Ausgrenzung und zu minderem Status der so nicht Glaubensbereiten führt.

Dem extremen Feminismus inhärent, wie übrigens allen von einem einzigen Ziel hypnotisierten Gemeinschaften, ist die Unfähigkeit des Wahrnehmens dessen, was an Schädlichem auf dem alleinseligmachenden Weg einfließt und unreflektiert weitertransportiert wird. Darauf hingewiesen, wird diese Tatsache entweder empört geleugnet oder abgewiegelt, so z. B. wenn sich einige dieser Feministinnen sogar auf Otto Weininger(!) stützen, nur weil er gegen den patriarchalen Gott Jahwe der Juden und die ebenfalls frauenunterdrückerisch empfundene hebräische Bibel ist. Daß er vehementer Antisemit war, wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen oder auf den hermeneutischen Unterschied von Antijudaismus und Antisemitismus reduziert. Verblendet von ihrem Haß gegen das Patriarchat und die Männer allgemein, merken diese Verfechterinnen eines rigorosen Feminismus nicht, daß sie dem Wort Antijudaismus aufsitzen, das nur eine durchsichtige Verharmlosung eines ganz kruden Antisemitismus ist.

Die anscheinend sehr bekannten Apologetinnen der populären christlich-feministischen Literatur springen auf eigenartige Weise mit dem AT und NT um. Sie lesen Dogmen hinein und Interpretationen heraus, wie es ihnen in ihren primitiven, extrem feministischen Kram gerade paßt. Im AT sehen sie nur den Göttinnen mordenden und Frauen unterdrückenden Patriarchen Jahwe, im NT machen sie aus Jesus eine mütterliche Kultfigur, die mehr oder weniger aus dem Blauen heraus eine feministische Liebesbotschaft verkündet. Daß Jesus, der Jude, das Gebot der Liebe des alttestamentarischen Gottes Jahwe für alle Menschen bloß unter dem in Jahrhunderten erstarrten, von Menschen angehäuften Berg von Vorschriften und Gesetzen wieder hervorholte und auf neue Art verkündete, das begreifen sie nicht oder wollen sie nicht sehen.

Je länger man sich in die sehr objektive und logische Beweisführung gegen die antisemitisch-feministischen Elaborate einliest, die der „Sündenfall“ zu widerlegen unternimmt, desto mehr bedauert man die Autorinnen, die so primitiv Handgestricktes ausführlich lesen mußten, um sich damit auseinanderzusetzen, und kommt aus dem Staunen nicht heraus, daß so gehässiger Unsinn überhaupt ernstgenommen und entkräftet werden muß. Doch die hohen Auflagenziffern und der zunehmende Einfluß in esoterischen und fundamental-feministischen Zirkeln erfordern diese frustrierende Arbeit für Verantwortungsbewußte.

Eva Auf der Maur


Jahrgang 4/1997 Seite 137



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